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Griechenland-Krise: Den Griechen gehen die Medikamente aus

Medikamente in Griechenland gehen aus  

Eine Frage von Leben und Tod

10.07.2015, 07:49 Uhr | AFP

Griechenland-Krise: Den Griechen gehen die Medikamente aus. In Griechenland werden die Medikamente knapp. (Quelle: Reuters)

In Griechenland werden die Medikamente knapp. (Quelle: Reuters)

Während sich die Regierungschefs der EU in Brüssel um neue Hilfen für Griechenland streiten, geht es für viele chronisch kranke Griechen um Leben und Tod. Denn Einschränkungen im Gesundheitssystem und sinkende Arzneimittelimporte machen es schwer, an lebensnotwendige Medikamente zu kommen. Ärzte arbeiten oft am Limit. Wie es nach einem möglichen Grexit weitergehen soll, weiß niemand.

"In den vergangenen sechs Monaten konnten mir hier keine Medikamente mehr gegeben werden", sagt Giannis Kaloidas, als er wieder einmal in der Schlange vor einem staatlichen Krankenhaus in Athen wartet. Der 61-jährige Rentner leidet an Knochenkrebs. Um die tödliche Krankheit aufzuhalten, braucht er teure Medikamente.

In der Klinik kann Kaloidas sich nur noch ein Formular für die Apotheke abstempeln lassen, damit er die Präparate nicht selbst bezahlen muss. "Meine Tabletten kosten 3500 Euro, meine Rente liegt bei 500 Euro", sagt er. "Wenn ich diese Kosten selbst tragen muss, ist es vorbei." Wie Kaloidas geht es auch anderen chronisch Kranken: In der Krise haben viele Job und Einkommen verloren - und müssen nun noch das Geld für die teuren Medikamente auftreiben.

Krankenversicherung ist Luxus

Im Fall eines Grexit könnte es noch schlimmer kommen, denn dann wäre womöglich der Zugang zu Medikamenten aus dem Ausland gänzlich versperrt. Krankenversicherung ist in Griechenland inzwischen Luxus. Als letzte Option bleiben nur staatliche Krankenhäuser und Freiwilligenkliniken. Hunderte kommen täglich zum Athener Krankenhaus Elpis - griechisch für "Hoffnung". Dort wird Nicht-Versicherten geholfen.

Doch auch dort sieht man schweren Zeiten entgegen: "Uns geht das Geld aus", klagt Klinikdirektor Theo Giannaros. Die vorhandenen Gelder reichten nur noch bis zum Monatsende. Er will nicht, dass die Unsicherheit die Qualität beeinflusst und bietet jetzt kostenfreie Betten auf der Intensivstation, die normalerweise 3500 Euro pro Nacht kosten.

Druck machen zunehmend auch die Lieferfirmen. "Sie fangen an, uns zu erpressen", sagt Giannaros. "Wir erhalten Schreiben, in denen uns mitgeteilt wird, dass sie uns wegen der Situation nicht mehr beliefern können." Ohne Medikamente, Ausrüstung und Essen könne er jedoch nicht arbeiten. Giannaros zufolge tauschen Krankenhäuser schon Material untereinander, um die Engpässe zu überbrücken.

"Das ist ein Verbrechen"

Chefchirurg Dimitris Papoutsas berichtet, das reduzierte Klinikteam arbeite an der Grenze der Belastbarkeit. "Statt fünf bis sechs Nachtschichten machen wir nun zehn bis zwölf pro Monat."

"Das ist kein Witz mehr, das ist ein Verbrechen", sagt Giannaros. Den Europäern wirft er vor, nicht zu wissen, was in Griechenland tatsächlich passiert: "Sie verstehen nicht, dass die Leute dabei sind, zu sterben." Sollte das Gesundheitssystem endgültig zum Erliegen kommen, werde es viele Tote geben.

Kein Überblick in Deutschland

Durch die Kapitalverkehrskontrollen hat sich die Lage bei der Arzneimittel-Versorgung weiter verschärft. Importeure müssen nun umfangreichen Papierkram für Bestellungen erledigen. Die Bürokratie und die Sorgen vor einem Grexit schrecken ausländische Lieferanten ab. "Wir haben jetzt noch Vorräte für zwei Monate", sagt Evangelos Kolokotronis vom Pharmakonzern Adelco. Die meisten Medikamente würden aus Deutschland, Italien, Frankreich und der Schweiz importiert.

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie in Deutschland erklärt, derzeit keinen Überblick zu haben, "ob es in einzelnen Fällen zum Stopp von Lieferungen gekommen" sei. Obwohl deutsche Unternehmen bereits "auf Millionenzahlungen verzichtet" hätten, suchten die Firmen nach "Wegen, die Versorgung in Griechenland stabil zu halten".

Klinikchef Giannaros jedenfalls will zeigen, was die Krise für die Kranken bedeutet. Zum EU-Sondergipfel am Sonntag will er nach Brüssel reisen, um auf die dramatischen Folgen der Sparpolitik aufmerksam zu machen. "Menschenleben sind in Gefahr, wir müssen etwas tun, bevor es kein Zurück mehr gibt."

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