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Blinde Frauen sollen Brustkrebs ertasten

Brustkrebs  

Blinde Frauen sollen Brustkrebs ertasten

22.07.2009, 19:17 Uhr | Dirk Zirke/Spiegel Online

Brustkrebs: Jedes Jahr erkranken 50.000 Frauen. (Foto: Archiv)Brustkrebs: Jedes Jahr erkranken 50.000 Frauen. (Foto: Archiv)Das Fingerspitzengefühl blinder Frauen macht sie zu besonders guten Tastuntersucherinnen. Die Spezialistinnen ergänzen so den ärztlichen Brustkrebs-Check - und entdeckten einen Knoten mitunter sogar früher als der Mediziner.

Langsam tasten sich Marie-Luise Volls Finger über die rechte Brust ihrer Patientin. Die rechte Hand gibt die Richtung vor, die linke folgt ihr. Im Dreivierteltakt geht es in waagerechten Linien durch die erste Untersuchungszone zwischen rechter Achselhöhle und Brustwarze: linker Zeigefinger vor, eins, linken Mittelfinger nachziehen, zwei, rechte Hand heranführen, drei. Dann lässt sie Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand dreimal kreisen, vier, fünf, sechs. Bei jeder Umdrehung erhöht sie den Druck, um alle Tiefen der Brust zu erfassen. "Wir nennen das den MTU-Walzer", erklärt die 57-Jährige.

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Trainierter Tastsinn

Marie-Luise Voll ist Medizinische Tastuntersucherin (MTU) - ein Beruf nur für blinde Frauen. Vor drei Jahren verlor die ehemalige Krankenschwester ihr Augenlicht. Seitdem sucht sie mit ihren Fingern nach Knoten in den Brüsten ihrer Patientinnen. "Als Blinde trainiere ich täglich meinen Tastsinn", sagt Voll. "Zum Beispiel wenn ich Blindenschrift lese. Dann muss ich jeden einzelnen Punkt genau ertasten, das hilft mir jetzt natürlich bei den Untersuchungen."

Mehr Zeit zum Tasten als ein Arzt

Seit einem Jahr arbeitet sie in einer gynäkologischen Praxis in Duisburg. Ihrem Chef, dem Frauenarzt Frank Hoffmann, verdankt sie ihren jetzigen Beruf. Denn der rief vor zwei Jahren das Projekt "Discovering Hands" ins Leben. "Die einzige gesetzlich vorgesehene Brustkrebsvorsorgeuntersuchung bei Frauen unter 50 Jahren ist das Abtasten der Brust", sagt der Frauenarzt, "und diese Untersuchungen wollte ich verbessern." Im regulären Praxisbetrieb habe der Arzt nicht genügend Zeit, um seine Patientinnen ausführlich abzutasten: "Dafür sind die Rahmenbedingungen einfach zu schlecht", meint Hoffmann. "Ich kann nicht 30 Minuten lang nur die Brust untersuchen, mir bleiben dafür höchstens ein paar Minuten." Die Medizinischen Tastuntersucherinnen dagegen haben mehr Zeit: Eine Untersuchung dauert mindestens eine halbe, je nach Brustgröße bis zu einer Stunde. Sie kostet 25 bis 35 Euro und wird als individuelle Gesundheitsleistung bisher nur von einer Krankenkasse übernommen.

Gespräch nimmt die Angst

Marie-Luise Voll ist bei ihrer Untersuchung mittlerweile in Zone zwei - der linken Hälfte der rechten Brust - angekommen. Bisher hat sie noch keine Veränderung im Brustgewebe ihrer Patientin ertastet. Die beiden Frauen unterhalten sich über Alltägliches, denn außer dem Faktor Zeit spielen auch Vertrauen, Einfühlungsvermögen und Sympathie eine große Rolle bei der medizinischen Tastuntersuchung. "Einige Frauen, die zu mir kommen, haben große Angst vor Brustkrebs", sagt Voll. "Da versuche ich zu beruhigen und Ängste zu nehmen."

Bundesweites Training für blinde Frauen

Gelernt hat sie das während ihrer Weiterbildung am Berufsförderungswerk für Blinde und Sehbehinderte im nordrhein-westfälischen Düren. Insgesamt sind dort bisher zehn blinde Frauen zu Medizinischen Tastuntersucherinnen ausgebildet worden. Mirell Gräßer gehörte zu den Ersten, die die von der Ärztekammer Nordrhein anerkannte Prüfung abgelegt haben. Inzwischen arbeitet sie als MTU in einer Frauenarztpraxis in Monheim bei Köln und auch als Ausbilderin zukünftiger Tastuntersucherinnen in Düren. "Der Andrang in den Praxen ist sehr groß", berichtet die 34-Jährige. "Die Patientinnen kommen häufig von weit her, zum Teil auch aus dem Ausland." Auch deswegen sollen neue MTU bald bundesweit ausgebildet werden. Zurzeit läuft das Training der neuen Ausbilder im Berufsförderungswerk Düren. Ab April 2010 sollen blinde Frauen voraussichtlich auch in Mainz, Nürnberg und Halle zu Medizinischen Tastuntersucherinnen qualifiziert werden.

Abtasten soll Mammografie ergänzen

Das Projekt "Discovering Hands" stößt aber nicht überall auf Gegenliebe: "Natürlich gibt es Kritik", berichtet Frauenarzt Hoffmann. "Vor allem von Verfechtern der apparativen Diagnostik. Also denjenigen Kollegen, die bei der Brustkrebsfrüherkennung auf Ultraschall oder Mammografie setzen." Die Tastuntersucherinnen sollen diese Verfahren jedoch nicht ersetzen, sondern ergänzen. "Durch ihren besonders gut ausgeprägten Tastsinn können die blinden Frauen helfen, Veränderungen im Brustgewebe so früh wie möglich zu erkennen", sagt Hoffmann.

Blinde Frauen besser als Ärzte

Eine Begleitstudie der Universitätsfrauenklinik Essen scheint ihm recht zu geben: Dabei wurden 450 Frauen sowohl von Medizinischen Tastuntersucherinnen als auch von Ärzten abgetastet. "Es hat sich gezeigt, dass unsere MTU mindestens genauso gut getastet haben wie die Ärzte", sagt Frank Hoffmann. "In dem Test haben die blinden Frauen mehr und auch kleinere Veränderungen ertastet als die Mediziner." Aufgrund der geringen Stichprobe sei das Ergebnis allerdings nicht repräsentativ.

Ultraschall übersieht kleine Knoten

Trotzdem ist auch Tastuntersucherin Mirell Gräßer von ihrer Arbeit überzeugt. Bei einer Untersuchung hat sie einmal einen Knoten von zwei Millimetern Durchmesser ertastet. Das ist derart klein, dass ein Arzt ihn bei einer Ultraschalluntersuchung vielleicht übersehen hätte. "Bei so kleinen Veränderungen muss der Ultraschall schon punktgenau eingesetzt werden", sagt Gräßer, "sonst kann es sein, dass sie nicht erkannt werden." Diese genauen Koordinaten für die weitere Untersuchung durch den Arzt liefern die Tastuntersucherinnen.

"Das ist wie beim Schiffeversenken"

Marie-Luise Voll lässt ihre Finger jetzt in Zone drei, später durch Zone vier im Takt des MTU-Walzers kreisen. Die Zonen sind durch Orientierungsstreifen gekennzeichnet, die auf die Brust aufgeklebt werden. Die Streifen liefern die vertikalen Koordinaten, die Bewegung der Finger die horizontalen. "Das ist wie beim Schiffeversenken", sagt Voll. "Wenn wir eine Auffälligkeit gefunden haben, können wir den Ärzten genau mitteilen, wo." Und die Mediziner können dann ganz gezielt die weiteren Schritte einleiten.

50.000 Erkrankungen pro Jahr

Denn MTU und Arzt arbeiten immer im Team, erklärt Frank Hoffmann: "Letztendlich ist immer der Arzt verantwortlich. Er entscheidet, welche Schritte unternommen werden müssen und wie eine eventuelle Therapie aussieht." Jedes Jahr erkranken in Deutschland mehr als 50.000 Frauen an Brustkrebs, mehr als 15.000 sterben an der Krankheit. Auch Hoffmann weiß, dass eine MTU keine Brustkrebsprävention leisten kann. "Aber ist ein Tumor kleiner als ein Zentimeter und noch nicht metastasiert, dann steigen die Chancen auf eine erfolgreiche Operation deutlich."

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