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Coronavirus-Ausbruch: Muss infiziertes Klinikpersonal trotzdem arbeiten?

Corona-Fallzahlen steigen weiter  

Muss infiziertes Klinikpersonal trotzdem arbeiten?

Von Melanie Weiner, Sandra Simonsen

04.11.2020, 07:57 Uhr
Coronavirus-Ausbruch: Muss infiziertes Klinikpersonal trotzdem arbeiten?. Medizinisches Personal in der Corona-Krise: Es reicht nicht, verfügbare Betten und Beatmungsgeräte zu zählen.  (Quelle: imago images/Westend61)

Medizinisches Personal in der Corona-Krise: Es reicht nicht, verfügbare Betten und Beatmungsgeräte zu zählen. (Quelle: Westend61/imago images)

Die Infektionszahlen erreichen fast täglich neue Rekordwerte – noch gibt es zwar ausreichend Platz in den Krankenhäusern, doch das medizinische Personal schlägt Alarm. Sind die Kliniken bereits überlastet?

Täglich steigen die Corona-Fälle in Deutschland, mittlerweile werden auch die Intensiv- und Krankenbetten in deutschen Kliniken wieder zunehmend von Covid-19-Patienten belegt. Während es bei den Betten allerdings noch eine Notfallreserve gibt, ist das Kranken- und Pflegepersonal bereits jetzt am Limit. Deshalb rückt auch eine Option wieder in den Fokus, die beispielsweise in Nachbarländern wie Belgien zuletzt Usus war: Muss infiziertes Klinikpersonal auch in Deutschland trotzdem weiterarbeiten?

Wie ist die aktuelle Lage auf den Intensivstationen?

Die Zahl der intensivmedizinisch behandelten Covid-19-Fälle hat sich in den vergangenen zwei Wochen von 769 Patienten (18. Oktober) auf 2.061 Patienten (1. November) fast verdreifacht, wie es im RKI-Lagebericht vom Sonntagabend heißt.

Der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, rechnet mit einem neuen Höchststand an Intensivpatienten: "In zwei bis drei Wochen werden wir die Höchstzahl der Intensivpatienten aus dem April übertreffen, und das können wir gar nicht mehr verhindern. Wer bei uns in drei Wochen ins Krankenhaus eingeliefert wird, ist heute schon infiziert", sagte er der "Bild"-Zeitung.

Der bisherige Höchststand intensivmedizinisch behandelter Covid-19-Patienten hatte nach Daten der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) bei 2.933 am 18. April gelegen. Damals waren noch rund 3.400 der Betten in den Kliniken frei. Für den 1. November waren beim DIVI 2.061 Corona-Patienten und rund 7.500 freie Plätze erfasst.

In der vergangenen Woche hatte auch DIVI-Präsident Uwe Janssens vor der sich zuspitzenden Lage gewarnt. "In 14 Tagen haben wir die schweren Krankheitsfälle, und unsere großen Zentren kommen unter Maximalbelastung", sagte er. Das Problem sei nicht so sehr die Zahl der Intensivbetten: "Wir haben mehr Betten und mehr Beatmungsgeräte als zu Beginn der Pandemie. Aber wir haben nicht eine müde Maus mehr beim Personal." Genau das ist auch das Problem, das bereits im Frühjahr zur Empfehlung des Robert Koch-Instituts führte.

Was empfiehlt das Robert Koch-Institut?

In einem Dokument hat das Robert Koch-Institut recht genaue Angaben dazu gemacht, wie mit Corona-Infektionen unter Ärzten und Pflegekräften zu verfahren ist. Grundsätzlich stehen sich in der Corona-Pandemie zwei Ziele gegenüber: Die Quarantäne von medizinischem Personal mit Kontakt zu einem Corona-Fall und somit der Infektionsschutz und die Gewährleistung der akutmedizinischen Versorgung. 

"Ist die adäquate Versorgung der Patientinnen und Patienten durch Personalengpässe nicht mehr möglich, kann es notwendig sein, die bestehenden Empfehlungen zum Umgang mit Kontaktpersonen und positiv auf SARS-CoV-2 getesteten Personen für medizinisches Personal anzupassen", heißt es dazu vom RKI. Dazu hat das Institut mehrere Handlungsoptionen aufgestellt, die allerdings nur dann eintreten sollen, wenn ein relevanter Personalmangel bestehe und die Versorgung der Patienten nicht mehr gewährleistet wäre. 

Erste Maßnahmen wären laut RKI die Absage von Behandlungen, die verschoben werden können sowie die Verlegung von Patienten in andere Kliniken und die Rekrutierung von zusätzlichem Personal. Darüber hinaus gibt es jedoch auch Ausnahmeregelungen für das medizinische Personal. 

Bei "relevantem Personalmangel" sei es beispielsweise möglich, medizinisches Personal zur Arbeit zuzulassen, das als Kontaktperson eines Infizierten gilt. Sie dürfen ihre Quarantäne dann jedoch ausschließlich für die Arbeit und den Arbeitsweg unterbrechen. "Auf keinen Fall dürfen aber in der Quarantänezeit zum Beispiel Veranstaltungen, Geschäfte oder Restaurants besucht werden", betont das Institut. Für die Entscheidung, ob eine Kontaktperson trotzdem arbeiten "darf", wird bewertet, wie intensiv der Kontakt zu der infizierten Person war. Je nach Fall gilt dann beispielsweise eine verkürzte Quarantäne von einer statt zwei Wochen. 

Treten bei medizinischem Personal Corona-Symptome auf, empfiehlt das RKI die "umgehende Freistellung von der Tätigkeit", einen Corona-Test sowie Selbstisolation bis zum Testergebnis. 

"In Situationen mit relevantem Personalmangel kann medizinisches Personal mit Symptomen bei negativem Testergebnis und Arbeitsfähigkeit die Krankenversorgung mit medizinischem Mund-Nasen-Schutz wieder aufnehmen", heißt es weiter vom RKI. Und: "SARS-CoV-2-positives Personal wird nicht in der Krankenversorgung eingesetzt." Aber: "In absoluten Ausnahmefällen ist die Versorgung nur von Covid-19-Patientinnen und Patienten denkbar."

Auf Anfrage von t-online heißt es vom RKI: "In diesen Ausnahmefällen muss das lokale Gesundheitsamt einschätzen, inwieweit ausreichend Kapazitäten in der Pflegeeinrichtung vorhanden sind und dies entsprechend steuern."

Sind die Kapazitäten in den Kliniken erschöpft? 

Die Zahlen der freien Krankenhaus- und Intensivbetten sind längst nicht allein ausschlaggebend dafür, ob die Kapazitäten in den deutschen Kliniken aufgebraucht sind. 

So betont Gesundheits- und Krankenpfleger Alexander Jorde im Gespräch mit t-online: "Die Kapazitätsgrenze beim Personal ist schon vor Jahren erreicht. Bereits vor Covid-19 mussten viele Krankenhäuser Betten sperren, weil nicht genug Personal vorhanden war. Nur Betten und Beatmungsgeräte allein heilen keine Patienten." Es brauche Fachpersonal mit mehreren Jahren Ausbildung. "Das lernt auch niemand in ein paar Wochen." Jorde erklärt außerdem, der Aufenthalt auf einer Intensivstation bedeute für viele einen langen Leidensweg "mit zum Teil lebenslangen Einschränkungen".

Einen Personalengpass in den Kliniken sieht auch Prof. Dr. Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen. Im Gespräch mit t-online sagt er: "Der Personalmangel im Gesundheitswesen begleitet uns schon länger. Corona hat dieses Defizit nur nochmals besonders deutlich gemacht." Ihm zufolge werde es noch länger dauern, den Pflegenotstand aufzulösen. Aktuell gebe es nicht genug Pflegekräfte, um alle in Deutschland zur Verfügung stehenden Intensivbetten auch nutzen zu können.

 (Quelle: Jürgen Heinrich/imago images) (Quelle: Jürgen Heinrich/imago images)
Alexander Jorde wurde 2017 durch seinen Auftritt in der "ARD"-Wahlarena bekannt, als er im Gespräch mit Bundeskanzlerin Merkel auf die Missstände in der Pflege aufmerksam machte. Auch jetzt kritisiert der Gesundheits- und Krankenpfleger die Zustände in seinem Beruf scharf.

Das bestätigt auch Wieland Rose, der selbst in der Pflege tätig ist: "Schon vor der Pandemie war es so, dass immer argumentiert wurde, dass es genug freie Betten gibt, das sind eben die wichtigsten Kennzahlen für die Krankenhäuser: Ein belegtes Bett gibt Geld, ein unbelegtes nicht. Und da war es egal, ob Personal da war oder nicht." Um aber alle Betten, die es gibt, belegen zu können, fehle schlichtweg das Personal. Das werde jetzt durch das Coronavirus noch dramatischer. Hinzu komme, dass jetzt auf die Schnelle ungelernte Kräfte auf die Intensivstationen gebracht werden sollen. "Das ist hochgefährlich", betont Wieland Rose, die Arbeit auf der Intensivstation sei eine ganz andere Herausforderung. 

Wie funktioniert das RKI-Konzept in der Praxis?

Bereits im Frühjahr gab es vereinzelte Meldungen, dass mit dem Coronavirus infiziertes Personal trotzdem weiterarbeiten darf und soll. So berichtete beispielsweise die "Heilbronner Stimme" von einem Pflegeheim, in dem mehr als 20 von 38 Bewohnern und 18 der 27 Angestellten positiv auf das Virus getestet wurden. Das Personal solle in kompletter Schutzkleidung weiterarbeiten, "damit der Pflegebetrieb nicht zusammenbricht". Ähnliches wird jetzt auch aus Nachbarländern wie Belgien berichtet.

"Bei uns arbeitet noch keiner, der positiv auf Covid-19 getestet ist", sagt Prof. Werner. Dabei spiele es auch keine Rolle, ob die Corona-Infektion symptomfrei verlaufe oder nicht. "Wer sich mit dem Virus infiziert hat, muss in häusliche Quarantäne und wird nicht zur Versorgung der Patienten eingesetzt. Grundsätzlich soll ohnehin niemand arbeiten, der krank ist", so Prof. Werner. So sei die aktuelle Situation, doch das Beispiel aus Belgien zeige auch, wie schnell sich Vorgaben ändern können, wenn Situationen außer Kontrolle geraten. Denn "trotz aller Vorsichtsmaßnahmen und Vorkehrungen besteht immer ein gewisses Restrisiko, dass sich Personal mit Covid-19 infiziert", sagt Werner.

 (Quelle: Privat/Prof. Werner) (Quelle: Privat/Prof. Werner)
Prof. Dr. Jochen A. Werner ist Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen.

"Mir sind solche Beispiele aus Deutschland während der zweiten Infektionswelle noch nicht bekannt, wohl aber aus anderen Ländern", sagt auch Alexander Jorde. "Ich halte das aber für grob fahrlässig und ich würde allen Kollegen empfehlen, unter solchen Bedingungen nicht zu arbeiten." Er halte zwar das Tragen von Masken für sehr sinnvoll, es schließe ein Ansteckungsrisiko aber nicht gänzlich aus. Auch Abstandhalten sei bei der Arbeit im Krankenhaus nicht möglich. "Um es auf den Punkt zu bringen: Wir sollten den jahrelangen Mangel an Pflegepersonal nicht dadurch kompensieren, dass wir unser Leben aufs Spiel setzen. Man könnte durch attraktive Zulagen versuchen, ehemaliges Personal zu gewinnen statt infizierte Mitarbeiter einzusetzen, aber das scheint der Politik dann doch zu teuer zu sein."

Konzept kann Folgen für Personal und Patienten haben 

Und: Wenn infiziertes Personal trotzdem weiter arbeitet, kann das natürlich auch Folgen für die Patienten haben. Man könne die Patienten zwar durch das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung schützen, trotzdem sei die Gefahr erhöht, so Jorde. "Die Maske muss ja nur mal schlecht sitzen oder herunterrutschen. Und auch beim Niesen fliegt einiges an der Maske vorbei und breitet sich im Raum aus. Ein Risiko kann also nicht ausgeschlossen werden. Es ist schlicht nicht praktikabel."

Auch Wieland Rose hat zwar noch keinen Fall persönlich miterlebt, allerdings von der Praxis gehört. "Das ist auch nicht unüblich", erklärt er, "dass der Pflege gesagt wird: Mit 38 Grad Fieber und ein bisschen Husten und Schnupfen kann man arbeiten gehen." Als Pflegekraft sehe er das nicht als rein theoretisches Modell, sondern als realistische Option, die umgesetzt wird. Auch Rose betont, dass im Krankenhausbetrieb kaum Abstand gehalten werden könne: "Infizierte Mitarbeiter können das Virus weitertragen und auch Kollegen anstecken." Hinzu komme, dass die Intensität der Krankheit häufig davon abhänge, wie hoch die Virenlast ist: Infizierte gefährden also sich selbst und auch die Patienten. 

Im Gespräch mit t-online erzählt auch Benjamin Jäger, Vorsitzender der Pflegegewerkschaft "Bochumer Bund", er habe zwar von Fällen in sozialen Netzwerken gelesen, kenne aber niemanden persönlich. Auch er betont, dass es keinen hundertprozentigen Schutz gebe und somit natürlich immer die Gefahr bestehe, Kollegen oder Patienten zu infizieren. "Ich kann mir auch vorstellen, dass die Pflegefachperson, die dazu genötigt wird, mit einem positiven Test zu arbeiten, aus einem eigenen Schutzbedürfnis heraus, nachlässiger wird, weil die Arbeitsbedingungen so untragbar sind, dass man versucht, der Situation schnell wieder zu entgehen."

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Nachrichtenagentur dpa
  • DIVI-Zentralregister
  • Robert Koch-Institut
  • Heilbronner Stimme: "Warum infizierte Pflegekräfte arbeiten dürfen", 9. April 2020
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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