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Aylan kein Einzelfall: Die namenlosen Opfer der Flucht

Aylan kein Einzelfall  

Die unzähligen namenlosen Opfer der Flucht

07.09.2015, 12:40 Uhr | Colleen Barry, David Keyton und David Rising, AP

Aylan kein Einzelfall: Die namenlosen Opfer der Flucht . Unter lebensgefährlichen Umständen wagen viele Menschen den Weg über das Mittelmeer. (Quelle: dpa)

Unter lebensgefährlichen Umständen wagen viele Menschen den Weg über das Mittelmeer. (Quelle: dpa)

Seit einigen Tagen hat das tragische Sterben auf der Flucht vor Krieg und Armut einen Namen: Der dreijährige Aylan Kurdi, der gemeinsam mit seinem Bruder und seiner Mutter tot an die türkische Küste gespült wurde, steht für unzählige Opfer auf der Suche nach einem Leben ohne Todesangst. Anders als bei dem kleinen Syrer bleibt von ihnen jedoch nicht einmal eine Spur.

Bis Anfang September wagten mindestens 364.000 Menschen die gefährliche Flucht über das Mittelmeer. Mehr als 2800 schafften es nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) nicht nach Europa. Gefunden wurden nur rund 700 Leichen. Und von den Geborgenen kann lediglich etwa ein Drittel identifiziert werden, wie Frank Laczko erklärt, der Leiter des IOM-Datenanalysezentrums in Berlin.

Während bei einem Flugzeugabsturz Buchungsdaten und Tickets vorliegen, die bei der Identifizierung der Opfer helfen, stehen die Ermittler an den Mittelmeerküsten vor dem Nichts. Schleuser liefern keine Listen, es gibt keine Namen, keine Kontakte, keine Notfallnummern. Viele Flüchtlinge besitzen nicht einmal irgendwelche Dokumente.

Mittelmeerroute am Gefährlichsten

Die meisten Toten und Vermissten hat die IOM auf der Mittelmeerroute von Libyen nach Europa erfasst: rund 2600 seit Jahresbeginn. Vor allem Eritreer und Flüchtlinge aus Afrika südlich der Sahara zählen zu den Opfern. Schätzungsweise 600 Tote wurden geborgen, die meisten Leichen wurden in Italien oder Libyen an Land gespült. Etwa 116.700 Menschen kamen derweil sicher in Italien an.

Auf dem kürzeren Weg aus der Türkei schafften es knapp 245.300 Menschen über das Meer nach Griechenland. Aber auch hier verloren mehr als 100 ihr Leben, 60 Leichen wurden laut IOM geborgen.

"Wenn jeder zehn Angehörige hat, dann sind fast 30.000 Menschen betroffen", lautet die zurückhaltende Rechnung von Frank Laczko mit Blick auf die etwa 2800 Toten und Vermissten. Bei jenen, die keinerlei Gewissheit über das Schicksal ihrer gekenterten Angehörigen haben, gesellt sich zur Trauer die Seelenqual.

"Du hast so ein Glück gehabt Aylan! Wir sind Opfer desselben Krieges aber unser Tod hat niemanden interessiert..."  (Quelle: Mahnaz Yazdani/Facebook)"Du hast so ein Glück gehabt Aylan! Wir sind Opfer desselben Krieges aber unser Tod hat niemanden interessiert..." - Das Bild des toten syrischen Flüchtlingsjungen symbolisiert wie kein zweites die humanitäre Katastrophe der Flüchtlingskrise. Doch schon vorher sind Tausende Menschen auf der gefährlichen Flucht in Richtung Europa ums Leben gekommen. (Quelle: Mahnaz Yazdani/Facebook)

Quälende Ungewissheit

Adal Neguse aus Eritrea weiß, was das bedeutet. Sein Bruder Abraham ertrank vor zwei Jahren, als sein Flüchtlingsboot vor Lampedusa kenterte. Der 26-Jährige aus Eritrea hatte versucht, wie sein in Schweden lebender Bruder Adal nach Europa zu gelangen. Als dieser am 3. Oktober 2013 von dem Bootsunglück vor der italienischen Insel hörte, reiste er sofort dorthin. Hunderte Fotos entstellter Leichen sah er sich an - und gab erst einmal auf.

"Ich war eine Woche dort und konnte ihn nicht finden", berichtet Adal Neguse in Stockholm. "Aber ich sprach mit seinem Freund, der auch da war. Er sagte mir, dass er ertrunken ist."

DNA-Analysen zur Identifizierung

Schleuser in Libyen hätten bestätigt, dass Abraham auf dem Boot gewesen sei, sagt Neguse. Doch erst 18 Monate später habe er nach einer DNA-Analyse die Bestätigung bekommen, dass der Bruder nicht überlebt hatte. Beim ersten Besuch in Lampedusa habe niemand seine DNA-Probe zum Vergleich genommen. Erst als er zu einer Gedenkfeier am Jahrestag des Unglücks wieder nach Italien reiste, habe er eine Probe abgegeben. Damals sei ihm gesagt worden, die Ergebnisse lägen binnen eines Monats vor. Es dauerte schließlich ein halbes Jahr.

Bei den noch immer nicht identifizierten Leichen des damaligen Unglücks seien die Behörden auf die Hilfe von Verwandten der Opfer angewiesen, betont Vittorio Piscitelli, Leiter des staatlichen Büros für Vermisstenfälle. Oft sind diese aber nicht auffindbar oder nicht erreichbar. Die IOM bemüht sich nach Angaben Laczkos unterdessen um eine europaweite Datenbank, in der Familien Informationen zu den vermissten Angehörigen einspeisen können und die Behörden Einzelheiten zu geborgenen Leichen veröffentlichen.

Jahrelange Suche nach verschollenem Bruder

Gergishu Yohannes aus Eritrea, die seit 30 Jahren in Deutschland lebt, sucht seit sechs Jahren nach einer Spur von ihrem Bruder. Das Boot mit Abel und mehr als 80 weiteren Menschen an Bord befand sich 2009 in der Nähe von Malta, als der Treibstoff ausging. Ohne Wasser und Nahrung starb ein entkräfteter Flüchtling nach dem anderen, viele wurden über Bord geworfen. Drei Wochen nach dem Ablegen in Libyen, als italienische Retter kamen, habe es nur noch fünf Überlebende gegeben, sagt Yohannes.

Bis ihr Bruder gefunden wird, findet sie keine Ruhe. "Man wartet Tag für Tag, und ich warte immer noch", sagt sie. Damit anderen in gleicher Situation die schreckliche Ungewissheit erspart bleibt, steht Yohannes ihnen bei der Suche zur Seite: "Damit sie nicht das gleiche Schicksal wie ich haben, täglich zu warten, und ihre Lieben identifizieren können."

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