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Darum lohnt sich eine Zugreise ans Schwarze Meer

Auf den Flieger verzichten  

Darum lohnt sich eine Zugreise ans Schwarze Meer

04.08.2020, 11:21 Uhr | Bernd Kubisch, dpa-tmn

Darum lohnt sich eine Zugreise ans Schwarze Meer. Schwarzes Meer: Der Blick auf den Hafen und das Meer Odessas ist spektakulär, die Geschichte noch mehr.  (Quelle: imago images/imagebroker)

Schwarzes Meer: Der Blick auf den Hafen und das Meer Odessas ist spektakulär, die Geschichte noch mehr. (Quelle: imagebroker/imago images)

Urlaub im Ausland muss nicht immer mit dem Flugzeug stattfinden. Auch mit der Bahn können Sie bequem bis ans Schwarze Meer fahren. Unterwegs sind beeindruckende Landschaften und Städte zu beobachten. 

In zwei Wochen von der Ostsee oder Spree mit der Bahn gemächlich ans Schwarze Meer rollen – für viele klingt das verrückt, für andere ist es ein Reisetraum, Stressabbau pur.

Die Route, die Bahnhöfe und Dauer der Zwischenaufenthalte: All dies ist frei wählbar. Bekanntes wie Krakau lässt sich mit eher Unbekanntem wie Balti und Tiraspol kombinieren. Eine Zugreise durch Osteuropa steht so in keinem Reiseführer. Wie schön.

In die meisten polnischen Städte kommt man mit dem Zug ohnehin ohne Probleme. Auch Tickets für viele kleine Strecken lassen sich online kaufen. Wer seine Fahrkarte unterwegs am Bahnhof ersteht, lernt viel – und kann aus Neugier auch mal ganz spontan von der Ersten in die Dritte Klasse wechseln.

Von Krakau über die Grenze in die Ukraine

Die Schienen führen auf dieser Reise über Breslau (Wroclaw) mit seiner berühmter Altstadt sowie Krakau mit Hauptmarkt, Burg und Touristenmassen nach Lemberg und Winnyzja im Westen der Ukraine. Die Züge rollen weiter nach Balti und Chisinau in Moldawien, nach Tiraspol in Transnistrien und Odessa in der Ukraine.

Der Zug aus Krakau (Krakow) fährt in Przemysl ein, eine Stadt im Südosten Polens mit tausendjähriger Geschichte. Viele Fahrgäste gehen mit ihrem Gepäck durch die Unterführung in den anderen Bahnhofsteil. Der lange Triebwagenzug nach Lwiw (Lemberg) steht bereit.

Hier im Südostzipfel Polens endet die Europäische Union. Die Grenze beginnt im Zug. Nicht jeder, der hier aus der Ukraine ankommt, darf einfach aussteigen. Polnische Kontrolleure prüfen die Papiere einer fünfköpfigen Familie und monieren fehlende Dokumente. Die Familie muss im selben Zug zurück. Der kleine Sohn weint, die Mutter tröstet.

Die Erste Klasse ist mit blauen Polstersitzen ausgestattet. Alles ist modern und geräumig. Gut 15 Minuten hält der Zug im Grenzort in der Ukraine. Der Uniformierte prüft den deutschen Ausweis und nickt.

Kein Rumpeln, kein Ächzen, nur ein leichtes Klack-klack. Angenehme Fahrt, nicht zu schnell. Da lohnen sich die Panoramafenster. Draußen gleiten Felder, kleine Wälder und Ortschaften vorbei. Buchstaben und Schriftzüge in Kyrillisch an Bahnhöfen, Läden und Fabriken machen klar: Das war früher ein Teil der Sowjetunion.

Lemberg ist eine Pracht

Kirchtürme ragen aus einer flachen Landschaft in den Himmel. Lviv, das frühere Lemberg, wird sichtbar. Im Herzen der Stadt auf dem Rynok-Platz erschallt Musik. Paare tanzen im Freien zwischen Rathaus, Brunnen, Museum und Restaurants. Die jahrhundertealten Gebäude der Altstadt haben den Krieg überstanden. "Florenz des Ostens" nannten Bewunderer die Stadt, Schmelztiegel vieler Ethnien und Religionen. Hier finden sich verschiedenste Architekturstile nebeneinander.

In einer kleinen Schankstube am Rynok fließt der Obstwein in Strömen, palavern und trinken Jung und Alt auf dem Bürgersteig. Die quietschende Tram fährt wegen der vielen Menschen ganz langsam.

Restaurants, Biergärten, Cafés und Bars werben um Gäste. Im "Korolivska Pyvovarnya" mit Hausbrauerei serviert die Kellnerin einen Liter frisch gezapftes Bock. Die Maß kostet umgerechnet 2,50 Euro. Internet-Schlaumeier kennen in der Nähe noch billigeres Bier.

Der Spaziergang führt durch verwinkelte Gassen mit Kopfsteinpflaster. Hinterhöfe haben morbiden Charme. Restaurants locken mit originellen Namen zur Einkehr: "Doctor Faust", "Bruderschaft" und "Mafia". Viele sind auf mehr Touristen und den erhofften EU-Beitritt vorbereitet.

Noch ist Zeit für eine zweistündige Stadtrundfahrt mit dem Bus für fünf Euro. Das Stadtbild ist reizvoll, die Erklärungen des Audioguides sind dagegen schrecklich. Runter mit dem Kopfhörer – Zeit zum Schauen, Träumen und Entschleunigen.

Lebensfreude: Paare tanzen in der Altstadt von Lwiw, das viele noch unter dem Namen Lemberg kennen. (Quelle: dpa/Bernd Kubisch)Lebensfreude: Paare tanzen in der Altstadt von Lwiw, das viele noch unter dem Namen Lemberg kennen. (Quelle: dpa/Bernd Kubisch)

Erkundungen abseits der Touristenströme

Nächste Station nach viereinhalb Stunden gemütlicher Bahnfahrt Erster Klasse ist Winnyzja (oder auch Vinnytsia). Die Stadt hat 380.000 Einwohner und kaum Touristen. Der freundliche ältere Herr am Empfang des Hotels "Aristocrat" sagt lächelnd in der Sprache seiner Gäste: "Wir haben selten Urlauber aus Deutschland."

Heute geht es ohne Vorbereitung und Karte zum Stadtbummel. Kirchtürme und Kuppeln geben Orientierung. Hinter Brücke und Fluss beginnt das Zentrum. Es überrascht mit einer kleinen Altstadt, Fußgängerzone und einem rostroten, gemauerten Wasserturm. Eine Lehrerin erklärt ihrer Klasse die Bedeutung der Helden-Statuen im Park.

Im Bahnhof rollt der Schnellzug aus Moskau ein. Der "D 47MZ" ist die lahmste Ente auf dieser insgesamt etwa 1.700 Kilometer langen Bahnfahrt. Die graublauen Wagen haben Jahrzehnte auf dem Buckel, stammen aus sowjetischen Zeiten. "1. Klasse" steht auf dem Ticket – die gibt es aber nicht. Der Schaffner führt den überraschten Gast in ein leeres, muffiges Abteil mit zwei Doppelstockbetten. Erst mal raus und ins Bistro, wo sonst keine anderen Gäste anzutreffen sind.

Das nächste Land wartet schon

Weiter geht's nach Moldawien. Bauern bestellen ihre Äcker, Wäldchen wechseln sich mit Brachland ab. Hin und wieder tauchen Dörfer und Kuppeln orthodoxer Kirchen auf. Die Sonne geht unter. Der Zug ist pünktlich, er benötigt ins moldawische Balti für etwa 290 Kilometer gut acht Stunden einschließlich Grenzkontrollen.

Balti ist eine kleine Industriestadt. Lateinische Buchstaben stehen neben kyrillischen. Straßennamen und anderes sind wieder verständlicher für westliche Besucher. Rumänisch ist offiziell Amtssprache in Moldawien, russisch die zweite.

Im Zentrum liegen Bummel- und Parade-Boulevard, Panzerdenkmal und Einkaufszentrum. Frauen am Eingang verkaufen Einkaufstaschen, um ihr schmales Einkommen aufzubessern. Auf dem Markt sind Tomaten, Gurken, Melonen, Kartoffeln aus der Region aufgetürmt.

Einmal Schummeln ist erlaubt. Die Rezeptionistin im Hotel "Elite" empfiehlt ein Taxi für die 135 Kilometer von Balti nach Chisinau für umgerechnet 35 Euro. "Das ist viel, viel schneller als ihr Zug", sagt sie auf Englisch. Wer kann da ablehnen?

Das Auto ist komfortabel, der Fahrer freundlich. Er redet über Land, Leute und den Wein. Moldawien gehört zu den ärmsten Ländern Europas, ist aber reich an guten Tropfen. Reizvolle Weingüter und riesige Lager mit Flaschen und Fässern locken zu Ausflügen.

Bummeln in Moldawien: frisches Gemüse auf dem Markt von Balti. (Quelle: dpa/Bernd Kubisch)Bummeln in Moldawien: frisches Gemüse auf dem Markt von Balti. (Quelle: dpa/Bernd Kubisch)

Wo das Leben der Menschen zur Sehenswürdigkeit wird

Moldawiens Hauptstadt ist weitläufig. Keine Schönheit, kein Overtourismus. Tägliche Szenen des Alltags sind die Attraktionen. Teenager hüpfen in einem Park im Zentrum vollständig angezogen in einen Springbrunnen mit Fontäne. Keiner meckert.

Junge Leute nippen im "Havana Mama" an Mojito und Margarita. Die Chefin hofft auf mehr ausländische Gäste, wie sie bei einem kurzen Plausch erzählt. Familien treffen sich im "Pizzamania". Auf einem Tisch stehen neben Wasser auch ein Flasche Wodka für umgerechnet etwa 5,50 Euro und eine Flasche Merlot Rose für 4,80 Euro. Spaghetti, Pizza, Paella kosten zwischen 3,20 bis 4,60 Euro.

Das Bahnhofsgelände in Chisinau bietet schöne Fotomotive, auch eine ausrangierte Dampflok. Der Wunsch des Kunden am Ticketschalter ist ungewöhnlich: Einmal Dritte Klasse nach Tiraspol und von dort Erste Klasse drei Tage später nach Odessa. Die Dame nickt. Kein Problem. Die Karten kosten zwei und 13 Euro.

Warum nicht mal 80 Kilometer die Dritte Klasse testen? Die Sitze sind etwas hart, aber alles ist modern, frisch geputzt, und der Kaffee im Plastikbecher für 0,50 Euro ist heiß und stark.

Ein praktisch unbekanntes Land

Kaum einer steigt aus in Tiraspol, der Hauptstadt Transnistriens. Der schmale Landstrich hat sich nach dem Zerfall der Sowjetunion schnell vom jungen Moldawien losgesagt, wird aber international nicht anerkannt. Der Mangel an Touristenattraktionen sowie die innige Liebe zu Russland, Putin, Lenin und Marx ziehen kaum Ausländer an.

Die meisten bleiben im Zug nach Odessa, verpassen aber eines der letzten Geheimnisse Europas. Die Menschen in Tiraspol sind zurückhaltend, freundlich und hilfsbereit. Die Verständigung klappt meist über die Gestik, im Hotel auch mit dem Übersetzer im Handy. Im Freiluftmuseum Tiraspol scheint die Sowjetunion weiterzuleben.

Der riesige Suworow-Platz ist umsäumt von Grünanlagen, Fahnen, Verwaltungsgebäuden, Monumenten und Denkmälern. In der Nähe klettern Kinder auf einen sowjetischen T-34 Panzer, Teil der Gedenkstätte für gefallene Soldaten. Eine Straße trägt den Namen Rosa Luxemburg, eine andere heißt Karl Marx. Büsten und Statuen von Lenin und anderen Helden des Kommunismus sind allgegenwärtig.

Auch in Tiraspol überrascht die vielfältige Gastronomie: Pizza, Blini, Lachs, Schnitzel, Grillteller, Schokoladentorte, Säfte, Bier, Wodka. Alles sehr preiswert für Deutsche.

Doch viele Einheimische können sich kein Restaurant leisten. Im "Borodino" in der Strada Karl Liebknecht plätschert ein Brunnen zwischen blühenden Büschen. Familien speisen in schmucken Pavillons. Der Kellner probiert mutig seine Englisch-Brocken und präsentiert schließlich erleichtert auch die englische Speisekarte.

Panzerdenkmal in Tiraspol: Die Stadt fungiert als Hauptstadt des international nicht anerkannten Landes Transnistrien. (Quelle: dpa/Bernd Kubisch)Panzerdenkmal in Tiraspol: Die Stadt fungiert als Hauptstadt des international nicht anerkannten Landes Transnistrien. (Quelle: dpa/Bernd Kubisch)

Odessa ist ein würdiger Abschluss der Reise

Zwei beschauliche Stunden im Zug führen zum Bahnhof von Odessa, der wohl schönste der Reise. Das historische Hauptgebäude hat eine mächtige Kuppel. Vieles wurde nach dem Krieg restauriert.

Ein zwei Kilometer langer Bummel vom Bahnhof führt zur historischen Oper und einer berühmten Treppe. Auf dem Weg machen das Kloster Panteleimon, die Kathedrale der Heiligen Dreifaltigkeit, die Or-Sameach-Synagoge und die Al-Salam-Moschee neugierig.

Hunderte Besucher steigen täglich über die berühmten 192 Stufen der Potemkinschen Treppe. Der Blick auf Hafen und Meer Odessas ist spektakulär, die Geschichte noch mehr. Im Stummfilm "Panzerkreuzer Potemkin" von Sergei Eisenstein (1925) ist die Treppe Schauplatz für die blutige Niederschlagung eines Putsches gegen die Zaren-Armee.

Die dramatische Szene bleibt unvergesslich: In dem Chaos rollt ein Kinderwagen die Stufen herunter. Dieser Moment fasziniert bis heute, taucht als Hommage auch in Hollywood-Filmen auf.

Das Ende dieser entspannten Reise naht. Und keine Verspätung! Wer mehr Historie mag, bucht den Rückflug von Odessa mit sieben Stunden Stopp in Kiew. Das ist Zeit genug, um den berühmten Maidan-Platz und das Zentrum der ukrainischen Hauptstadt zu sehen.

Tipps zur Bahnreise von Krakau nach Odessa

Viele Fahrkarten lassen sich auf der Webseite der Deutschen oder Polnischen Bahn buchen, alternativ unterwegs an den Bahnhöfen entlang der Route. Die Kosten für die hier vorgestellte Reise ab Berlin lagen bei rund 140 bis 150 Euro, überwiegend in der Ersten Klasse. Hotels und Privatquartiere in den Städten lassen sich bequem über das Internet buchen, ob für 20 oder 250 Euro die Nacht. Für die Reise benötigt man einen Reisepass.

Auf einer Zugreise von Deutschland über Polen bis ans Schwarze Meer werden verschiedene Währungen benötigt, die an Bankautomaten oder in Wechselstuben beschafft werden kann – oft gleich bei Ankunft im Bahnhof. In Polen wird mit dem Zloty gezahlt, in der Ukraine mit Hrywnja (Griwna), in Moldawien mit dem Leu.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa-tmn

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