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Weniger Ritalin: Setzt ein Umdenken bei der ADHS-Therapie ein?

Kinder bekommen weniger Ritalin  

Setzt ein Umdenken bei der ADHS-Therapie ein?

02.04.2014, 07:52 Uhr | Basil Wegener, dpa

Weniger Ritalin: Setzt ein Umdenken bei der ADHS-Therapie ein?. ADHS: Kritiker meinen, dass Kinder bei einer ADHS-Diagnose vorschnell Ritalin verordnet bekommen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Ein aufgewecktes Kerlchen oder ein ADHS-Kandidat? Kritiker meinen, dass Kinder bei einer ADHS-Diagnose vorschnell Ritalin verordnet bekommen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Jahr für Jahr haben immer mehr Kinder Psychopharmaka wie Ritalin gegen ADHS bekommen - nun sind die Zahlen erstmals wieder gesunken. Werden die Pillen also nicht mehr leichtfertig verschrieben? Experten warnen vor vorschnellen Antworten.

Stellen Ärzte bei aggressiven, lauten, ungeduldigen Kindern zu oft die Mode-Diagnose ADHS und greifen zu locker zum Rezeptblock? Werden Kinder ohne Not mit dem Medikament Ritalin ruhiggestellt? Der Bochumer Kinderpsychiater und -psychotherapeut Maik Herberhold ärgert sich, wenn jemand zu schnell mit pharmakritischen Annahmen zum "Zappelphilipp-Syndrom" bei der Hand ist. Oder wenn Krankenkassen vor zu vielen Pillen für Kinder warnen.

Kinderpsychiater: Jahrzehntelang wurde ADHS übersehen

"Die Realität war jahrzehntelang, dass die Krankheit übersehen wurde", sagt der Vorsitzende des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Misserfolg in der Schule und im Leben insgesamt seien dann oft vorgezeichnet gewesen. "Viele landeten in Gefängnissen, viele hatten eine Drogenkarriere", sagt der Herberhold.

Kritiker warnen vor "amerikanischen Verhältnissen"

Anderen Experten bereitete es dagegen mehr Sorgen, dass die Zahlen bei den ADHS-Diagnosen und Ritalin-Verordnungen immer weiter in die Höhe gingen. "Wir haben hier amerikanische Verhältnisse", sagte etwa der Hannoveraner Mediziner, Friedrich Wilhelm Schwartz, vergangenes Jahr bei der Vorstellung einer Studie der Barmer GEK. Vor allem Jungs hätten eben ein lebhafteres Bewegungsbild, doch die Eltern fühlten sich unter Druck, notfalls mit Psychopharmaka beim schulischen Erfolg nachzuhelfen.

Nun wurden erstmals weniger der Pillen verschrieben. Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ging der Verbrauch des Ritalin-Wirkstoffs Methylphenidat 2013 erstmals leicht um zwei Prozent auf 1803 Kilogramm zurück. Zuvor gab es über Jahre einen Anstieg, am stärksten gegenüber dem Vorjahr mit 91 Prozent im Jahr 2000. Bis 2008 stieg der Konsum dann jährlich um im Schnitt 17 Prozent, seit 2009 nur noch um etwa drei Prozent. Auch Daten der Techniker Krankenkasse bestätigen den Trend - sie zeigen, dass zuletzt etwas weniger Minderjährige ADHS-Medikamente nahmen.

Vorsicht bei der Deutung des Ritalin-Rückgangs

Kehrt nach vorschnellen Diagnosen nun Vernunft ein? Experten raten zur Vorsicht bei der Deutung der Daten. BfArM-Präsident Walter Schwerdtfeger meint, die Diagnosemöglichkeiten seien besser, aber auch Fehl- und Übertherapie in der Vergangenheit könnten nicht ausgeschlossen werden. Auch 2010 beschlossene schärfere Vorgaben für die Ärzte bei der Verschreibung von Ritalin hätten wohl eine Rolle gespielt, heißt es bei der Techniker Krankenkasse.

Manchmal kommen ADHS-Kinder nicht ohne Medikamente aus

Klar ist: Die Medikamente sind nicht ohne Risiko. Mit Selbstversuchen über die Wirkung haben in den vergangenen Jahren auch gesunde Erwachsene die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Angstzustände und Auswirkungen auf das Wachstum der Kinder zählen zu möglichen Nebenwirkungen.

Doch Herberhold sagt auch: "Wenn ADHS klar nachgewiesen ist, gibt es für die Kernsymptome kaum eine andere Chance als die Medikamente." Es ist nach seiner Überzeugung nicht ausgemacht, dass der erstmalige Verordnungsrückgang nun bedeutet, dass nun Betroffene ausreichend erkannt und behandelt werden. Es kann laut dem Facharzt vielmehr immer noch sein, dass vor allem manche Haus- und Kinderärzte die Störung vorschnell diagnostizieren und bei anderen Kranken das Leiden auch nach wie vor nicht erkannt wird.

So wird eine ADHS-Diagnose erstellt

Fünf bis sechs Diagnostiktermine von jeweils einer Stunde sowie Elterngespräche sieht er etwa in seiner Praxis vor, bevor die Diagnose sicher gestellt werden kann. Um ADHS in Deutschland besser in den Griff zu bekommen, brauche es mehr Engagement der Krankenkassen und Teams von Kinderärzten, -psychologen und -psychiatern.

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