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Interview
Unsere Interview-Regel

Der Gesprächspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschließend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

"Ich kann Paaren nur raten, offen mit dem Thema umzugehen"

Birk Grüling, familie.de

Aktualisiert am 02.07.2021Lesedauer: 7 Min.
Thorsten Beyer: Der 43- Jährige hat seine Tochter adoptiert.
Thorsten Beyer: Der 43- Jährige hat seine Tochter adoptiert. (Quelle: Privat)
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Viele Paare bleiben ungewollt kinderlos. In der Gesellschaft wird darüber kaum gesprochen. Thorsten Beyer, der mit seiner Frau acht erfolglose Kinderwunschbehandlungen durchlief, erzählt von seinen Erfahrungen.

Fast jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren in Deutschland bleibt ungewollt kinderlos. Trotz dieser hohen Zahl ist das Thema immer noch ein gesellschaftliches Tabu.

Mit seinem Buch "Der neunte Storch" und seiner ganz persönlichen Geschichte will Thorsten Beyer genau damit brechen. Wir haben mit ihm über seine ganz "persönliche Reise vom unerfüllten Kinderwunsch zum großen Glück durch Adoption" gesprochen.

Verliebt, verlobt, verheiratet – und dann der Nachwuchs. Das war eigentlich der Plan von Thorsten Beyer und seiner Frau. Doch es kam ganz anders.

Acht Kinderwunschbehandlungen blieben bei ihm und seiner Frau erfolglos. Als es schließlich klappt, verloren sie das Baby in der zehnten Schwangerschaftswoche. Trotz dieser großen emotionalen Belastung hat ihre Geschichte ein Happyend: Sie adoptierten ihre Tochter. Im Interview erzählt der Buchautor seine Geschichte.

familie.de: Wann haben Sie das erste Mal gehört, dass Sie eine Kinderwunschklinik aufsuchen müssen und nicht auf "natürlichem" Weg schwanger werden können?

Thorsten Beyer: In unserem Bekanntenkreis kam ein Kind nach dem anderen zur Welt und bei uns wollte es einfach nicht klappen. Irgendwann ist man dann schon irritiert und sucht ärztlichen Rat.

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"Da wird einem extrem schlecht"


Meine Frau hat sich von ihrem Gynäkologen durchchecken lassen und ich war beim Urologen. Doch bei uns beiden war eigentlich alles in Ordnung. Rein biologisch stand der Schwangerschaft nichts im Wege. Als es trotzdem nicht klappen wollte, entschieden wir uns für die Unterstützung durch eine Kinderwunschklinik.

Hat Sie dieser Schritt Überwindung gekostet?

Anfangs überwog eher der Optimismus als irgendein falsches Schamgefühl. Wir waren uns sicher, dass es mit Unterstützung der modernen Medizin schnell klappen würde.

Natürlich fragte man sich manchmal, warum alle anderen einfach schwanger werden und man selbst so viel Aufwand auf sich nehmen muss. Dass es auch bei einer Kinderwunschbehandlung keine Garantie gibt, ahnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Der unerfüllte Kinderwunsch und seine Behandlung sind für viele Menschen immer noch Tabu-Themen. Haben Sie Ihren Freunden von der Behandlung erzählt?

Ich bin ein offener Mensch und habe deshalb auch auf alle Fragen zu unserer Kinderplanung wahrheitsgemäß beantwortet. Die erste Reaktion war oft Irritation, aber dann folgten tolle Gespräche.

Viele Menschen im Bekanntenkreis haben ähnliches erlebt oder kannten wiederum Menschen, denen es genauso ging. Diese Gespräche haben mir persönlich immer wieder Mut und Kraft auf diesem schwierigen Weg gegeben.

Aus dieser Erfahrung heraus kann ich allen Paaren deshalb nur raten, offen mit diesem Thema und lästigen Kinder-Fragen aus dem Freundeskreis umzugehen und sich nicht aus falscher Scham zu verstecken. Diese Phase ist schon belastend genug. Da kann ein Gespräch mit Freunden oder der Familie durchaus ein gutes Ventil sein. Versteckspiel zerrt dagegen nur noch mehr an den Kräften.

(Quelle: Privat)


Thorsten Beyer, 1978, arbeitet hauptberuflich in der Medienbranche. Er lebt mit seiner Frau und Tochter in Köln. Ein persönliches Schicksal brachte ihn zum Schreiben. Mit seinen Texten will er aufklären, Mut machen und zeigen: Auch nach Schicksalsschlägen lohnt es sich immer wieder aufzustehen. Denn das Leben hält die schönsten Überraschungen bereit – auch solche, mit denen man gar nicht mehr rechnete.

Sie hatten acht Behandlungsversuche. Woher haben Sie die Kraft genommen?

Wir waren ganz oft am Abgrund, gleichzeitig entsteht ein Hamsterrad der Hoffnung. Die Krankenkasse zahlt nur die ersten drei Versuche. Als die erfolglos blieben, waren wir ziemlich enttäuscht. Immerhin gibt es eine solche Begrenzung ja nicht ohne Grund.

Gleichzeitig krallt man sich an jedem Strohhalm fest. Wir haben nochmal die Klinik gewechselt und sind für die nächsten Behandlungen nach Österreich gefahren – auch ohne Erfolg. Also haben wir es wieder in Deutschland probiert und dann hat es doch geklappt, meine Frau wurde schwanger. Damit hatten wir schon gar nicht mehr gerechnet.

Ein Happyend war es trotzdem nicht.

Genau, eigentlich wollten wir unseren Eltern zu Weihnachten die gute Nachricht überbringen. Es sollte das schönste Fest aller Zeiten werden. Allerdings haben wir in der zehnten Woche das Kind verloren.

Was folgte, war das tiefste Loch, in dem meine Frau und ich jemals waren. Es hat viel Zeit und Kraft gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen. Wir sind ganz unterschiedlich damit umgegangen. Ich wollte sofort wieder aufstehen und weitermachen und übersah dabei völlig, dass meine Frau noch Raum zum Trauern brauchte.

Zum Glück überstanden wir auch diese Krise als Paar. Nach einer gewissen Zeit haben wir dann noch einen allerletzten, wieder erfolglosen Versuch gestartet, immerhin hatte es ja schon einmal geklappt. Das war ein großer Griff ins Klo. Eigentlich waren wir zu diesem Zeitpunkt schon durch mit dem Thema.

Sie haben sich dann für eine Adoption entschieden. Wie kam es dazu?

Das Thema Kinderwunsch sollte nicht mehr unser ganzes Leben bestimmen. Über Jahre hatten wir kaum an etwas anderes gedacht. Wir haben uns bewusst ernährt, auf jeden Stress verzichtet, alles um die Fruchtbarkeit nicht zu gefährden.

Wir haben sehr viel Geld für die Behandlungen ausgegeben. Ohne Verzicht und Unterstützung der Familien wäre auch das nicht möglich gewesen. All das wollten wir nicht mehr.

Deshalb haben wir uns über Pflegefamilien und Adoption informiert. Am Ende blieb dann nur noch die zweite Option über. Wir haben uns mit dem Zertifikat für Adoptionsbewerber auch nur bei einem einzigen Jugendamt gemeldet. Es sollte nicht wieder zu einer Belastung werden.

Bis zum Anruf vom Jugendamt vergingen ganze drei Jahre. Haben Sie zu diesem Zeitpunkt noch gewartet und über eine Familie nachgedacht?

Nein, wir haben gar nicht so sehr mit einem Erfolg gerechnet. Es werden etwa zehn Kinder pro Jahr in Köln zur Adoption freigegeben und die Zahl der Bewerber ist deutlich höher.

Auch die Seminare, in denen man auf eine mögliche Adoption vorbereitet wird, waren für uns eher Theorie. Und wir waren auch glücklich, wir wollten uns einen Hund anschaffen und sind viel gereist. Das Leben war so unbeschwert wie lange nicht. Und dann kam der Anruf.

Und dann wurden Sie quasi über Nacht Eltern. Wie haben Sie reagiert?

Der erste Satz meiner Frau war "Aber wir wollten doch eigentlich einen Dackel aufnehmen". So perplex war sie beim Anruf. Wir hatten einen halben Tag Bedenkzeit. Also setzten wir uns in ein Restaurant und sprachen über die Entscheidung. Schnell stand fest, dass wir nach einer so langen Zeit mit Kinderwunsch eigentlich nicht ablehnen konnten und wollten.

Also sind wir am nächsten Tag ins Krankenhaus gefahren und haben unsere Tochter das erste Mal in den Arm genommen. Es gibt zu diesem Zeitpunkt immer noch die Chance, Nein zu sagen. Das wissen die wenigsten. Aber diese Option war überhaupt nicht nötig, wir waren quasi schockverliebt. An dieser großen Liebe zu unserer Tochter hat sich bis heute nichts geändert.

Normalerweise hat man 40 Wochen Zeit, um sich seelisch und auch ganz praktisch auf ein Kind vorzubereiten. Wie haben Sie das geschafft?

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Der Anruf kam aus dem heiteren Himmel. Wir hatten also auch keine Babyausstattung. Neben unserem Bett stand lange ein Stuhl, auf dem wir Kleidung ablegten, innerhalb von 24 Stunden wurde er von einem Beistellbett ersetzt.

Natürlich konnten wir nicht alles im Babygeschäft selbst kaufen. Wir schrieben deshalb eine Nachricht mit der tollen Neuigkeit an die Familie und engsten Freunde und fragten dabei auch gleich nach Babyausstattung.

Die Reaktionen waren so großartig und herzlich, noch am gleichen Abend stand unsere Wohnung voll mit Babykleidung, Kinderwagen und Beistellbett. Außerdem sind wir gemeinsam in den Drogeriemarkt gelaufen und haben alles eingekauft, von dem wir meinten, dass wir es in den nächsten Tagen und Wochen mit Baby brauchen werden.

Stolz hält Thorsten Beyer seine Tochter im Arm: Nach acht erfolglosen Kinderwunschbehandlungen adoptierten er und seine Frau ein Kind.
Stolz hält Thorsten Beyer seine Tochter im Arm: Nach acht erfolglosen Kinderwunschbehandlungen adoptierten er und seine Frau ein Kind. (Quelle: Privat)

Haben Sie emotionale Anlaufzeit als Eltern gebraucht?

Nein, überhaupt nicht. Sie ist zu hundert Prozent unsere Tochter und wird seit dem ersten Moment geliebt wie unser eigenes Fleisch und Blut. Wir hätten sie nicht besser machen können. Im Prinzip ist es ja auch egal, in welchem Bauch ein Kind heranwächst, entscheidender ist das Elternhaus.

Aber die Frage wird uns häufiger gestellt. Vielleicht gibt es auch bei anderen Paaren größere Anlaufschwierigkeiten. Das war bei uns aber überhaupt nicht der Fall.

Lustigerweise sieht unsere Tochter meiner Frau auch sehr ähnlich, auch ihr Verhalten hat sie voll von uns. Eine andere Prägung gab es ja kaum, immerhin kam sie direkt nach der Geburt zu uns. An unserem Familienbild verändert die Adoption und die damit „fehlende“ Schwangerschaft nichts.

Hat die schwere Zeit der Kinderwunschbehandlungen bei Ihnen Spuren hinterlassen?

Wir haben mit dieser Zeit unseren Frieden gemacht, vielleicht hat uns das Erlebte sogar noch mehr zusammengeschweißt. Auch die Wunden sind inzwischen verheilt, vor allem weil wir nun glücklich sind und die ganze Geschichte für uns ein so schönes Happyend hatte.

Während der Kinderwunschbehandlungen lebt man immer irgendwo zwischen Hoffen und Bangen. Der Alltag ist nie unbeschwert, es gibt ständig dunkle Wolken. Das ist heute ganz anders.

Aus diesem Grund haben wir auch Nein gesagt, als uns das Jugendamt fragte, ob wir noch für eine zweite Adoption in Frage kommen. Wir sind endlich angekommen und wollen das Glück nicht herausfordern. Ohne dieses Happyend hätte uns dieses Thema vermutlich bis zum Lebensende nicht mehr losgelassen.

Warum haben Sie trotzdem ein Buch über dieses Thema geschrieben?

Das Schreiben und die Interviews holen ja die dunkle Zeit wieder zurück.
Die Hauptmotivation war die eigene Geschichte, mit der wir eben nicht allein sind. Es entsteht so viel Leid bei diesem Thema, weil niemand offen über den unerfüllten Kinderwunsch spricht.

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Wir haben uns oft sehr alleingelassen, ausgegrenzt, völlig überfordert gefühlt. Dieses Tabu möchte ich unbedingt mit meinem Buch brechen und anderen Menschen in gleicher Situation Mut machen und zeigen, dass sie nicht allein sind. Daneben hat mir persönlich das Schreiben auch geholfen, das Erlebte zu verarbeiten.

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Welche Reaktion bekommen Sie von den Lesern?

Eine der besten Rückmeldungen kam von einem guten Freund, der mir sagte, dass er niemanden mehr nach seinem Kinderwunsch fragen würde und vorher nie über das Thema nachgedacht hatte.

Auch sonst bekomme ich sehr viele Zuschriften von Menschen, die in der gleichen Situation sind oder waren. Sie fühlen sich einerseits weniger allein mit dem Thema und anderseits auch aufklärt, zum Beispiel über das Thema Adoption. Manche wollen nun selbst ihr Glück auf diesem Wege probieren. Und genau für solche Rückmeldungen hat sich die ganze Arbeit an dem Buch gelohnt.

Vielen Dank für Ihre Zeit und Ihre offenen Worte.

Dieser Artikel wurde zuerst auf familie.de veröffentlicht. Die Kollegen und Kolleginnen betrachten unerfüllten Kinderwunsch als ein so wichtiges Thema, dass möglichst viele Leute die herzerwärmende Geschichte von Thorsten Beyer und seiner Familie lesen sollten.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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