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Lebensmittelkennzeichnung: Verbraucher fordern Ampel-Kennzeichnung


Verbraucher fordern Fett-Ampel

16.09.2008, 16:44 Uhr | Moritz Miebach

Ernährung: So könnte die Ampelkennzeichnung für Lebensmittel aussehen. (Foto: Foodwatch)So könnte die Ampelkennzeichnung für Lebensmittel aussehen. (Foto: Foodwatch) Rot für "viel", grün für "wenig" - so sollen Nährwertangaben auf Lebensmitteln gestaltet werden, wenn es nach den Verbrauchern geht. In einer Umfrage sprach sich eine Mehrheit für die sogenannte Ampel-Kennzeichnung aus. Doch Verbraucherminister Seehofer sträubt sich.

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Inhaltsstoffe sollen gekennzeichnet werden

Es ist ein Termin, der Bundesverbraucherminister Horst Seehofer (CSU) wenig Spaß machen dürfte: Am kommenden Donnerstag trifft er sich in Berchtesgaden mit seinen Länderkollegen. Die wollen fast geschlossen einen Vorschlag Bayerns zur Kennzeichnung von Lebensmitteln abnicken: Demnach sollen auf allen Packungen die Inhaltsstoffe mit einem Farbsymbol gekennzeichnet werden - je nach Menge mit Grün, Gelb oder Rot.

Mehrheit der Befragten für Fett-Ampel

Seehofer hält wenig von der Idee. Wenn, dann müssten die Hersteller selbst entscheiden dürfen, ob sie ihre Produkte mit der sogenannten Ampel ausweisen oder nicht, findet er. Damit lehnt Seehofer ab, was ein Großteil der Bundesbürger für richtig hält. Laut einer repräsentative Umfrage des Emnid-Instituts befürworten 84 Prozent der Deutschen eine verpflichtende Nährwertangabe mit Hilfe der Farbsymbole einer Ampel. Nur 14 Prozent wären mit einer Lösung auf Freiwilligenbasis einverstanden, so das Ergebnis der Umfrage, die im Auftrag der Verbraucherorganisation Foodwatch erhoben wurde und SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Verpflichtende Farbkennzeichnung gefordert

Auch Verbraucherschützer und Gesundheitsexperten fordern, dass Inhaltsstoffe mit einfach verständlichen Farbzeichen auf der Verpackung angezeigt werden. Eine Freiwilligenlösung würde den Sinn der Ampel ins Gegenteil verkehren, fürchtet Foodwatch. "Lebensmittelhersteller würden mit großer Wahrscheinlichkeit nur dort ampeln, wo die rote Farbe nicht überrascht, etwa bei Butter. Produkte mit versteckten Dickmachern, die der Verbraucher nicht erwartet, würden nicht gekennzeichnet", sagt Cornelia Ziehm von Foodwatch.

Foodwatch will Druck auf Seehofer ausüben

Lebensmittel ohne Ampel erschienen den Verbrauchern dann automatisch als unkritisch. Oder die Hersteller würden sogar bewusst nur dort eine Ampel anbringen, wo die Nährwerte im grünen Bereich seien: "Damit wird der Sinn der Ampelkennzeichnung ins Gegenteil verkehrt, weil die Hersteller den Verbraucher bewusst irreführen", so Ziehm. Foodwatch hat deshalb eine Mitmachaktion gestartet, mit der Druck auf Seehofer ausgeübt werden soll. Denn auch viele Lebensmittel - von denen man es nicht vermuten würde - sind wahre Fett-, Salz- oder Zuckerbomben. Das zeigen die Lebensmitteluntersuchungen die die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch in regelmäßigen Abständen erstellt.

Ernüchternde Ergebnisse bei der Analyse

In der jüngsten Testreihe ließ Foodwatch Ketchups, Grill- und Salatsoßenanalysieren. Das Ergebnis ist ernüchternd. Die meisten Produkte wiesen bei mindestens einem der drei Inhaltsstoffe hohe Werte auf - selbst wenn das Etikett genau das Gegenteil suggeriert. Die "Joghurt Salat-Creme" von Thomy etwa, deren Packung mit 30 Prozent Joghurtanteil wirbt, hat 22 Gramm Fett pro 100 Gramm. "Durchschnittlich hat Mayonnaise rund 80 Gramm Fett pro 100 Gramm. Unser Produkt enthält hingegen nur 22,1 Gramm - hauptsächlich aus Sonnenblumenöl - und 30 Prozent Joghurt", verteidigt Alexander Antonoff von Nestlé das Produkt.

Kinderketchup "Ketchupi" enthält falsche Angaben

Trotzdem wäre ein rotes Ampelzeichen beim Fettgehalt in solchen Fällen für den Verbraucher hilfreich, kontert Foodwatch. Gleiches gilt für der Kinderketchup "Ketchupi", der mit dem Aufdruck "30 Prozent weniger Zucker" beworben wird und der Testreihe zufolge mit rund 60 Cent pro 100 Milliliter teurer ist als vergleichbare Produkte. Dabei enthalte die rote Soße nicht weniger Zucker als die Erwachsenenversion des Herstellers, so die Autoren. Eine Unilever-Sprecherin sagte dazu auf Nachfrage, die Prozentangabe auf der Packung beziehe sich auf den Durchschnitt, den vergleichbare Ketchups zur Zeit der Markteinführung gehabt hätten. "Der Verbraucher ist mündig und kann selbst zwei Flaschen in die Hand nehmen und vergleichen. Wir verheimlichen nichts, hinten drauf stehen die Nährwerte", fügte sie hinzu.

Hersteller setzen auf bewährtes Modell

Tatsächlich lassen sich jetzt schon bestimmte Werte auf Verpackungen ablesen. Die Lebensmittelhersteller setzen aber statt auf die Ampel auf das sogenannte GDA-Modell (Guideline daily amount), das den Nährwert eines Lebensmittels in Portionsgrößen angibt. Auch Seehofer unterstützte bislang dieses Modell. Allerdings gehen die Meinungen darüber, was eine Portion ist, auseinander - wie die Testreihe mit den Grillsoßen zeigt.

Lebensmittelbranche ist gegen Ampel

Gerade einmal 15 Milliliter - also zwei bis drei Esslöffel - Barbecue Sauce verbraucht der Kunde nach Vorstellung der Hersteller bei einem Essen, wie die Foodwatch-Autoren errechnet haben. Der Effekt: Selbst die süße "Asian-Summer"-Soße kommt nur auf 7,2 Prozent des vermeintlichen Tagesbedarfs an Zucker. Die fetthaltigste Tunke aus der Untersuchung - die "Knoblauch Sauce" von Kühne - deckt angeblich nur 7,7 Prozent des täglichen Fettbedarfs. Die Ampelkennzeichnung würde dagegen mit einem roten Licht bei Zucker oder Fett leicht daran erinnern, nur einen Klecks Soße auf den Teller zu schütten, heißt es bei Foodwatch. Die Branche hält dagegen. "Lebensmittel werden so in gut und schlecht eingeteilt anhand einer willkürlichen Bewertung einzelner Inhaltsstoffe", sagt Peter Loosen, Geschäftsführer vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde.

Länder einverstanden mit bayerischem Vorschlag

Der bayerische Verbraucherschutzminister Otmar Bernhard (CSU) will nun Ampel und GDA-Modell verbinden. Auf der Frontseite jeder Lebensmittelverpackung sollen nach seiner Vorstellung einerseits die Richtwerte für die empfohlene Tageszufuhr (GDA) in Prozent stehen, andererseits sollen die Ampelfarben eine Orientierung über die Höhe des Wertes geben. Außerdem beziehen sich die Angaben immer auf 100 Gramm und 100 Milliliter eines Produkts. Bernhards Länderkollegen finden die Idee gut: In seltener Einigkeit haben sie sich schon auf einem Vortreffen im Juni für den bayerischen Vorschlag ausgesprochen. Nur Schleswig-Holstein distanzierte sich.

EU-Recht ist ein Hindernis für Ampel

Die Lebensmittelindustrie wird Bernhard damit allerdings nicht besänftigen können. "Wir halten nichts von dem Vorschlag, es ist nur eine weitere Spielart der Ampel, die wir ablehnen", sagt Loosen vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde. Und es gibt noch ein weiteres Problem: Wenn die Ampel künftig wirklich auf allen Lebensmitteln in Deutschland zu sehen sein soll, müsste sie EU-weit zur Pflicht werden, sagen Juristen. Sonst müsste beispielsweise ein französischer Hersteller seinen Käse in Deutschland nicht mit der Ampel versehen.

Bayern setzt auf EU-Gemeinschaftslösung

Bayern will deshalb erst gar nicht auf eine deutsche Lösung setzten - sondern sieht den Ländervorschlag gleich als mögliche Gemeinschaftslösung in Brüssel. Doch die EU-Mühlen mahlen langsam. Und EU-Gesundheitskommissarin Androula Vassiliou hat vorerst auch nur eine Regelung vorschlagen, nach der die wesentlichen Nährwerte auf der Front aller Lebensmittelpackungen zu sehen sein muss. Ohne Ampelfarben.

Mehr zum Thema Ernährung:
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