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"Intelligente Psychopathen machen meist erfolgreich Karriere"

INTERVIEWPsychologe Niels Birbaumer  

"Intelligente Psychopathen machen meist erfolgreich Karriere"

Ein Interview von Claudia Hamburger

07.05.2018, 12:06 Uhr
"Intelligente Psychopathen machen meist erfolgreich Karriere". Psychopathen: Nicht alle werden kriminell, manche von ihnen sind beruflich sehr erfolgreich. (Quelle: Getty Images/Symbolbild/g-stockstudio)

Psychopathen: Nicht alle werden kriminell, manche von ihnen sind beruflich sehr erfolgreich. (Quelle: Symbolbild/g-stockstudio/Getty Images)

Sie sind rücksichtslos und gefühlskalt und können sich nicht in andere Menschen hineinversetzen: Psychopathen. Nicht alle von ihnen werden kriminell, ein Großteil ist beruflich sehr erfolgreich. Im Interview erklärt Psychologe und Neurowissenschaftler Niels Birbaumer, was in den Gehirnen von Psychopathen anders ist, ob man sie im Alltag erkennen kann und warum solche Menschen keine Reue empfinden.

t-online.de: Was ist ein Psychopath?

Niels Birbaumer: Der Oberbegriff dafür heißt antisoziale Persönlichkeit. Darunter sind Leute subsumiert, die keine antizipatorische Angst – also keine Erwartungsangst – haben. Die Konsequenz daraus ist, dass sie sich nicht in andere hineinversetzen können, wenn diese Furcht empfinden. Wenn sie nicht intelligent genug sind oder eine schlechte Erziehung haben, werden die Psychopathen kriminell, weil sie die Konsequenz ihres Verhaltens nicht vorhersehen können. Und sie respektieren natürlich auch nicht das Gesetz, weil sie ja keine Angst vor den Konsequenzen haben. Die weniger intelligenten oder diejenigen, die das Fürchten nicht gelernt haben, werden kriminell. Und die Intelligenten machen meist erfolgreich Karriere.

Sie sagen, dass Psychopathen gewissermaßen das spiegelverkehrte Bild von Angstpatienten sind. Warum?

Bei Angstpatienten funktionieren die Hirnregionen, die bei Psychopathen nicht aktiv sind, übermäßig gut. Das sind eben vor allem die Areale, die mit Angst zu tun haben.

Gibt es noch weitere Areale im Gehirn, die bei Psychopathen nicht beziehungsweise anders reagieren als die Angstareale?

Das sind die wichtigsten, aber sie sind verbunden mit allen Arealen, die mit Selbstkontrolle zu tun haben. Wenn sie eine Konsequenz ihres Verhaltens vorhersehen wollen oder wenn sie ihre Handlungen nach negativen Konsequenzen richten müssen, funktioniert das nicht.

Vor kurzem jährte sich der Tag, an dem die grausigen Taten von Josef Fritzl aufgedeckt wurden, zum 20. Mal. Wie kann es sein, dass Psychopathen wie er so lange unauffällig in der Gesellschaft leben?

Das hängt von der Intelligenz und von der Ausbildung der Person ab. Jemand, der etwas intelligenter ist und eine gute Ausbildung hat sowie eine gewisse Selbstkontrolle, der kann sich nach außen hin besser an die Gesellschaft anpassen. Und natürlich hängt es auch von der Umgebung ab, von vielen Faktoren. Die meisten Psychopathen werden überhaupt nicht auffällig.

Wann werden sie auffällig?

Psychopathen suchen nach Situationen mit einem gewissen "Kick", weil ihnen langweilig ist, da ihr Aktivierungsniveau im Gehirn niedriger als bei anderen Menschen ist. Wenn zum Beispiel Kriegszeiten oder Krisenzeiten sind, dann werden sie auffällig. Viele der Massenmörder in der nationalsozialistischen Zeit waren wahrscheinlich auch Psychopathen, die aber erst auffällig wurden, weil kriegerische Bedingungen herrschten.

Also braucht es auch von außen einen Reiz, dass das passiert?

Ja, genau. Meistens ist das der Fall.

Niels Birbaumer, Jahrgang 1945, ist Psychologe und Neurowissenschaftler. Er leitet an der Universität Tübingen das Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie. In seiner Forschung beschäftigte sich der Österreicher unter anderem mit kriminell gewordenen Psychopathen. Er trainierte mit ihnen, dass sie durch das Aktivieren bestimmter Gehirnareale wieder Empathie und Ängste empfinden.

Wie viele der Psychopathen werden auffällig?

Das kann man nicht genau sagen. Aber man schätzt, dass etwa drei bis fünf Prozent der Bevölkerung "erfolglose" Psychopathen sind und drei bis fünf Prozent "erfolgreiche" (also solche, die Karriere machen; Anm. d. Red.). Sowohl bei den Frauen, als auch bei den Männern. Auffällig werden vor allem die Männer. Und wenn sie nicht intelligent sind oder keine gute Ausbildung haben, werden sie kriminell. In Gefängnissen mit schweren Straftaten sind geschätzt 40 bis 70 Prozent der Insassen Psychopathen.

Wann werden Psychopathen das erste Mal in ihrem Leben auffällig?

Meistens werden sie noch vor der Pubertät das erste Mal auffällig.

Josef Fritzl zeigt auch Jahrzehnte nach seinen Taten keine Reue. Wie kann man das erklären?

Reue benötigt Furcht vor negativen Konsequenzen und eine Aktivität im orbitofrontalen Kortex. Furcht und frontaler Kortex stehen bei Psychopathen aber still, sind unteraktiviert.

Sind die Angstareale im Gehirn von Psychopathen von Geburt an nicht funktionsfähig oder führen gewisse Erfahrungen dazu?

Sowohl als auch. Es gibt eine Liste an Risikofaktoren. Auf dieser stehen zum Beispiel folgende: inkonsequente Erziehung, genetische Faktoren, Drogen- und Alkoholmissbrauch in der Familie, sexueller und physischer Missbrauch, Hyperaktivität.

Wie kann man im Alltag Psychopathen erkennen?

Gar nicht. Da müsste man schon einen Gehirnscan machen oder mit der jeweiligen Person das von dem Kriminalpsychologen Robert Hare entwickelte Interview führen. Das dauert eine Stunde – danach können sie mit einiger Sicherheit sagen, ob jemand psychopathisch ist.

Sie haben in der Vergangenheit Experimente mit Psychopathen gemacht. Ist ein Psychopath heilbar?

Natürlich. Alle Gehirnareale, die für das psychopathische Verhalten verantwortlich sind, sind schließlich lernfähig. Es ist nur eine Frage, wie stabil, intensiv und dauerhaft der Lernprozess ist. Bisher sind die meisten pädagogischen Maßnahmen nicht besonders wirksam, psychotherapeutische ebenfalls nicht. Und auch Maßnahmen, bei denen die Leute lernen, ihr Gehirn zu regulieren, sind bisher nicht so effektiv. Damit diese wirken, müssten die Leute 24 Stunden am Tag zu Hause und auch in der Umgebung, in der sie auffällig werden, trainieren. Deshalb konstruieren wir jetzt auch Patientenmaßnahmen, bei denen die Leute genau das tun können. Ich hoffe, dass das dann besser wird.

Was wäre so eine Maßnahme? Was kann ich mir darunter vorstellen?

Die betroffene Person bekommt aus dem Gehirnteil, der Furcht steuert, eine Rückmeldung, wenn dieser nicht aktiv ist. Dann muss sie selbst probieren, das hochzusteuern, und wird dafür belohnt. Und auf ihrem Handy kann sie dann schauen, wie stark die Aktivität in dem Hirnteil ist. Aber dafür muss ich erst in dem Hirnteil Elektroden implantieren. Das geht natürlich derzeit rechtlich nicht und auch finanziell ist das schwierig zu machen. Und da ich diese Hirnteile nicht sichtbar machen kann, ist es im Moment sehr schwierig, so etwas zu realisieren.

Und auf diese Weise kann man Empathie erlernen?

Ja, genau, das kann man.

Was für ein Gefühl war das für Sie, mit Psychopathen zusammenzuarbeiten, die teilweise Mörder waren?

Das war nicht angenehm. Ich habe das dann auch aufgegeben. Nach 20 Jahren hat es mir gereicht.

Gibt es Ihrer Meinung nach einen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Psychopathen?

Es ist untersucht, dass die Frauen nicht kriminell werden. Das ist der entscheidende Unterschied. Sie sind dann anders auffällig und unangenehm und unangepasst. Aber die Kriminalität fehlt im Wesentlichen – wobei die paar Frauen, die im Gefängnis landen, zum Großteil auch psychopathisch sind. Vom Gehirn her und von den Problemen her sind sie aber genauso wie männliche Psychopathen.

Bedeutet das, dass psychopathische Frauen schlauer sind, dies zu verstecken?

Nein. Das hängt wahrscheinlich eher mit den männlichen Sexualhormonen zusammen. Bei Männern ist der Androgenspiegel höher und Androgene machen aggressiver. Sie steigern die muskuläre und auch die physische Aggressivität.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Birbaumer.


Psychopathie-Checkliste nach Robert Hare
Die Checkliste dienst als Instrument zur Diagnose einer Psychopathie; sie unterscheidet zwei Dimensionen der Psychopathie:

Dimension 1: ausnützerisch
- sprachgewandter Blender, oberflächlicher Charme
- übersteigertes Selbstwertgefühl
- krankhaftes Lügen
- listig, betrügerisch, manipulativ
- fehlende Reue, fehlendes Schuldbewusstsein
- oberflächliche Gefühle
- Mangel an Empathie
- mangelnde Bereitschaft und Fähigkeit, Verantwortung für eigenes Handeln zu übernehmen

Dimension 2: impulsiv
- Stimulationsbedürfnis (Erlebnis-Hunger), Neigung zur Langeweile
- parasitärer Lebensstil
- unzureichende Verhaltenskontrolle
- promiskes Sexualverhalten
- frühere Verhaltensauffälligkeiten
- Fehlen von realistischen, langfristigen Zielen
- Impulsivität
- Verantwortungslosigkeit
- Jugendkriminalität
- Verstoß gegen Bewährungsauflagen bei bedingter Haftentlassung
- viele kurzzeitige Beziehungen
- vielgestaltige Kriminalität


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