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Woher stammen die Bezeichnungen der Familienmitglieder?

t-online, Heinrich Tischner

24.01.2011Lesedauer: 4 Min.
Vater, Mutter, Tochter - alle enden auf "ter", nur der Sohn nicht. Warum eigentlich?
Vater, Mutter, Tochter - alle enden auf "ter", nur der Sohn nicht. Warum eigentlich? (Quelle: /imago-images-bilder)
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Die W├Ârter Mutter, Vater und Tochter sind schon rund 4000 Jahre alt. Die Bezeichnung Sohn wurde sogar schon vorher geboren.

Die Ters

Was ist mit unsern Buben los? Vater, Mutter, Tochter, Schwester, Bruder, alle enden mit -ter oder -der. Nur der Sohn tanzt aus der Reihe. Warum? Weil die Kinder schon immer eigensinnig waren, auch die M├Ądchen! Denn die Schwester hie├č urspr├╝nglich swesor. Das heutige t ist keine Anpassung an die anderen W├Ârter, sondern ein ├ťbergangslaut zwischen s und r.

Ter bedeutet "Haus, Familie"

Das Wort Sohn ist Mitglied einer Patchworkfamilie und stammt aus einem vorehelichen Verh├Ąltnis seiner Mama: Da stehen n├Ąmlich zwei Systeme von Verwandtschaftsbezeichnungen nebeneinander. Erstens: Indogermanisch m├ót├¬r, pet├¬r, dhught├¬r, bhr├ót├¬r 'Mama Ter, Ern├Ąhrer Ter, Kind Ter' (aus Sicht der Eltern) und 'Mitkind Ter' (aus Sicht der anderen Kinder), wobei ter wohl so viel wie 'Haus, Familie' bedeutet. Zweitens: Ein viel ├Ąlteres sewe-, su- 'geb├Ąren', zu dem nicht nur Sohn geh├Ârt, sondern auch altindisch sut├í 'geboren, Sohn, Tochter', georgisch schwili 'Sohn', chinesisch sun (aus swen) 'Enkel, Nachkomme'.

Die Schwester ist weder mit den "Ters" noch mit dem Sohn verwandt, sondern mit den "Schwiegers". Diese W├Ârter geh├Âren als 'Verwandte' zum Pronomen s(w)e ("sein, sich"). Die Schwieger (-mutter, swecr├║s) war diejenige, "die Angeh├Ârige nachwachsen lie├č". Der Schw├Ąher (Schwiegervater, sw├ęcuros) hatte nichts zu sagen, das war nur ihr Mann. Die Schwiegerm├╝tter hatten schon in der Steinzeit die Hosen an.

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Die Ters entstanden, als der Papa einzog

Der erste Schritt, Ordnung in die Familie zu bringen, war wohl dass die Mama sagte: "Diese Kinder habe ich geboren (suÔÇŽ), das ist mein Sohn" und so weiter. Als der Geliebte der Mutter einzog, schuf man die neuen W├Ârter auf -ter: Da war dhught├¬r (heute 'Tochter') zun├Ąchst das Kind der Eltern, bhr├ót├¬r (heute 'Bruder') das Mitkind aus Sicht der Geschwister ÔÇô ohne R├╝cksicht auf das Geschlecht. Da es ja schon das Wort Sohn gab, beschr├Ąnkte man Tochter auf die M├Ądchen und ├╝bernahm f├╝r das weibliche Mitkind aus anderem Zusammenhang die Schwester.

Und was hat es mit dem vorehelichen Verh├Ąltnis der Mama auf sich? Die indogermanische Familie "Ter" wurde vor etwa 4000 Jahren gegr├╝ndet. Da scheint auf einmal der Partner der Mama erkannt zu haben, dass deren Kinder auch seine Kinder sind. Jetzt fing er an, Anspr├╝che zu stellen, zog ins Haus und kommandierte herum.

Die Verwandtschaftsbezeichnungen auf -ter sind Zeugnisse eines gesellschaftlichen Wandels, der sich vor mehr als 4000 Jahren bei den eurasischen Steppenv├Âlkern vollzogen und mit den Indogermanen in Europa durchgesetzt hat.

Aus Ter wird Familie

Heute sagen wir nicht Ter, sondern Familie. Familie, das sind Eltern und Kinder, notfalls noch Opa oder Oma. Mehr haben in einer modernen Wohnung keinen Platz. Auf den Bauernh├Âfen leben heute noch mehrere Generationen in einer Gro├čfamilie unter einem Dach und die "Freundschaft" (Verwandtschaft) in der N├Ąhe. Familie, das sind die n├Ąchsten Verwandten. Aber auch Hund, Katze und andere Haustiere.

Urspr├╝nglich z├Ąhlten zur Familie nicht nur die Verwandten, sondern auch das Personal ("Gesinde"). Knechte und M├Ągde wohnten auf dem Bauernhof und sa├čen beim Bauer mit am Tisch, Lehrlinge und Gesellen beim Handwerksmeister, Hausangestellte im b├╝rgerlichen Haushalt. Familie, das war die gesamte Hausgemeinschaft. Dieser Ausdruck wurde Anfang des 15. Jahrhunderts aus dem Lateinischen ├╝bernommen. Schon im Altertum war familia die Hausgemeinschaft, die Angeh├Ârigen des Hausherrn samt den famuli 'Dienern'. Die Germanen sagten daf├╝r h├«wan, verwandt mit Heirat 'Gr├╝ndung einer Gemeinschaft', die ein gemeinsames Heim hatte.

F├╝r die Gemeinschaft der Blutsverwandten (Familie im heutigen Sinn) hatte man andere Ausdr├╝cke: Geschlecht 'alle Nachkommen des Stammvaters', K├╝nne 'alle lebenden Verwandten' und Sippe als Oberbegriff.

Verwandte der Eltern

Zur Verwandtschaft geh├Âren auch die Eltern und Geschwister der Eltern samt ihren Nachkommen. Urspr├╝nglich unterschied man Oheim und Muhme, Bruder und Schwester der Mutter, sowie Vetter und Base, die Geschwister des Vaters. Oheim, eigentlich Ohm, ist eine Weiterbildung von awo 'Gro├čvater'. Muhme ist eine Lallform von Mutter. Entsprechend kommt Vetter von Vater. Base, eigentlich Wase hatte die Grundbedeutung 'junger Mensch, Diener, Krieger' (daher Vasall 'Gefolgsmann), sodann auch '├Ąlterer Verwandter' und "Boss". Die Base ist die Frau vom Boss.

Die Bedeutung 'junger Mensch' l├Ąsst sich noch im ├Ąlteren Sprachgebrauch erkennen, wo Base die 'Cousine' war und Vetter der 'Cousin'. An diesen beiden Ausdr├╝cken merken wir auch, wie sich inzwischen franz├Âsische W├Ârter eingeb├╝rgert haben (aus lateinisch consobrina, consobrinus 'zur Verwandtschaft der Mutter geh├Ârig'). Die beiden Fremdw├Ârter ersparen uns die Verlegenheit, zwischen kleinen und gro├čen Vettern und Basen unterscheiden zu m├╝ssen.

Etwa zur selben Zeit hat man auch die vier W├Ârter f├╝r die Geschwister der Eltern durch franz├Âsische Vokabeln ersetzt, nicht mehr vier, sondern nur noch zwei: Onkel und Tante. Lateinisch avus war der Gro├čvater, avunculus der "kleine Opa", der Oheim. Tante ist als kindliches Lallwort entstanden aus ante (lateinisch amita 'Schwester des Vaters). Mit dem Zerfall der Gro├čfamilie war es nicht mehr n├Âtig, die Geschwister der Eltern so genau zu unterscheiden.

Vorfahren und Nachkommen

Daf├╝r wurde eine andere Unterscheidung wichtig: Urspr├╝nglich lebte h├Âchstens noch ein Gro├čelternteil. Manchmal lernten die Kinder auch noch Menschen aus der Generation vorher kennen. Da konnte man sich mit Ahn(e) begn├╝gen. Es ist abgeleitet von einem Wort f├╝r 'es gut mit jemand meinen', heute versteckt in G-un-st 'Wohlwollen'. Genauer unterscheiden kann man durch die Vorsilbe Ur-. Schon zu Beginn der Neuzeit ist das Wort Urahne bezeugt, das wir heute f├╝r alle m├Âglichen Verwandtschaftsgrade anwenden.

Vor 1400 kam Gro├čvater, Gro├čmutter auf. Im Kindermund wurde aus den Gro├čeltern erst Gro├čmama, Gro├čpapa, dann als Lallw├Ârter zu Omama, Opapa und schlie├člich nach 1870 zu Oma, Opa.

Wie aus lateinisch avus 'Opa' der "kleine Opa" avunculus, Onkel wurde, so wurde im Deutschen aus Ahn der "kleine Ahn" eni-klîn, Enkel.

Neffe und Nichte sind Kinder der Geschwister, fr├╝her auch die Kindeskinder, also die Kinder ├╝berhaupt au├čer Sohn und Tochter. Indogermanisch ne-pots, ne-ptis bedeutete 'unm├╝ndig'. Die Nichte hie├č im Althochdeutschen nift.

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