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Erstgeborene, Sandwichkinder und Nesth├Ąkchen

sca

31.08.2011Lesedauer: 6 Min.
Drei Schwestern, eingehakt.
Die Position als Erstgeborenes, Mittelkind oder Nesth├Ąkchen pr├Ągt den Charakter. (Bild: Imago) (Quelle: /imago-images-bilder)
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Viele Kinder f├╝hlen sich im Vergleich zu ihren Geschwistern benachteiligt, obwohl sich Eltern die gr├Â├čte M├╝he geben, ihre Zeit und Aufmerksamkeit gleichm├Ą├čig zu verteilen. Au├čerdem haben die Kinder oft sehr unterschiedliche Charaktere, obwohl sie die gleichen Eltern haben. Studien haben ergeben, dass die Geschwisterposition, in der ein Kind geboren ist, viel wichtiger f├╝r die Entwicklung ist als der Einfluss der Eltern. Was zeichnet Erstgeborene, mittlere Kinder und Nesth├Ąkchen aus und wie k├Ânnen Eltern sie in der Entwicklung unterst├╝tzen?

Ganz verschiedene Charaktere in einer Familie

Das eine Kind eher zur├╝ckhaltend und vorsichtig, das andere extrovertiert und abenteuerlustig. Woher kommen diese Unterschiede?, fragen sich Eltern zu Recht. Waren wir zum ersten zu streng, haben dem anderen zuviel durchgehen lassen? Oder spielt die Erziehung vielleicht doch gar nicht eine so gro├če Rolle?

Die Geschwisterposition ist pr├Ągend

Viele Untersuchungen haben ergeben, dass vielmehr die Geburtenfolge als die Erziehung der Eltern den Charakter pr├Ągt. Die Position als Erstgeborenes, Zweit- oder Drittgeborenes ist entscheidend. Ist schon ein vern├╝nftiges, ruhiges Kind da, das gut in der Schule ist, werden sich die nachgeborenen Kinder eher andere ÔÇ×NischenÔÇť suchen. Damit wollen sie vor allem eins: auffallen und Beachtung bekommen. Der amerikanische Psychologe Dr. Kevin Leman hat die Charakteristika der verschiedenen Geschwisterpositionen so auf den Punkt gebracht: Erstgeborene sind perfektionistisch, Mittelkinder dr├╝cken sich und Nesth├Ąkchen tanzen immer aus der Reihe.

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Die vern├╝nftigen Erstgeborenen

Viele Untersuchungen haben gezeigt, dass es Eigenschaften und Verhaltensweisen gibt, die eher typisch f├╝r erstgeborene Kinder sind. Sie haben zun├Ąchst die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern. Jirina Prekop schreibt in ihrem Buch: ÔÇ×Alle Lebensstationen werden dokumentiert, auch im Foto, und Ereignisse, die bei den weiteren Kindern nur registriert werden, werden von der gesamten Verwandtschaft gefeiert.ÔÇť Kein nachgeborenes Kind wird jemals so viel Aufmerksamkeit bekommen. Oft sind die Erstgeborenen sehr vern├╝nftig, ├╝bernehmen gerne Verantwortung und sind perfektionistisch. Das liegt daran, dass sie als Babys die anf├Ąngliche Unsicherheit, das Lampenfieber ihrer Eltern alles richtig zu machen, sp├╝ren. Bald bekommen sie heraus, dass die Zweifel von Mama und Papa eng mit ihren Leistungen zusammenh├Ąngen.

Die Entthronung

Wenn ein Geschwisterchen geboren wird, bleibt das meist nicht ohne Folgen. Die Entthronung f├╝hrt oft zu einer Krise bei dem Erstgeborenen. Der Konkurrenzkampf ist besonders gro├č bei gleichgeschlechtlichen Kindern mit geringem Altersunterschied. Haben sie sich an den Nebenbuhler gew├Âhnt, ├╝bernehmen sie oft die Besch├╝tzerrolle. Indem sie sich besonders gewissenhaft und zuverl├Ąssig um das kleinere Geschwisterchen k├╝mmern, erhoffen sie, den ersten Platz bei den Eltern zur├╝ckzugewinnen. Die Kehrseite der Medaille kennt Diplom-Psychologe Michael Thiel aus der Praxis: ÔÇ×Lust und Spa├č an der eigenen Kindheit k├Ânnen da ab und zu auf der Strecke bleiben.ÔÇť

So unterst├╝tzen Eltern die Erstgeborenen

Deshalb ist es wichtig, dass Eltern ihrem gro├čen Kind nicht zu viel Verantwortung aufb├╝rden. Jirina Prekop empfiehlt Eltern, ihr Erstgeborenes "nicht als gro├čes Kind zu behandeln, sondern es auch klein zu lassen." Es k├Ânne zwar selber sehen, dass es gr├Â├čer ist, "aber nicht, ob es noch so geliebt wird wie vorher". Wenn die Kinder den Satz "Dich habe ich am l├Ąngsten lieb" h├Âren, wird es die Entthronung leichter ertragen k├Ânnen. Wichtig ist auch, dass Eltern Zeit mit dem ├ältesten alleine verbringen. Ein ├Ąlteres Kind sollte zwar mehr Pflichten haben, aber achten Sie vor allem auch darauf, ihm mehr Rechte einzur├Ąumen, wie zum Beispiel ein sp├Ąteres Zubett-Gehen oder ein h├Âheres Taschengeld.

Die mittleren Kinder oder Sandwich-Kinder

F├╝r die sogenannten Sandwich-Kinder, die sowohl ├Ąltere als auch j├╝ngere Geschwister haben, ist es oft besonders schwer, ihren Platz zu finden. Sie haben einen ├╝berlegenen Bruder oder eine ├╝berlegene Schwester und hinter ihnen folgt das s├╝├če Nesth├Ąkchen. Da ist es gar nicht einfach, aufzufallen. Am einfachsten haben es die mittleren Kinder, die der einzige Junge oder das einzige M├Ądchen in der Familie sind. Als ÔÇ×PrinzÔÇť oder ÔÇ×PrinzessinÔÇť haben sie eine recht klare Position.

Am wenigsten Zuwendung

Die Bem├╝hungen der ÔÇ×heutigenÔÇť Eltern, Zeit und Geld gerecht aufzuteilen, f├╝hrt nach einem Modell von Ralph Hertwig vom Max-Planck-Institut f├╝r Bildungsforschung in Berlin paradoxerweise speziell f├╝r die "Sandwichkinder" zu Nachteilen. Denn die ├ältesten hatten - je nach Altersunterschied - f├╝r einige Jahre die ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer Eltern und m├╝ssen sie dann zun├Ąchst nur mit einem Geschwisterkind teilen. Die J├╝ngsten werden in ihrer Jugend ihre Eltern f├╝r sich haben, wenn die Geschwister schon ausgezogen sind. Wenn also in den Jahren, in denen alle Kinder bei den Eltern wohnen, alle Ressourcen wie Geld, Zeit, Nahrung immer gleichm├Ą├čig unter den Kindern verteilt werden, haben die mittleren Kinder am Ende am wenigsten Zuwendung auf ihrem Konto.

Ansporn in Grenzen

Die "Zwischenkinder" tragen die Kleidung und Sportausr├╝stung ihrer Geschwister auf, werden weniger gef├Ârdert, bekommen weniger Aufmerksamkeit, da der Reiz des Neuen bereits vorbei ist und folgen den ausgetretenen Pfaden ihrer Vorl├Ąufer. Ihr Ansporn h├Ąlt sich oft in Grenzen, da von den Eltern vieles sowieso als selbstverst├Ąndlich hingenommen wird. Andererseits ist der Erwartungsdruck nicht mehr so gro├č, was auch ein Entwicklungsvorteil sein kann. Auch sind die Kinder nicht mehr unter st├Ąndiger Beobachtung, die Eltern entspannter.

Provokation oder Verschlossenheit

Nicht selten k├Ąmpfen sie so durch provokatives Verhalten um die Beachtung der Eltern, sind fordernder und aggressiver als ihre Geschwister. Andere Kinder zeigen ein besonders verschlossenes Verhalten und wenden sich schon fr├╝h nach au├čen, indem sie viele Kontakte au├čer Haus haben.

So unterst├╝tzen Eltern ihr Mittelkind

Zeigen Sie Ihrem Mittleren, das er etwas Besonderes f├╝r sie ist. Achten Sie darauf, seine Leistungen hervorzuheben und nicht als selbstverst├Ąndlich zu betrachten. Damit das mittlere Kind nicht so um seine Aufmerksamkeit k├Ąmpfen muss, ist es wichtig, mit ihm alleine Unternehmungen zu machen oder zu spielen. Es sollte auch mal alleine die Gro├čeltern besuchen und ab und zu ein neues Kleidungsst├╝ck aussuchen d├╝rfen, zum Beispiel mit seinem Lieblingshelden darauf. Gerade bei Hobbies, die ihrem mittleren Kind besonders wichtig sind, sollten sie diesem, wenn m├Âglich, durch den Kauf einer eigenen neuen Fl├Âte oder neuer Fu├čballschuhe die n├Âtige Aufmerksamkeit schenken.

Das Nesth├Ąkchen

Mit dem Begriff des Nesth├Ąkchens wird das j├╝ngste, letztgeborene Kind bezeichnet, das als letztes ÔÇ×aus dem Nest fliegtÔÇť. Die Verwandtschaft ist vom Nachk├Âmmling begeistert, alle finden es s├╝├č. Diese Kleinen schaffen es meistens problemlos, ihre Eltern, Omas und Opas, um den Finger zu wickeln. Oft werden sie von den Eltern verw├Âhnt und es wird auch nicht so viel von ihnen verlangt. Wollen sie zwei- oder dreij├Ąhrig noch immer viel getragen werden, erreichen sie oft ihr Ziel. Schlie├člich muss die Mutter weder Kinderwagen schieben noch tr├Ągt sie einen dicken Babybauch vor sich her. Das handelt ihnen nicht selten ├ärger mit den ├Ąlteren Geschwistern ein.

Kleine genie├čen Privilegien

Die Kleinen erleben ihre Eltern oft entspannter als die Geschwister. Sie stehen nicht mehr so stark unter der Beobachtung der Eltern, alleine aus zeitlichen Gr├╝nden. Gleichzeitig genie├čen sie oft schon fr├╝h Privilegien, f├╝r die ihre ├Ąlteren Geschwister hart gek├Ąmpft haben. Die Geschwister finden das oft ungerecht, schlie├člich war es f├╝r sie nicht selbstverst├Ąndlich, mit 15 Jahren bis Mitternacht unterwegs sein zu d├╝rfen, oder mit zehn Jahren einen Film f├╝r 12-J├Ąhrige anzuschauen.

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Ungerecht behandelt?

Auch wenn sie von ihren Eltern mit mehr Nachsicht behandelt werden, so f├╝hlen sich die Nesth├Ąkchen in der Regel ungerecht behandelt. Von ihnen gibt es viel weniger Babyfotos als von ihren ├Ąlteren Geschwistern, f├╝r Babyschwimmen und Kinderturnen bleibt keine Zeit. Die Kleinsten orientieren sich immer an den Gro├čen, sie sind der Ma├čstab aller Dinge. Manche reagieren darauf, indem sie sich ein Leben lang in der Rolle des ÔÇ×s├╝├čen KleinenÔÇť einrichten. Andere spornt es erst richtig an, allen zu zeigen, was in ihnen steckt. Die gro├čen Geschwister zu ├╝bertrumpfen, ist das H├Âchste. Vor allem, wenn sie das gleiche Geschlecht haben.

So unterst├╝tzen Sie Ihr Nesth├Ąkchen

Achten Sie darauf, dass auch ihr Nesth├Ąkchen kleine altersgerechte Aufgaben im Haushalt ├╝bernimmt und so lernt Verantwortung zu ├╝bernehmen. Vergessen Sie nicht, dass auch das Nesth├Ąkchen die Familienregeln beachten muss. Es ist au├čerdem wichtig, dass sie auch Ihr Nesth├Ąkchen fordern. Letztgeborene sind meist nur wenig ehrgeizig oder geben den Clown, weswegen sie oft hinter ihren M├Âglichkeiten zur├╝ckbleiben. ├ähnlich wie die mittleren Kinder brauchen die J├╝ngsten das Gef├╝hl, etwas Besonderes zu sein. H├Ąngen Sie beispielsweise seine Kunstwerke aus Kindergarten oder Schule auf.

Alle Geschwister profitieren

In Wahrheit aber profitieren alle Geschwister voneinander, ganz gleich, ob ├Ąlter oder j├╝nger, sagt der Geschwister-Experte am Staatsinstitut f├╝r Fr├╝hp├Ądagogik, Hartmut Kasten. ÔÇ×Sie trainieren Kompromisse zu verhandeln, B├╝ndnisse zu schmieden, konstruktiv zu streiten - das ist soziales Training f├╝r das ganze Leben.ÔÇť

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