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Krebs: Wird bei Krebsverdacht oft unnötig operiert?

Wird bei Krebsverdacht oft unnötig operiert?

16.07.2010, 12:32 Uhr | Lauran Neergard, apn, dapd

Krebs: Wird bei Krebsverdacht oft unnötig operiert?. Krebs: Mammographie soll Brustkrebs im Frühstadium erkennen. (Foto: imago)

Krebs: Mammographie soll Brustkrebs im Frühstadium erkennen. (Foto: imago)

Regelmäßige Krebsvorsorge ist richtig und wichtig. Durch verbesserte Untersuchungsmethoden werden auch immer mehr verdächtige Gewebeveränderungen entdeckt. Aber wird womöglich vorschnell Alarm geschlagen? Und sind Operation und Chemotherapie sofort nötig? Ärzte und Patienten müssen Vor- und Nachteile der Früherkennung abwägen.

Wie aggressiv muss Brustkrebs bekämpft werden?

Als ihr Brustkrebs im Frühstadium entdeckt wurde, wünschte sich die Amerikanerin D.J. Soviero eine möglichst schonende Therapie. Aber ihr Arzt wollte das volle medizinische Arsenal nutzen: Zuerst operative Entfernung des Tumors, dann Bestrahlung und Chemotherapie. In ihrer Not wandte sich die Patientin aus San Francisco an die Universität von Kalifornien. Die Mediziner versorgten sie mit neutralen Informationen zu den Vor- und Nachteilen verschiedener Vorgehensweisen. "Da merkte ich, dass ich keinen Vorschlaghammer brauchte", sagt die Frau. "Ich hatte die Wahl." Sie entschied sich für Operation und Bestrahlung und verzichtete auf die Chemotherapie.

"Es geht nicht darum, jeden Krebs zu finden"

Noch vor wenigen Jahrzehnten wäre das unvorstellbar gewesen. Damals galt die Maxime, dass die frühe Diagnose von Krebs und eine möglichst aggressive Behandlung Leben retten. Nun klagen Experten, immer mehr Tumore würden viel zu zeitig entdeckt. "Lange hieß die Parole Früherkennung, Früherkennung, Früherkennung", sagt die Brustkrebs-Expertin Laura Esserman von der Universität von Kalifornien. "Das ist manchmal angebracht, aber nicht immer." Eine gerade publizierte Studie der Medizinerin zeigt, dass die Mammografie immer häufiger Tumore findet, die scheinbar nicht sehr gefährlich sind. "Es geht nicht darum, jeden Krebs zu finden", betont sie. "Stattdessen muss man besser unterscheiden, was man findet." Immer häufiger spüren Untersuchungen Tumore auf, die das Leben eines Menschen nicht gefährden.

Ärztefrage: Wann ist eine Behandlung wirklich nötig?

Dass solche Überdiagnosen ein Nachteil sind, räumen mittlerweile selbst entschiedene Verfechter von Früherkennung ein. Das Problem: Ärzte können nicht zuverlässig abschätzen, welche Wucherungen gefährlich sind. "Wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir bei der Früherkennung eines Tumors zwischen den Vorteilen und den dadurch verursachten Risiken abwägen müssen", sagt Len Lichtenfeld von der Amerikanischen Krebsgesellschaft. "Wir behandeln mehr Patienten als nötig. Wir wissen bloß nicht, bei wem das unnötig ist."

PSA-Test für Prostatakrebs ist umstritten

Nirgends ist das Problem so deutlich wie bei Prostatakrebs. Zur Früherkennung dient ein Bluttest auf das von der Vorsteherdrüse gebildete Prostata-spezifische Antigen (PSA). Aber erst kürzlich zeigte eine große US-Studie, dass zwei von fünf durch den PSA-Test entdeckten Tumoren so langsam wachsen, dass sie keine Probleme verursachen. In einer europäischen Studie mussten 10.000 Männer untersucht werden, um vier tödliche Erkrankungen an Prostatakrebs zu verhindern. Für jeden vermiedenen Todesfall wurden 48 Männer einer Behandlung unterzogen - und riskierten Nebenwirkungen wie Inkontinenz und Impotenz. Amerikanische wie deutsche Verbände raten Männern daher, die Entscheidung für oder gegen den Test sorgfältig abzuwägen.

Auch bei der Mammographie gibt es Fehlalarme

Weniger umstritten ist die Brustkrebs-Früherkennung. Studien zufolge senkt die Mammografie das Risiko, an Brustkrebs zu sterben, um etwa ein Fünftel. Der Nachteil: Mehr als drei Viertel der jährlich entnommenen Gewebeproben entpuppen sich als Fehlalarme. Noch unklarer ist die Frage der Überdiagnosen, denn Brusttumore werden immer früher aufgespürt. Eine neue Studie deutet darauf hin, dass fast jeder vierte bei der Mammografie gefundene Brustkrebs unnötig behandelt wird. In Deutschland haben Frauen zwischen 50 und 69 alle zwei Jahre Anspruch auf eine Mammographie. Da unter Umständen falsche Befunde möglich sind, bekommen Frauen nun mit der Einladung zur Untersuchung ein Merkblatt mitgeschickt, in dem sie genauer als bisher über Vor- und Nachteile der Untersuchung aufgeklärt werden. Das Merkblatt zur Mammographie kann man auch auf der Homepage des Gemeinsamen Bundesausschusses von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen herunterladen.

Abwarten, statt sofort operieren

"Die Öffentlichkeit muss verstehen, dass dieses Feld sehr komplex ist und es Tumore gibt, die nur sehr langsam wachsen", sagt Essermann. Ihr Kollege Gilbert Welsh vom Dartmouth College fügt hinzu: "Das Problem ist, dass unsere Tests zu viel finden." Inzwischen warten Mediziner mitunter bei Krebspatienten einfach ab und beobachten, wie sich ein Tumor entwickelt. Aber die Entscheidung hängt letztlich auch von den Betroffenen ab. Manche wollen auf Nummer sicher gehen, andere bevorzugen den schonendsten Ansatz.

"Man weiß es immer erst im Nachhinein"

Zu diesen zählt die inzwischen 63 Jahre alte D.J. Soviero. Dass ihre rechte Brust noch immer tumorfrei ist, wertet sie als Bestätigung für ihre damalige Entscheidung gegen die Chemotherapie. Im vergangen Jahr fanden Mediziner in der linken Brust einen winzigen Tumor. Erneut wählte die Patientin nur Operation und Bestrahlung. "Das Schwierige bei solchen Entscheidungen ist, dass man sich nie sicher sein kann", sagt sie. "Ich hatte Glück und traf die richtige Entscheidung. Aber das weiß man immer erst im Nachhinein."

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online.de können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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