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So schmeckte Bier vor 170 Jahren

So schmeckte Bier vor 170 Jahren

13.03.2015, 15:39 Uhr | dpa/ wanted.de, dpa

So schmeckte Bier vor 170 Jahren. 170 Jahre ist das Bier aus dem Wrack vor Finnland alt. (Quelle: VTT Technical Research Centre of Finland Ltd)

170 Jahre ist das Bier aus dem Wrack vor Finnland alt. (Quelle: VTT Technical Research Centre of Finland Ltd)

Bier ist ewig begehrt: Taucher brachten vor fünf Jahren Bier aus dem Bauch eines im 19. Jahrhundert gesunkenen Schiffes ans Licht. Jetzt haben Forscher den historischen Gerstensaft untersucht - mit überraschenden Ergebnissen.

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Natürlich haben sie davon gekostet. Geschmeckt hat es absolut nicht, aber trotzdem hat es die Wissenschaftler begeistert: Sie konnten ein Bier analysieren, das ungefähr 170 Jahre auf dem Meeresgrund lagerte. Die Flaschen stammten aus einem Schiffswrack in der Ostsee, das unweit der finnischen Küste um 1840 gesunken war. Obwohl in die beiden Bierflaschen Salzwasser gedrungen war, konnten Wissenschaftler des VTT Technical Research Centre of Finland und der Technischen Universität München (TUM) den historischen Gerstensaft analysieren.

Bier im Massenspektrometer

Die Resultate sind im "Journal of Agricultural & Food Chemistry" veröffentlicht. Laut den Forschern dürfte das damalige Bier etwas weniger Alkohol gehabt haben, eine leicht rosige Geruchsnote - und wäre nach heutigem Geschmack unangenehm bitter. Womit das Bier vielleicht

mit heutigem hopfigen Craft Beer der Sorte India Pale Ale konkurrieren könnte. Eineinhalb Jahre untersuchten die Experten das Getränk. Und zwar mit einer speziellen Massenspektrometrie-Methode, mit der mehr als 60 Geschmackskomponenten des Hopfens binnen 30 Minuten sichtbar gemacht werden können.

"Aus den Ergebnissen konnten wir unter anderem ableiten, dass das Bier von 1840 mit beta-säurereichen Hopfensorten gebraut wurde", sagt Thomas Hofmann vom Lehrstuhl für Lebensmittelchemie. Sprich: Es war anders bitter als heutiges Bier. Bei heutigen Sorten stehen die Alphasäuren im Vordergrund. Bei den Hefe-abhängigen Geschmacksnoten unterschied sich das havarierte Bier kaum von modernen Sorten.

Champagner blieb unversehrt

Das Bier war zusammen mit 168 Flaschen Champagner im Sommer 2010 in dem Wrack vor der Gemeinde Föglö auf Åland zwischen den Küsten Finnlands und Schwedens in 45 Metern Tiefe gefunden worden.

Der Champagner, im Gegensatz zu dem Bier unversehrt, könnte der älteste trinkbare Champagner der Welt sein und sollte versteigert werden - spekuliert wurde, dass eine Flasche bis zu 100.000 Euro erzielen könnte. Der Erlös sollte die Kassen finnischer Behörden füllen, die der rechtmäßige Eigentümer sind.

Eine Flasche Champagner 100.000 Euro

Mehrfach sanken Schiffe mit Alkoholika an Bord: Wein, Champagner und Spirituosen waren Luxusgüter - nicht zuletzt waren Schmuggler damit auf den Meeren unterwegs. Vor knapp 20 Jahren wurde der von einem deutschen U-Boot 1907 versenkte schwedische Zweimastschoner "Jönköping" gehoben. An Bord ein wertvoller alkoholischer Schatz von Millionenwert: Champagner, Cognac und Wein.

Eine einzige Flasche Heidsieck-Champagner brachte später bei Christie's in London 2420 Pfund (etwa 3400 Euro). Manche Alkoholika schienen unter den speziellen Lagerbedingungen in kühler Tiefe und Dunkelheit ungeahntes Aroma zu entfalten. Eine 300 Jahre alter Wein, den Taucher in einer verkorkten Flasche vom Meeresboden holten, schmeckte angeblich "wie eine alte, verzuckerte Marmelade."

"Wir wären sehr daran interessiert, auch ein bisschen Wein zu bekommen" - für weitere Untersuchungen, sagt der Weihenstephaner Lebensmittelchemiker Andreas Dunkel. Bisher hatten die Forscher kein Glück - schließlich verzücken manche der alten Tröpfchen die Sommeliers komplett: "Ein derartiges Aromen-Feuerwerk habe ich noch nie erlebt: Blumen, Zitronen, mitunter eine Prise Mandarine - und vor allem ein wahnsinnig langer Abgang", schwärmte der Weinexperte François Hautekur vom Champagnerhaus Veuve Clicquot bei der Verkostung des Champagners von Bord des finnischen Wracks.

Das Bier vom Meeresgrund löste indes keine Begeisterungsstürme aus. Es ist fast ein Wunder, dass sich die analysierten Bierflaschen am Meeresgund so lange gehalten haben. Entsprechend des Alters seien auch zahlreiche Abbauprodukte identifiziert worden, deuteten die Forscher in ihrer Mitteilung an. >>

Milchsäuregärung hatte ihr Werk getan, außerdem war wie erwähnt Salzwasser eingesickert. Die Forscher müssen es wissen, denn trotz des Alters haben sie sogar vom Gerstensaft etwas gekostet: "Unangenehm sauer, salzig - man würde nicht von Bier ausgehen", schildert Dunkel seinen Selbstversuch. Die Forschungsergebnisse erlauben es aber, das Bier vergangener Jahrhunderte tatsächlich zu schmecken: Die finnische Brauerei Stallhagen hat es bereits in Finnland im vergangenen Jahr in einer Sonderserie "Stallhagen 1843" auf den Markt gebracht. Mit durchschlagendem Erfolg, denn die erste Flasche war bei einer Auktion immerhin umgerechnet 850 Euro wert. Die Finnen erwägen nun weitere Editionen auf den Markt zu bringen, die dann auch global angeboten werden sollen.

Retro-Biere im Trend

Der Retrotrend beim Bier ist nicht neu, sagt Walter König vom Bayerischen Brauerbund. Zu Jubiläen - wie zum 200-jährigen Bestehen des Oktoberfests - wird historisch gebraut, meist ist das Bier wie jenes aus dem Wrack etwas dunkler und herber.

Eine Renaissance erleben Bügelverschlussflaschen oder im Holzfass gereifte Starkbiere - sie wurden früher auf die lange Reise in die Kolonien geschickt. König: "Die holzfassgereiften Biere sind also auch eine Art Retro- oder Nostalgiebiere." wanted.de weiß dies längst: Im Eichenfass ausgebaute Biere zählen auch zu unseren Bier-Favoriten. Bilder vom historischen Fund sehen Sie in unserer Fotoshow.

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