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Analphabetismus: Wenn Erwachsene nicht lesen können

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Analphabetismus: Angst vorm Schreiben

05.08.2011, 13:29 Uhr | Judith Féaux de Lacroix

Analphabetismus: Wenn Erwachsene nicht lesen können. In Deutschland leben 7,5 Millionen Analphabeten. (Foto: imago)

In Deutschland leben 7,5 Millionen Analphabeten. (Foto: imago)

Roswitha Vogel hat ihr Geheimnis lange gehütet. Ihrem Mann hat sie es erst nach 20 Jahren Ehe gebeichtet, ihre Mutter weiß erst seit vergangenem Jahr Bescheid. Zu groß war die Angst der heute 54-Jährigen, zuzugeben: Ich kann nicht richtig lesen und schreiben. Roswitha Vogel ist funktionale Analphabetin - eine von 7,5 Millionen in Deutschland.

Buchstaben als schwarze Flecken

Funktionale Analphabeten sind zwar zur Schule gegangen und haben dort auch Lesen und Schreiben gelernt. Doch ihre Kenntnisse reichen nicht aus, um den Alltag zu bewältigen. Wenn sie einen Satz lesen, verstehen sie dessen Sinn nicht. "Buchstaben waren für mich schwarze Flecken", beschreibt es Roswitha Vogel.

An der Straßenbahnhaltestelle fühlt man sich verloren

Seit sieben Jahren besucht Roswitha Vogel an der Volkshochschule einen Kurs, in dem sie lesen und schreiben lernt. Dort hat sie andere Betroffene kennen gelernt. Da ist Adam, der von sich sagt: "Vor vier Jahren konnte ich noch nicht einmal meinen Namen schreiben." Inzwischen hat er kaum noch Schwierigkeiten, einen Text zu Papier zu bringen. Und Sylvia, die erst seit einem Jahr dabei ist. "Für andere Menschen ist es ganz normal, lesen und schreiben zu können", sagt sie. "Für mich ist es etwas Besonderes." An einer Straßenbahnhaltestelle zu stehen, war für sie früher schrecklich - denn sie konnte nicht entziffern, welche Bahn zu ihr nach Hause fuhr. "Ich habe mich gefühlt wie ein kleines Kind, das von seinen Eltern im Kindergarten vergessen wurde", erinnert sie sich.

Einkaufen wird zum Problem

Im Kurs lernen Roswitha, Adam und Sylvia, mit solchen Alltagssituationen umzugehen. Heute geht es ums Einkaufen. Roswitha notiert Lebensmittel auf ihrem imaginären Einkaufszettel - eine scheinbar einfache Aufgabe. Doch sie muss sich konzentrieren, um keine Fehler zu machen: Heißt es ein Bunt oder ein Bund Petersilie? Noch vor ein paar Jahren hat sie nie einen Einkaufszettel geschrieben. Den Einkauf erledigte sie, indem sie sich in der Fernsehwerbung Bilder von Produkten einprägte - denn lesen, was auf der Verpackung stand, konnte sie nicht.

"Selbst die Finger gebrochen, um nicht schreiben zu müssen"

Das war nur eine von vielen Hürden, die Roswitha tagtäglich überwinden musste. "Im Restaurant habe ich früher immer das Gleiche bestellt wie die anderen, weil ich keine Karte lesen konnte", erzählt sie. "Aber das Schlimmste war, wenn ich bei Behörden irgendwelche Formulare ausfüllen musste." Sie fand immer neue Ausreden, sagte zum Beispiel, sie habe ihre Lesebrille vergessen. "Einmal habe ich mir selbst die Finger gebrochen, damit ich nichts ausfüllen muss", sagt Roswitha. Warum sie es schließlich doch lernte? Wegen ihrer vier Kinder. "Ich konnte ihnen nie etwas vorlesen, das fand ich traurig", sagt Roswitha. Ihr erstes Erfolgserlebnis war, als sie ihrem Sohn im Chatprogramm eine Nachricht schreiben konnte.

Betroffene fühlen sich minderwertig

Auch Tim-Thilo Fellmer war ein funktionaler Analphabet. Heute merkt man ihm das nicht mehr an: Der 43-Jährige ist Kinderbuch-Autor, er hat seinen eigenen Verlag gegründet. Vor zwanzig Jahren wäre das undenkbar gewesen. Schon als Kind trat er nie einem Sportverein bei, aus Angst davor, ein Formular ausfüllen zu müssen. "Als ich von der Schule abging, konnte ich nur sehr langsam lesen", erinnert sich Fellmer. "Das reichte nicht mal für einen Fahrkartenautomaten." Fellmer fühlte sich oft minderwertig, er gab sich selbst die Schuld für seine Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. "Man hat das Gefühl, jeder kann das, nur man selbst nicht", sagt er.

"Analphabeten sind nicht dumm"

Dabei hat Analphabetismus nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun: "Analphabeten sind nicht dumm", sagt Fellmer. Dass manche Menschen auch im Erwachsenenalter Probleme beim Lesen und Schreiben haben, hat vielfältige Gründe. Obwohl bei Fellmer schon in der Grundschule eine Lese-Rechtschreibschwäche festgestellt wurde, griff niemand ein, um ihm zu helfen. "Wir waren eine große Familie, mein Vater musste viel arbeiten. Meine Mutter konnte mir nicht helfen, obwohl sie es immer wieder versuchte", erklärt Fellmer. Er macht seinen Eltern deshalb keine Vorwürfe: "Eltern sind nun mal nicht ausgebildet, um ihre Kinder zu alphabetisieren." Fellmer sieht das Schulsystem in der Pflicht. "Die Lehrer müssen die Möglichkeit bekommen, Schüler individuell zu fördern", findet er. "Man darf Kinder nicht einfach durchs Raster fallen lassen."

Viele kleine Demütigungen

Nach der Schule mogelte sich Tim-Thilo Fellmer durch. Durch Beziehungen bekam er eine Lehrstelle in einer Autowerkstatt. Doch dort war er nicht glücklich. Fellmer merkte, dass es so nicht weitergehen konnte: Er musste lesen und schreiben lernen. "Es gab keinen Schlüsselmoment, sondern viele kleine Demütigungen und negative Momente, die mich zu der Entscheidung gebracht haben", erinnert er sich. "Ich hatte ständig Angst, dass es jemandem auffallen könnte, dass ich nicht richtig lesen und schreiben kann." Schließlich war es seine Lebensgefährtin, die ihn ermutigte, einen VHS-Kurs zu machen, um Lesen und Schreiben zu lernen. Damit veränderte sich Fellmers Leben. "Ich habe mich in Bücher verliebt", sagt er. Die Lehrer erkannten sein Talent fürs Schreiben. Fellmer begann, ein Kinderbuch zu verfassen - 2004, viereinhalb Jahre später, wurde es veröffentlicht. So wurde aus dem Analphabeten Tim-Thilo Fellmer ein Buchautor. Doch seine Vergangenheit hat er nicht vergessen. Heute ist er Botschafter für Alphabetisierung, er hält Vorträge, gibt Workshops. "Ich will aufklären, Mut machen und sensibilisieren", sagt er.

Hotline für Betroffene: 0800 53334455

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