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Deutschland: Immer mehr bei Studenten ohne Abitur

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Zweiter und dritter Bildungsweg  

Rekordzahlen bei Studenten ohne Abitur

05.04.2018, 13:42 Uhr | Tobias Hanraths, dpa

Deutschland: Immer mehr bei Studenten ohne Abitur. Ältere männliche Studenten  (Quelle: Getty Images/(Symbolbild) lisafx)

Zweiter Bildungsweg: Nach der Ausbildung oder dem Beruf fangen viele noch einmal mit einem Studium an. (Quelle: (Symbolbild) lisafx/Getty Images)

Kein Abi – und trotzdem studieren? Immer mehr Menschen in Deutschland qualifizieren sich über Berufspraxis fürs Studium. Selbst zu einem begehrten Fach wie Medizin kann der alternative Weg führen.

In Deutschland studieren so viele Menschen ohne Abitur wie noch nie. Seit 2010 hat sich die Zahl der Studierenden ohne allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife mehr als verdoppelt, wie aus einer Erhebung des CHE Centrums für Hochschulentwicklung hervorgeht. Nach der aktuellen Berechnung des CHE waren es 2016 rund 56.900 Personen.

Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften am begehrtesten

55 Prozent der Studienanfänger ohne Abitur wählt laut CHE ein Fach aus den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Jeder Fünfte studiert Ingenieurwissenschaften. Knapp zwei von drei entscheiden sich für ein Studium an einer Fachhochschule oder einer Hochschule für angewandte Wissenschaften.

Männer sind bei den Studierenden ohne Abitur mit 55 Prozent etwas mehr vertreten als Frauen mit 45 Prozent. Fast jeder Zweite ist laut der CHE-Erhebung älter als 30 Jahre. Die 30- bis 40-Jährigen sind mit einer Quote von rund einem Drittel relativ häufig anzutreffen.

Dritter Bildungsweg seit zehn Jahren möglich

Die Möglichkeit über den sogenannten dritten Bildungsweg, sich auch über Berufspraxis für ein Studium zu qualifizieren, gibt es deutschlandweit seit fast zehn Jahren. So kann etwa die Note der Meister- oder Fachwirtprüfung die Abiturnote bei der Bewerbung um einen Studienplatz ersetzen. Auch Fächer mit beschränkter Zulassung wie Medizin und Pharmazie können Studienanfänger so belegen. So haben 700 von 107.000 Medizinstudenten kein Abitur.

Der Anteil der Studienanfänger ohne Abitur an allen Anfängern liegt laut CHE bei 2,6 Prozent. Der Anteil der Studenten ohne Abitur insgesamt liegt bei zwei Prozent. Die Zahl derjenigen, die ein Studium ohne Abitur erfolgreich abschließen, ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. 2016 erreichte sie mit 7.200 Absolventen ihren vorläufigen Höchstwert.

"Die Kombination von Berufs- und Hochschulbildung wird immer mehr zum Normalfall", sagt CHE-Geschäftsführer Frank Ziegele. "Gelernte Krankenpfleger oder Handwerksmeisterinnen sind heute keine Exoten mehr auf dem Campus, sondern gehören zur selbstverständlichen Vielfalt der Studierenden an deutschen Hochschulen."

Vordere Plätze beim Anteil der Studienanfänger ohne Abitur belegen Hamburg (4,6 Prozent), Nordrhein-Westfalen (4,2 Prozent) und Berlin (3,6 Prozent). Schlusslicht ist laut CHE das Saarland mit 0,8 Prozent.

Tipps zum Studium ohne Abi

Studieren geht auch ohne Abitur – zwar nicht an jedem Institut und in jedem Fach, aber doch ziemlich oft. Etwa 8.000 der rund 19.000 Studiengänge an deutschen Hochschulen lassen sich auch ohne Abi oder Fachabi belegen, teilt das Centrum für Hochschulentwicklung mit. Dabei gibt es aber einiges zu beachten. Ein Überblick:

Die Zulassung

Hochschulbildung ist Ländersache. Damit gelten für das Studieren ohne Abi je nach Bundesland und Hochschule unterschiedliche Regeln. Ein paar Grundsätze gibt es aber: Wer eine abgeschlossene Berufsausbildung oder mehrere Jahre Joberfahrung hat, kann in einem dazu passenden Fach studieren – Kaufleute also etwa BWL. Wer etwas studieren will, das mit der Ausbildung nichts zu tun hat, braucht in vielen Fällen den Meister oder vergleichbare Abschlüsse wie Techniker und Fachwirt. Und wer einen Masterstudiengang belegen will, muss vorher fast immer erst den Bachelor machen.

Der Numerus Clausus

Sogar Fächer mit Zulassungsbeschränkung, die also einen bestimmten Notenschnitt voraussetzen, lassen sich oft ohne Abi studieren. Dafür gibt es in vielen Bundesländern Vorabquoten: Bevor die Plätze verteilt werden, geht ein kleiner Teil erst einmal an andere Personengruppen. Und das können etwa Bewerber mit Berufserfahrung sein. Auf diesem Weg ist es sogar möglich, einen der vier Studiengänge mit zentraler Zulassungsbeschränkung zu belegen – Medizin, Tiermedizin, Zahnmedizin und Pharmazie.

Die Studieninhalte

Wer es ohne Abi einmal an die Uni geschafft hat, lernt dort genauso wie andere Studierende – Unterschiede gibt es dann keine mehr. Manche Hochschulen bieten aber spezielle Kurse für Studenten ohne Abi an, um zum Beispiel das Mathe-Wissen aus der Schule aufzufrischen. Und Berufserfahrung lässt sich manchmal anrechnen, Pflichtpraktika können dann zum Beispiel wegfallen.

Die Finanzierung

Auch ohne Abi gibt es Bafög – theoretisch zumindest. Wer auf diesem Weg Unterstützung für ein Bachelor-Studium haben will, darf aber nicht älter als 30 sein, beim Master liegt die Grenze bei 35. Für Studierende, die aufgrund ihrer Berufserfahrung eine Hochschulzulassung bekommen, gibt es aber Ausnahmeregelungen. Trotzdem bekommen ältere Studis oft kein Bafög, warnt das CHE – etwa weil das Einkommen des Ehepartners angerechnet wird. Es gibt aber Alternativen, das Aufstiegsstipendium des Bundes zum Beispiel.

Die Erfolgsaussichten

Studierende ohne Abi sind ähnlich erfolgreich wie Kommilitonen mit. Das zeigt eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW): Demnach gleichen sich die Noten spätestens im dritten Semester an, zum Examen gibt es kaum noch Unterschiede. Die Abbruchquote ist unter den Studierenden ohne Abi allerdings höher – zum Beispiel, weil sie Studium, Familie und vielleicht noch den Job manchmal nicht unter einen Hut bekommen.

Verwendete Quellen:
  • dpa
  • Centrum für Hochschulentwicklung
  • Infoportal "Studieren ohne Abitur"
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen


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