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Zweisprachigkeit: "Muttersprache ist die Basis für andere Sprachen"

INTERVIEWDiplompädagogin erklärt  

"Muttersprache ist die Basis für andere Sprachen"

Von Ana Grujic

03.12.2018, 08:56 Uhr
Zweisprachigkeit: "Muttersprache ist die Basis für andere Sprachen". Kinder spielen: Eine neue Sprache lässt sich Kindern gut spielerisch vermitteln.  (Quelle: imago/biky)

Kinder spielen: Eine neue Sprache lässt sich Kindern gut spielerisch vermitteln. (Quelle: biky/imago)

Je jünger Kinder sind, desto einfacher lernen Sie Sprachen. Eine Expertin erklärt, warum Eltern dennoch mit ihrem Nachwuchs in ihrer Muttersprache sprechen sollten. 

Immer wieder kocht in Medien die Debatte um Klassen voller Kinder, die kein Deutsch sprechen, hoch. Dabei können gerade kleine Kinder neue Sprachen schnell lernen. Dr. Anja Leist-Villis ist Diplompädagogin und erklärt im Interview mit t-online.de, wie das Umfeld ein Kind beim Spracherwerb unterstützen kann – und welche Ratschläge völlig falsch sind. 

t-online.de: In Zeitungen liest man oft von Schulklassen, in denen ein Großteil der Kinder andere Sprachen als Muttersprache haben als Deutsch. Wie sehen Sie solche Berichte als Expertin?

Dr. Anja Leist-Villis: Was mit reißerischen Artikeln suggeriert wird, ist, dass wir von Kindern überschwemmt werden, die alle kein Deutsch sprechen. Das schürt Ängste. Das eigentliche Problem an Klassen mit vielen Kindern mit nicht-deutscher Muttersprache ist aber, dass es für diese Kinder dann schwieriger ist, Deutsch zu lernen. Es fehlen ihnen nämlich die sprachlichen Vorbilder. Das deutsche Bildungssystem ist auf diese Kinder auch nicht gut eingestellt. Die Klassen sind zu groß und es fehlt an Pädagoginnen und Pädagogen, die für diese Aufgabe gut vorbereitet sind. 

Was bedeutet es denn eigentlich, wenn Kinder mehrsprachig sind?

Es gibt kein bestimmtes Sprachniveau, ab dem jemand als mehrsprachig zu bezeichnen ist. Ich würde sagen, jemand ist mehrsprachig, wenn eine Sprache spontan aus ihm herauskommt. Ohne, dass derjenige gezielt von einer in die andere Sprache übersetzen müsste. Generell sollte man Sprachen aber nicht getrennt voneinander sehen: Die Sprachen, die man beherrscht, stehen immer mit einander im Kontakt und beeinflussen sich auch gegenseitig. Die Kenntnisse einer Sprache sind meist stärker ausgeprägt als die Kenntnisse einer anderen. Diese Verteilung ist aber dynamisch und kann sich auch im Laufe des Lebens ändern.

In politischen Diskussionen wird oft gefordert, dass Kinder auch zu Hause Deutsch sprechen sollten, auch wenn es nicht die Muttersprache der Eltern ist. Ist das sinnvoll?

Dieser Ratschlag, dass Eltern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, mit ihren Kindern Deutsch sprechen sollen, ist völlig falsch. Es ist das Natürlichste der Welt, dass Eltern die Sprache mit ihren Kindern sprechen wollen, die sie am besten beherrschen und mit der sie sich emotional verbunden fühlen. Trotzdem sieht man immer wieder Eltern in sehr schlechtem Deutsch mit ihren Kindern sprechen. Sie glauben, dem Kind dadurch etwas Gutes zu tun und ihm das Deutschlernen zu erleichtern. Das ist aber ein Irrglaube. Je besser ein Kind seine Muttersprache beherrscht, desto besser kann es auch die Zweitsprache, etwa Deutsch, erlernen. Die Muttersprache ist sozusagen die Basis für diese Sprache. Stellen Sie sich vor, Sie wandern in die Türkei aus und leben dann dort ein paar Jahre. Welche Sprache würden Sie dann mit Ihrem Kind sprechen? Natürlich nicht Türkisch, sondern Deutsch.

Anja Leist-Villis ist Diplompädagogin. Sie forschte zum Thema Mehrsprachigkeit in deutsch-griechischen Kindergärten. Heute gibt sie ihr Wissen in ihrem Buch "Elternratgeber Zweisprachigkeit" und in Fortbildungen weiter. 

Wie können Eltern ihre Kinder beim Deutschlernen unterstützen?

Es steht außer Frage, dass Kinder in Deutschland gute Deutschkenntnisse brauchen, um hier handlungsfähig zu sein. Eltern sollten diese Wertigkeit auch ihren Kindern vermitteln. Letztendlich müssen Familien zwischen den Sprachen ihren eigenen Mittelweg finden. Dabei können sich die Eltern fragen: Wie fühlen sie sich selbst am wohlsten? Was ist Ihnen wichtig? Was können sie? Aber auch: Was kann das Umfeld und welche Sprachkontakte gibt es? Eltern sollten darin unterstützt werden, eine zweisprachige Erziehung bewusst gestalten zu können.

Spielt es beim Spracherwerb eine Rolle, was für eine Muttersprache das Kind hat?

Die Muttersprache spielt indirekt eine Rolle. Es gibt Sprachen, die sind sehr hoch angesehen sind und da wird das Kind im Allgemeinen eher bestärkt, die zu sprechen. Bei anderen Sprachen heißt es dann eher: "Was soll das Kind mit der Sprache? Es soll Deutsch lernen!" Es gibt auch die These, dass sich ähnelnde Sprachen einfacher zu lernen sind, weil man schon ähnliche Strukturen erworben hat. Aber es gibt auch andere Erkenntnisse, die nahelegen, dass man mehr Fehler macht, wenn sich Sprachen ähneln, weil die Überlagerung zu groß sind.

Inwiefern sind Kinder durch Zweisprachigkeit überfordert?

Mehrsprachigkeit ist niemals eine Anstrengung für Kinder. Gerade Kleinkinder erwerben in den ersten Lebensjahren Sprache ohne bewusste Anstrengung. Sie formulieren Sätze mit sehr komplexer Grammatik, ohne darüber nachdenken zu müssen. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie eine, zwei oder drei Sprachen sprechen. Selbst wenn sie die Sprachen mischen, ist das kein Zeichen von Überforderung, sondern vom Kontakt der Sprachen untereinander. Was Kinder überfordern kann, sind die Rahmenbedingungen, unter denen es die Sprache lernt. 

Welchen Rahmenbedingungen meinen Sie konkret? 

Neben den erwähnten Reaktionen des unmittelbaren Umfelds spielt auch das Bildungssystem eine Rolle. Ist das es auf mehrsprachige Kinder ausgerichtet? Grundsätzlich müsste es anders mit zweisprachigen Kindern umgehen. Kleinere Klassen und muttersprachliche Lehrer wären ein Anfang. Die Pädagogen brauchen auch die Qualifikation, mit Deutsch als Zweitsprache zu arbeiten. Das ganze System müsste anders reagieren.

Englisch im Kindergarten oder Chinesischkurse für Kleinkinder: Es gibt Eltern, die ihr Kind mehrsprachig erziehen wollen, weil sie sich davon bessere Zukunftsaussichten versprechen. Was würden Sie denen raten?

Es gilt dasselbe wie bei Eltern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Ich würde keinem Elternteil raten, mit seinem Kind eine Sprache zu sprechen, in der er sich nicht selbst wirklich zu Hause fühlt. Mag man eine Sprache gern, kann man das immer mal wieder spielerisch in den Umgang mit dem Kind einfließen lassen. Das Kind braucht aber auch hier Anwendungsmöglichkeiten für die Sprache.
Grundsätzlich empfehle ich: Eltern sollten mit Kindern über Sprache sprechen. Konkret kann das über Wortspiele erfolgen. Oder die Familie überlegt gemeinsam: "Woher kommt ein Begriff? Warum heißt das so?" So schafft man bei Kindern Bewusstsein, aber auch Interesse und Neugier für Sprachen generell.

 

 

Wie viel bringen in einem solchen Zusammenhang Sprachkurse für kleine Kinder?

Wenn die Lehrer Muttersprachler sind und das Programm kindgerecht gestaltet ist, spricht nichts dagegen. Wichtig ist, dass das Kind die Veranstaltungen gerne besucht und Spaß hat. Man sollte aber nicht glauben, dass das Kind nach einem Sprachkurs fließend eine Sprache spricht, zu der es sonst keinen Bezug hat. Es spielt nämlich auch eine Rolle, welche Bedeutung die Sprache im Alltag für das Kind hat. Gibt es etwa andere Kinder, mit denen es sich in der Sprache austauschen kann?
Ich sehe aber auch hier ein Problem mit dem Prestige der Sprachen. Es wird etwa Geld investiert, um Englisch schon in Kindergärten zu etablieren. Die Mehrsprachigkeit, die wir hingegen schon in den Institutionen haben, fördern wir nicht, weil sie als nicht so wertvoll angesehen werden. Dabei sind das die Muttersprachen von Menschen, die hier leben. Und damit eigentlich wertvoller.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Leist-Villis. 

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