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Darf man Ungeimpften die Behandlung verweigern?

Von Christiane Braunsdorf

Aktualisiert am 01.12.2021Lesedauer: 3 Min.
Intensivstation in Gießen: DĂŒrfen Mediziner die Behandlung Ungeimpfter vernachlĂ€ssigen?
Intensivstation in Gießen: DĂŒrfen Mediziner die Behandlung Ungeimpfter vernachlĂ€ssigen? (Quelle: picture alliance/dpa | Boris Roessler/dpa-bilder)
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Die Corona-Lage in den KrankenhÀusern spitzt sich zu, die Intensivstation werden immer voller. Nun fordern erste Experten, die Behandlung der Patienten vom Impfstatus abhÀngig zu machen.

Kaum etwas schlĂ€gt derzeit so hohe Wellen wie die Spaltung des Landes in Geimpfte und Ungeimpfte. Klar ist: WĂ€re die Impfquote höher, wĂŒrden die KrankenhĂ€user nicht an ihre KapazitĂ€tsgrenzen stoßen. Durch Maßnahmen wie 2G und Ausgangssperren soll der Druck auf Ungeimpfte erhöht werden. Nun fordern erste Experten eine politische KlĂ€rung der Frage, ob Geimpfte in einer Triage-Situation Ungeimpften vorgezogen werden sollen.


Booster-Impfung: FĂŒr wen sie besonders wichtig ist

Senior: Über 80-JĂ€hrige sollten sich den dritten Piks abholen, weil bei ihnen die Immunantwort nach der Impfung oft nicht so stark ausfĂ€llt. Zudem zĂ€hlen sie generell zu den Risikogruppen fĂŒr einen schweren Verlauf von Covid-19. (Symbolbild)
Tabletteneinnahme: Bestimmte Medikamente wie Immunsuppressiva fĂŒhren zu einer ImmunschwĂ€che. Diese wiederum kann die Wirkung der Corona-Impfung beeintrĂ€chtigen. Allen Personen mit ImmunschwĂ€che wird deshalb eine Booster-Impfung empfohlen. (Symbolbild)
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"Triage" leitet sich von dem französischen Wort "trier" ab, das "sortieren" oder auch "aussortieren" bedeutet. Unter Triage wird in der Notfall- und Katastrophenmedizin die Einteilung von Verletzten oder Erkrankten im Fall eines Massenaufkommens von Patienten verstanden. Die Entscheidung darĂŒber, wer behandelt wird, richtet sich dabei nach dem Schweregrad der Verletzungen und der Dringlichkeit der Behandlung.

Die Medizinethikerin Annette Dufner erklĂ€rte in der "Rheinischen Post": "Unter dem Strich glaube ich, dass sich die Beachtung des Impfstatus in einer ĂŒberfĂŒllten Intensivstation durchaus argumentieren ließe." Auch andere Experten Ă€ußerten sich Ă€hnlich.

Ihnen widersprach die Deutsche InterdisziplinĂ€re Vereinigung fĂŒr Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) mit anderen Fachgesellschaften und stellte klar: Der Impfstatus eines schwer erkrankten Covid-Patienten darf bei der Entscheidung ĂŒber die weitere Behandlung keine Rolle spielen. Der Medizinethiker Dr. Georg Marckmann hat die Fachgesellschaften beraten. t-online sprach mit ihm.

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Herr Marckmann, rund um das Thema der Corona-Impfung ist die Stimmung extrem aufgeheizt. Nehmen Sie das auch so wahr?

Ja, die Debatte wird leider sehr emotional gefĂŒhrt.

Nun mĂŒssen vielerorts Operationen und Eingriffe verschoben werden, weil die BettenkapazitĂ€ten erschöpft sind. Unter den betroffenen Geimpften sorgt das augenscheinlich fĂŒr viel UnverstĂ€ndnis und Wut ...

ZunĂ€chst muss man dazu sagen: Bei der Verschiebung von Operationen wird nach dem Kriterium der Dringlichkeit priorisiert. Es werden nur solche Eingriffe verschoben, bei denen sich innerhalb der nĂ€chsten drei Monate die Überlebenswahrscheinlichkeit der Patienten nicht erhöht.

Dr. Georg Marckmann
Dr. Georg Marckmann (Quelle: privat/ Fotograf: Yves Krier)


Dr. Georg Marckmann ist Vorstand des Instituts fĂŒr Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen.

Aber klar ist: WÀre die Impfquote höher, wÀren wir jetzt nicht in dieser Situation ...

Richtig. Und man merkt daran ja auch mal wieder, dass eine Impfung eben doch keine reine Privatsache ist. Die Entscheidung darĂŒber bleibt eine individuelle, hat aber mögliche negative Auswirkungen auf andere. Und das scheint bei einigen die Überlegung zu triggern, Geimpfte bei akuter Knappheit bevorzugt zu behandeln. Kurz: Wer nicht geimpft ist, wird nicht behandelt.

Was spricht aus Ihrer Sicht dagegen?

Zum einen: Die Àrztlichen Hilfspflichten gelten unabhÀngig davon, ob der Betroffene schuldhaft in diese Situation gekommen ist. Nehmen Sie die Bergmediziner. Sie retten auch Personen, die durch Leichtsinn ihren Unfall selbst verursacht haben. Eine Nichtbehandlung in lebensbedrohlichen Situationen widerspricht dem Àrztlichen Ethos.

Zum anderen: Aus gutem Grund werden die LeistungsansprĂŒche in unserem Gesundheitssystem nicht durch ein mögliches Selbstverschulden eingeschrĂ€nkt. Von diesem Grundsatz können wir jetzt mitten in einer Pandemie nicht plötzlich abweichen, ohne dass es hierfĂŒr eine entsprechende gesetzliche Legitimation gibt.

Nun bereiten sich einige Kliniken auf eine mögliche Triage vor ...

Durch die Orientierung am Kriterium der klinischen Erfolgsaussicht sollen möglichst viele Menschen gerettet und die Tragik der Entscheidungen minimiert werden. Es zĂ€hlt damit allein die Überlebenswahrscheinlichkeit und nicht die Frage, ob jemand geimpft oder nicht geimpft ist.

Die KassenĂ€rztliche Vereinigung Berlin hat den Vorstoß gemacht, Ungeimpfte sollten an den Behandlungskosten beteiligt werden.

Intuitiv scheint sich das fĂŒr viele Menschen zunĂ€chst einmal richtig anzuhören. Man muss das aber auch zu Ende denken. Wo mĂŒsste dieser Grundsatz dann noch zum Einsatz kommen? Wir mĂŒssen uns klar machen: Im Regelfall sind Gesundheitsstörungen nicht klar und eindeutig auf das Verhalten des Betroffenen zurĂŒckzufĂŒhren. Und es ist nicht immer klar, ob das gesundheitsschĂ€digende Verhalten auf einer wohlinformierten, selbstbestimmten Entscheidung des Betroffenen beruht. Auch der Impfverzicht kann beispielsweise durch Falschinformationen bedingt sein.

Abschließend gefragt: Was ist Ihre Prognose, wie kommen wir aus der vierten Welle heraus? Eine Impfpflicht hilft uns ja kurzfristig nicht weiter.

Ich befĂŒrchte nicht. Stattdessen sollten wir die drei Millionen ĂŒber 60-JĂ€hrigen umgehend impfen und alle in dieser Altersgruppe boostern. Zusammen mit Vorerkrankten sind das die Risikogruppen fĂŒr schwere KrankheitsverlĂ€ufe. Es war ein Fehler, die dritte Impfung erst so spĂ€t anzubieten. Diese Risikopatienten mĂŒssen jetzt aktiv angesprochen werden, per Termin vom Hausarzt einbestellt oder zu Hause aufgesucht werden. FĂŒr sie sind die Impfungen am wichtigsten, auch mit Blick auf eine weitere Infektionswelle durch eine Variante.

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Herr Marckmann, wir danken Ihnen fĂŒr das GesprĂ€ch!

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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