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Warschau: Triste Schönheit

Warschau: Triste Schönheit

07.06.2012, 18:10 Uhr | cw (CF)

Warschau hat es in seiner Geschichte ganz schwer gehabt. Und die Vergangenheit bleibt trotz aller Bemühungen zum Wiederaufbau stets gegenwärtig. Vielleicht ist Warschau die Stadt mit dem tiefsten melancholischen Flair der Welt.

"Gehst du einsam durch die Straßen in der Nacht,/ denkst an Zeiten, die dich einst so froh gemacht", dichtete Novalis vor mehr als 200 Jahren. Seine Verse beschreiben vielleicht wie kaum etwas sonst das merkwürdige Gefühl, das einen beschleicht, wenn man durch Warschau spaziert. Wer nämlich schon einmal über den Rynek ging, den zentralen Markt der Altstadt, rechts von sich das Königsschloss wissend, und dann in eine der schmalen Seitengassen abbiegt, die zur Weichsel herunter führen, dem werden viele Gedanken durch den Kopf gehen. Haben die alten Häuser am Markt nicht schon Patina angesetzt? Sind die Seitengassen nicht wenig einladend? Wie kann etwas, das doch offensichtlich schon in die Jahre gekommen ist, bloß neu und rekonstruiert sein? Es hat doch schon irgendwie das Flair einer echten Altstadt. Es ist doch auf seine Art schön. Wie muss Warschau erst in den einstigen Zeiten ausgesehen haben, als es noch froh und ohne Sorgen war, als die Altstadt, die Neustadt, das ganze Stadtgebiet noch nicht zerstört war? Zu weit mehr als 90 Prozent wurde Warschau im Zweiten Weltkrieg zerstört. Nahezu alle historischen Gebäude, auch das Königsschloss, sind Rekonstruktionen. Nur der Stadtteil Praga östlich der Weichsel ist verschont geblieben.

Und natürlich hat Polen nach diesem schlimmsten aller Kriege nicht über die Ressourcen verfügt, um alles wieder neu aufzubauen. Selbst das Königsschloss konnte erst in den Siebzigern wieder angegangen werden. Und so dominieren im Zentrum Warschaus die tristen Zweckbauten des Sozialismus, die man aus anderen Städten allenfalls von der Peripherie her kennt. So wurden beispielsweise die prächtigen Häuser aus der Gründerzeit an der Sächsischen Achse nicht wieder aufgebaut, doch dafür konnte der Königsweg, an dem sich zahlreiche Regierungsgebäude wie der Präsidentenpalast oder auch die barocke Karmeliterkirche und Parks befinden, revitalisiert werden. Außerdem geht sie in Warschaus erste Geschäftsstraße, die Nowy Sviat, über, wo neben zahlreichen internationalen Ketten auch gemütliche einheimische Lokale Sie erwarten. Falls Sie es besonders urtümlich und deftig mögen, seien Ihnen auch die lokalen Milchbars ans Herz gelegt, die Sie überall finden können: Hier trifft sich der Querschnitt der polnischen Gesellschaft, um Borscht oder Piroggen zu günstigen Preisen zu sich zu nehmen. Allerdings dürfen Sie nicht davon ausgehen, dass es die Speisekarte da auch auf Englisch gibt.

Warschau: Postsozialistische Boomtown

Als die Sowjets, die dem Warschauer Aufstand von Praga aus zusahen, einrückten, war Warschau eine menschenleere Ruinenstadt. Insofern ist einer der wichtigsten Orte, die in Warschau besucht werden können, das Museum des Warschauer Aufstands (nicht zu verwechseln mit dem jüdischen Aufstand im Warschauer Ghetto). Als "Wiedergutmachung" ließ Stalin den Kulturpalast errichten, ein Hochhaus im Stil der Stalingotik, von denen Moskau auch sieben Stück hat. Doch seit dem Ende des Sozialismus dominiert es nicht mehr die Skyline: Zahlreiche moderne Wolkenkratzer sind neu hinzugekommen, in denen die Firmen des polnischen Wirtschaftswunders ihren Sitz haben. Ansonsten wird das Stadtbild von zahlreichen sozialistischen Plattenbauten geprägt. Allerdings sind neben der Altstadt auch einige andere Plätze und Palais rekonstruiert worden, und vereinzelt finden sich auch Wohnhäuser, die das Inferno überstanden haben. Des Weiteren gibt es natürlich auch Denkmäler (Kopernikus und Chopin) und Museen. Doch wirklich alt ist Warschau nur in Praga, dessen Häuser großenteils unsaniert sind. Hier gastiert die Boheme – und zur EM 2012 im neuen Nationalstadion der Fußball.

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