Sie sind hier: Home > Politik > Ausland > Europäische Union >

Westerwelle-Besuch in Athen: Charmeoffensive der strengen Deutschen

Charmeoffensive der strengen Deutschen

16.01.2012, 08:35 Uhr | Von Christiane Jacke, dapd, dapd

Westerwelle-Besuch in Athen: Charmeoffensive der strengen Deutschen. Deutscher Außenminister Westerwelle besucht Griechenland in der Krise (Quelle: Reuters)

Deutscher Außenminister Westerwelle besucht Griechenland in der Krise (Quelle: Reuters)

Das Image von Deutschland in Europa hat durch die Euro-Krise arg gelitten. Bei seinem Besuch in Athen versucht Außenminister Guido Westerwelle dagegen zu steuern.

Immer öfter ist EU-weit die Rede von den dominanten und strengen Deutschen, den Besserwissern, die anderen ihren Willen aufdrücken und die nicht weniger wollen als die "Herrschaft über Europa". Bundeskanzlerin Angela Merkel musste sich Vergleiche mit Hitler und Bismarck gefallen lassen - und Vorwürfe, sie unterwerfe den Kontinent ihrem Diktat.

Zuletzt jagte ein Krisengipfel den nächsten, Zeit für einfühlsame Überzeugungsarbeit blieb wenig. Und je mehr sich die missliche Lage zuspitzte, umso mehr bahnten sich alte Ressentiments den Weg. Die Frustration über die Finanzmisere, der Ärger über Sozialkürzungen und die Angst vor der Zukunft entlud sich bei manch einem in Wut auf die Deutschen. Auch in Griechenland, dem größten Sorgenkind der Europäischen Union, wurde kräftig gewettert gegen den vermeintlichen Befehlston aus Berlin.

Weitere Nachrichten und Links

Außenminister Westerwelle bemüht sich deshalb bei seinem Kurzbesuch in Athen um verbindende Worte und Beziehungspflege. Nur gute fünf Stunden ist er an diesem Sonntagabend in der griechischen Hauptstadt zu Gast. Im Eiltempo trifft er den Ministerpräsidenten Lukas Papademos, den Außenminister Stavros Dimas und den Vorsitzenden der konservativen Partei Nea Dimokratia, Antonis Samaras, der sich Hoffnungen macht, nach der Neuwahl in wenigen Monaten selbst an der Spitze der Regierung zu stehen.

Ermutigung, Anerkennung, Hochachtung

Sein Besuch sei ein Signal der Ermutigung, der Anerkennung und der Hochachtung für das, was die Griechen derzeit zu schultern hätten, sagt Westerwelle gleich mehrfach. Die Reformen und Kürzungen seien hart, aber es führe eben kein Weg daran vorbei. Höflich spornt er an, das Land müsse den Reformkurs weiterverfolgen, dürfe nicht nachlassen, auch wenn es noch so mühsam sei. Deutschland stehe bei all dem als Partner an der Seite Griechenlands - in Freundschaft, auf Augenhöhe.

Zuhören, bisherige Fortschritte loben, gut zureden und zu weiteren Reformen ermuntern - das hat Westerwelle bereits an mehreren Stellen in Europa gemacht, zuletzt in Lissabon. Die Portugiesen schienen fast sehnsüchtig auf diese Art des Zuspruchs gewartet zu haben.

Auch und gerade die Griechen können moralische Unterstützung gebrauchen. Die Übergangsregierung um Ministerpräsident Papademos tut sich schwer damit, dem Land die unbequemen Reformen abzutrotzen. Immer wieder wird gestreikt und demonstriert. Die Menschen begehren auf gegen rigides Sparen und schmerzhafte Kürzungen.

Auch die Verhandlungen mit den privaten Gläubigern über einen Schuldenschnitt gestalten sich zäh. Die Gespräche wurden für mehrere Tage unterbrochen. Eine Einigung gilt aber als Voraussetzung für weitere EU-Hilfen. Am Montag rückt wieder die Griechenland-Troika an, die prüft, ob Athen die Spar- und Reformauflagen erfüllt. Nur wenn die Experten von EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds den Daumen heben, gibt es neue Kredite. Andernfalls droht die Staatspleite. Den Griechen stehen also schwierige Tage bevor, die über ihr Schicksal entscheiden. Westerwelles Besuch kommt da zum richtigen Zeitpunkt.

"Wir haben harte Opfer gebracht"

Das meint auch sein griechischer Kollege Dimas. Die Situation seines Landes sei sehr kritisch, klagt er. Die Griechen hätten strenge Einschnitte hinter sich: "Sie haben harte Opfer gebracht." Viele seien aber verzweifelt, weil sie den Eindruck hätten, dass diese Opfer umsonst seien. "Griechenland will atmen können und atmen dürfen", fordert Dimas. Mehr Zeit und mehr Mittel brauche das Land dafür.

Hier hoffe man insbesondere auf Deutschland. Und er bedankt sich höflich für Westerwelles Zuspruch. Der Besuch des deutschen Chefdiplomaten sei ein gutes Signal, dass Griechenland in der Krise nicht allein dastehe.

Auch Merkel bemüht sich aus der Ferne um eine ermutigende Botschaft an die Griechen. Per Radio-Interview lässt die Kanzlerin das südeuropäische Land wissen, dass sie es nicht verloren gibt. Ja, die Probleme seien gravierend, aber Fortschritte gemacht. Schon beim Antrittsbesuch des italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti vor wenigen Tagen verteilte Merkel großzügig Lob für die Sparbemühungen Italiens.

"Sehr deutsch"

Die Charmeoffensive dürfte in den kommenden Monaten weitergehen. Die Bundesregierung kann und wird von ihrer führenden Rolle in der Euro-Krise nicht abrücken. Auch die mahnenden und fordernden Worte werden nicht verschwinden. Aber die deutsche Seite dürfte auf einen vermittelnden Ton achten, erklären, versuchen, alle europäischen Partner mitzunehmen.

Westerwelle hat sich zur Aufgabe gemacht, engen Kontakt gerade zu den besonders krisengebeutelten Staaten zu halten, sich zu kümmern, eine Entfremdung zu verhindern und Vorurteile gegenüber den Deutschen abzubauen. Letzteres mahnt er auch in Athen. Klischees dürften sich nicht festsetzen. Ein Klischee aber bleibt. Als Westerwelle das Abendessen mit Dimas pünktlich verlässt, um passend zum geplanten Abflug am Airport zu sein, schaut ihm der Grieche lächelnd nach und sagt: "Sehr deutsch."

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Ulla Popkentchibo.deOTTOmyToysbonprix.deLIDLBabistadouglas.deXXXLutz

shopping-portal