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Flamenco in Madrid

Takt und Tragik in Madrid

25.03.2013, 16:52 Uhr | Johanna Rüdiger, Raufeld

Flamenco in Madrid. Flamenco ist Leidenschaft und tragische Kunst.  (Quelle: Raufeld/fotolia)

Flamenco ist Leidenschaft und tragische Kunst. (Quelle: Raufeld/fotolia)

Die Heimat des Flamencos liegt in Andalusien - doch auch Madrid kann dank exzellenter Bühnen und Akademien in der Künstlerszene mithalten. Ein Streifzug zwischen Leid und Leidenschaft. Es ist nur eine unscheinbare Tür mitten in der Altstadt von Madrid - fast hätte man sie übersehen, im Gedränge der Markthalle von Anton Martin. Und dennoch: Hinter dieser Tür verbirgt sich ein magischer Ort, eine Welt voller Drama und Emotionen.

Foto-Serie mit 7 Bildern

Dabei ist der erste Blick in den Flur der Amor de Dios zunächst enttäuschend: Kein Glamour, nirgends. So hatte man sich die älteste und berühmteste Flamenco-Schule Spaniens eigentlich nicht vorgestellt. Am schwarzen Brett am Eingang hängen bunt zusammengewürfelte Kursangebote der Lehrer, unzählige Fotos von Tänzern wie Sara Baras oder Antonio Canales zieren die Wände.

Aber sonst? Füllt eher der Geruch von Arbeitsschweiß die Luft, nicht die Atmosphäre von Leidenschaft. Doch plötzlich dringt ein unmissverständliches, rhythmisches Klopfen aus einem der Übungsräume. Kein Zweifel, so klingt nur die mit Nägeln verstärkte Sohle eines Flamenco-Schuhes, wenn energisch aufgestampft wird.
Durch den Türspalt erhaschen wir einen Blick auf die Lehrerin und ihre Gruppe: Eine ganz in Schwarz gekleidete Frau, das üppige Tuch um die Hüfte geschlungen, runzelt zornig die Stirn. >>

Der Stock, den sie schwingt, donnert wie ein Peitschenhieb auf den Boden "No, no. Uno, dos, tres ..." herrscht sie ihre Schüler an, die eilig die Füße in die gewünschte Position bringen, die Arme über den Kopf heben und die Hände gekonnt eindrehen. Wir nehmen allen Mut zusammen und fragen trotzdem, ob wir zusehen dürfen. Da dreht Candela Soto sich um, ein strahlendes Lächeln verwandelt ihr Gesicht: "Natürlich, willkommen". Unsere erste Lektion in Sachen Flamenco: Verwechsle niemals Ernsthaftigkeit mit Zorn.

Dramatisch, ja - aber Flamenco sei keineswegs eine Furcht einflößende oder gar tragische Kunst, erklärt uns Cristian Almodovar später.
Der Tänzer und Choreograf ist auch über die Grenzen Spaniens bekannt, er tanzte schon auf Bühnen rund um die Welt. "Beim Flamenco geht es um den Ausdruck der Gefühle, die Trauer wird so verarbeitet", sagt er und steht in lässiger Jeans und T-Shirt vor dem Spiegel der Flamenco-Schule, in der seit mehr als 60 Jahren die Größen dieser Kunst ausgebildet werden. "Durchs Tanzen wird das Leid in Glück verwandelt", sagt Cristian. >>

Mit seinem kleinen Bauchansatz sieht er so wohlgenährt und zufrieden aus, dass man ihm sofort glauben mag.

Der Lehrer stammt aus der Ursprungsregion des Flamencos, aus Andalusien. Seine Familie wohnte neben einem kleinen Hotel, in dem viele große Flamenco-Künstler abstiegen. Sehnsuchtsvoll beobachtete der kleine Junge die Tänzer bei ihren Übungen - und beschloss, eines Tages selbst einer von ihnen zu werden. Mit 13 fing er dann an zu tanzen - von da an gab es für ihn kein Zurück mehr. Heute unterrichtet er auch Anfänger und sogar Touristen, die nur für einen Tag in die Welt des Flamencos eintauchen wollen. Zehn Unterrichtsstunden bräuchte er aber eigentlich schon, um einem absoluten Anfänger die wichtigsten Schritte beizubringen, sagt er. Und lässt uns erst mal nichts weiter tun, als einfach nur gerade dazustehen und die Arme über den Kopf zu heben. Langsam sollen wir sie senken - er presst hart dagegen. "Widerstand und Körperspannung, das ist das Wichtigste", sagt er triumphierend. Der Rest sei eine Mischung aus Rhythmusgefühl, Schrittkombination - und Improvisation.

"el cante", "el baile" und "el toque"

Entstanden ist der Flamenco aus der Kultur der Sinti und Roma, die Ende des 15. Jahrhunderts als Nomaden aus Indien und Pakistan auswanderten, um im Süden Spaniens sesshaft zu werden. Flamenco besteht traditionell aus "el cante" (dem Gesang), "el baile" (der Tanz) und "el toque" (dem Instrument). Der Gesang ist für viele auch heute noch die wichtigste Grundlage für diese Kunstform - mit ihm drückten die "Gitanos" ihr Leid aus: Die Diskriminierung, die Verfolgung, die sie auch in ihrer neuen Heimat erfuhren. Zugänglich für eine breitere Öffentlichkeit machten den Flamenco aber erst die Musik-Cafes, die "cafes cantantes", hier konnte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts plötzlich jeder die Darbietungen der Künstler erleben. Und obwohl Andalusien heute noch das Zentrum des Flamencos ist, kann Madrid in der Szene durchaus mithalten. Das liegt vor allem an den "tablaos", den vielen ausgezeichneten Flamencobühnen der Stadt, die jeden Abend mehrere Shows aufführen.

Vor allem natürlich für Touristen - doch das würde keineswegs die Kunst beeinflussen, sagt Ana Romero. "Wir tanzen nur für uns, nicht für die Zuschauer", sagt sie bestimmt. Die Tänzerin mit den langen dunklen Haaren und intensivem Blick sitzt in der Bar Las Carboneras an einem der kleinen Tische und gönnt sich eine Pause - gerade ist die erste Show vorbei, in einer Stunde, um 23 Uhr folgt ihr zweiter Auftritt. Die Bar hinter dem Mercado de San Miguel, eine der schönsten alten Markthallen der Stadt, war im Gegensatz zu Amor de Dios leicht zu finden: Vor der Tür steht eine Gruppe von Touristen, die eifrig mit ihren Stiefelabsätzen auf den Boden stampft und dabei in die Hände klatscht. Ein schwerer Fall von Flamenco-Fieber, eindeutig.

Flamenco ist körperliche und emotionale Anstrengung

Anas Auftritt ist aber tatsächlich besonders ansteckend: Während die zwei anderen Tänzerinnen und ein Tänzer auf Stühlen am Rand sitzen und im Zwölfertakt in die Hände klatschen, bewegen sich ihre Füße. Blitzschnell wirbelt sie um die eigene Achse, die Hände formen delikate Figuren in der Luft, der Blick ist entrückt, ihre Miene wirkt streng. Das Blitzlichtgewitter der Kameras im Publikum bemerkt sie nicht. "Was für ein Schmerz", raunt einer der Zuschauer anerkennend. Nach wenigen Minuten laufen Ana Schweißperlen die Stirn hinunter - von der körperlichen oder der emotionalen Anstrengung – wer weiß das schon. "Es ist ein sehr persönlicher Tanz, auf der Bühne ist man absolut transparent, hier kann niemand seinen wahren Charakter verstecken", hatte sie vor ihrem Auftritt erklärt. Was man Ana nicht ansieht: Sie wuchs in Australien, in der spanischen Gemeinde von Melbourne auf. Vor zwanzig Jahren, mit 22, zog sie dann nach Madrid - wegen des Flamencos. Zurück will sie nicht mehr. "Ich liebe es, wie es sich hier drinnen anfühlt, wenn ich tanze", sagt sie und deutet auf ihr Herz. Und wenn man ihr dabei zusieht, wie sie sich auf der Bühne ganz dem Rhythmus und dem Gesang hingibt, versteht man, was sie damit sagen will.

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