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Bore-Out: Wenn Langeweile Menschen krank macht

Bore-Out  

Wenn Langeweile Menschen krank macht

11.08.2015, 14:32 Uhr | dpa

Langeweile und Unterforderung können krank machen. Bore-Out nennt sich die Krankheit, die zu Schlaflosigkeit und Mattigkeit führt. Auch Antriebslosigkeit und Depression sind eine Folge. Die Krankheit wird vor allem in der Arbeitswelt beobachtet, doch auch bei Senioren tritt sie auf. Denn das Gefühl, gebraucht zu werden, ist ein wichtiger Faktor für die Lebensqualität im hohen Alter. Abgeleitet wird Bore-Out vom englischen Wort für Langeweile "Boredom". Falsch Diagnostiziert wird die Erkrankung oftmals mit Demenz verwechselt.

"Die Symptome sind die gleichen wie bei einem Burn-out", erklärt Ursula Lehr. Sie ist emeritierte Professorin für Psychologie und führte den Lehrstuhl für Gerontologie in Heidelberg. Unterforderung kann Senioren noch im hohen Alter treffen. Wenn etwa plötzlich der Partner stirbt, der zuvor Lebensmittelpunkt war, bleibt ein großes Loch zurück. "Das betrifft besonders häufig Frauen über 80 Jahre, die mit der Heirat ihren Job aufgegeben haben und danach vor allem für ihren Mann gelebt haben." Mit dessen Tod verlieren die Tage auf einmal ihre gewohnte Struktur, ein Gefühl der Leere entsteht.

Bore-Out tritt oft nach Renteneintritt auf

Ein Bore-out muss aber nicht erst im hohen Alter auftreten: Bereits die Zeit kurz nach Rentenbeginn ist häufig prekär. "Hier sind - noch - vor allem Männer betroffen, weil die ihr Leben oft sehr stark über ihre Arbeit definieren", sagt Psychologin Julia Scharnhorst. Gerade bei Workaholics, denen die Zeit für Hobbys und Freunde fehlte, bricht mit der Rente einiges zusammen. Um das zu vermeiden, hilft Vorbereitung. Wie sollen die Tage als Rentner aussehen? Welchen Aktivitäten will man nachgehen? Gibt es Bekannte, die man sehr gerne mal wieder treffen will? "Keinesfalls sollte die Rente als Nichtstun begriffen werden", mahnt Scharnhorst. Besser ist, die positiven Seiten der gewonnenen freien Zeit zu entdecken und zu nutzen.

Hobbies sind wichtig

Senioren sollten sich nicht davor scheuen, intensiv ihre Hobbys zu betreiben. Denn die Grenzen setzt nur der eigene Wille. «Viele haben diese Erwartungen im Kopf, wie ältere Menschen angeblich sein müssen», weiß Scharnhorst. Dieses Rollenbild sollte aber jeder für sich hinterfragen: "Es geht darum, wie man selbst leben möchte und nicht wie man denkt, dass es die Gesellschaft für richtig hält."

Eine neue Sprache lernen, noch einmal studieren, ein Ehrenamt übernehmen: Wichtig sei nur, dass eine Aufgabe sinnvoll und herausfordernd ist, rät die Psychologin. Senioren müssen einen Sinn in ihren Tätigkeiten sehen, findet auch Lehr. Deshalb empfiehlt sie, vorher genau zu überlegen, was einem liegt und wie viel Zeit man in die neue Aufgabe investieren kann.

Ehrenämter können bei Bore-Out helfen

Viele Organisationen helfen bei der Vermittlung von ehrenamtlichen Tätigkeiten: Freiwilligenagenturen, Seniorenbüros und Begegnungsstätten sind dafür geeignete Anlaufstellen. Der Senior Experten Service (SES), eine gemeinnützige Gesellschaft aus Bonn, entsendet Fachkräfte im Ruhestand zu Einsätzen im In- und Ausland. "Viele möchten der Gesellschaft etwas zurückgeben und wollen auch im Ruhestand gebraucht werden", erklärt Sprecherin Heike Nasdala. Der Verband Senior Partner in School (SiS) vermittelt Senioren als Mediatoren in Schulen.

Oft reicht bereits ein bisschen Struktur, um aus dem mentalen Loch des Bore-outs zu finden. "Täglich Zeitung lesen", nennt Lehr ein einfaches Beispiel. Wer es sich zutraut, könne etwa das Internet entdecken. "Dafür gibt es viele ehrenamtliche Paten, die einem die Nutzung beibringen", sagt Lehr, die auch Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (Bagso) ist. Das Internet hilft auch, Kontakt mit der Familie zu halten: Der Enkel findet es sicher cool, einmal mit der Ur-Oma zu skypen.

Keine Angst vor dem Gang zum Psychologen

Manchmal reichen Beschäftigung und eine neue Tagesstruktur gegen den Bore-out nicht aus. "Weil es zu Depressionen führen kann, ist häufig psychologische Hilfe nötig", erklärt Lehr. Gerade alte Menschen haben laut der Bagso-Vorsitzenden jedoch oft Angst vor dem Gang zum Psychologen. Ihnen stecke noch das Stigma aus der Zeit des Dritten Reichs im Kopf. "Bei den Nazis galten psychisch Kranke als unwertes Leben, weshalb viele ältere Menschen noch heute vor einem Besuch in der Praxis zurückschrecken."

Das Bore-out-Syndrom wird von Ärzten manchmal falsch beurteilt. «Sie nehmen mitunter an, dass die Symptome auf eine Demenz hindeuten», sagt Lehr. Dabei sei etwa ein Fünftel aller Demenz-Fälle eigentlich auf Depressionen zurückzuführen. Und die haben ihren Ursprung nicht selten in einem Bore-out.

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