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Angela Merkel besucht die Türkei: Eine merkwürdige Reise

Applaus und gestellte Bilder  

Merkels merkwürdige Reise in die Türkei

24.04.2016, 09:05 Uhr | Julian Moering mit Material von dpa

Angela Merkel besucht die Türkei: Eine merkwürdige Reise. Willkommens-Zeremonie für Angela Merkel im Flüchtlingscamp Nizip. (Quelle: Reuters)

Willkommens-Zeremonie für Angela Merkel im Flüchtlingscamp Nizip. (Quelle: Reuters)

Bereits im Vorfeld war klar: Die Reise der Kanzlerin in die Türkei ist kaum mehr als ein symbolischer Akt. Eine Reise der Signale und Bilder. Eine merkwürdige Reise. Angela Merkels Besuch in einem Flüchtlingslager dauert nicht einmal eine Stunde, ein Zusammentreffen mit Präsident Erdogan steht gar nicht auf der Agenda. Es bleibt der Eindruck: Diese Visite gilt der Schmeichelei eines in der Flüchtlingsfrage scheinbar unverzichtbaren Partners.

Am Samstag Nachmittag wurde Merkel in Gaziantep vom türkischen Regierungschef Ahmet Davutoglu empfangen. Überall in der Stadt hängen überlebensgroße Plakate der Kanzlerin mit der deutschen Aufschrift "Solidarität mit den Flüchtlingen" - aufgehängt von der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), die Erdogan nahe steht und etwa dessen Auftritte in Deutschland organisiert.

Merkel wird von jungen AKP-Anhängern bejubelt. "Wir sind stolz auf dich", rufen sie. Applaus aus ungewohnter Ecke. Das zeigt, wie nahe Berlin und Ankara wegen der Flüchtlingskrise inzwischen zusammengerückt sind.
 (Quelle: dpa) (Quelle: dpa)

Zu nah, wie viele Deutsche meinen: In dem am Tag vor der Türkei-Reise veröffentlichen ZDF-"Politbarometer" finden 80 Prozent der Befragten, die Kanzlerin nehme zu viel Rücksicht auf Erdogan. Sogar von Kuschen und deutscher Abhängigkeit ist die Rede.

Zusammen mit Davutoglu, EU-Ratspräsident Donald Tusk und EU-Vizekommissionspräsident Frans Timmermans besuchte Merkel nach ihrer Ankunft das Flüchtlingscamp Nizip an der türkisch-syrischen Grenze. Auch hier ein merkwürdiges Szenario: Die schwer bewachte Kanzlerin wird an den herausgeputzten Unterkünften stets lächelnder Flüchtlinge vorbei geführt.

 (Quelle: dpa) (Quelle: dpa)

"Es ist sehr gut hier", sagt ein Bewohner und streckt seinen Daumen nach oben. Er hofft, "dass Europa und Amerika Frieden in meinem Land schaffen." Er selbst war Pilot in der syrischen Luftwaffe gewesen und desertiert. "Ich kann niemanden töten", sagt er. "Ich will Frieden." Ein Auftritt wie aus dem Drehbuch.

Anschließend ein Besuch in der Kindereinrichtung des Lagers, und wieder knipsen die Fotografen Bilder der Kanzlerin inmitten zufrieden dreinschauender Kinder. Der Betrachter dieser Fotos ahnt sehr schnell, dass dieses Szenario wenig mit der Realität in den Flüchtlingscamps gemein hat. Kritiker monieren, das Lager in Nizip sei eine Vorzeige-Einrichtung.

 (Quelle: Reuters) (Quelle: Reuters)

In Nizip leben etwa 10.000 der insgesamt 2,7 Millionen syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge in der Türkei. Anschließend weihte sie mit Davutoglu ein mit EU-Geldern finanziertes Kinderschutzzentrum in Gaziantep ein.

Merkel hatte bereits am Freitag gesagt, dass bei dem Besuch die Flüchtlingssituation und die Umsetzung des EU-Türkei-Abkommens im Mittelpunkt stünden. Sie werde in einem Gespräch mit Davutoglu aber auch Probleme mit Menschenrechten und der Pressefreiheit in der Türkei ansprechen.

Ein weichgezeichneter Tag

Das hatten im Vorfeld sowohl Opposition als auch Teile ihrer Regierung gefordert - nicht zuletzt wegen der Causa Böhmermann. Sie hat es dann auch getan, aber auf ebenso sanfte Art, wie der ganze Nachmittag daher kam. Wenn es Probleme gebe, "dann wird das angesprochen". Das war's.

Tusks Fazit, die Türkei habe heute gezeigt, "wie wir mit Flüchtlingen umgehen sollten", passt da gut ins Bild. Ebenso Davutoglus Versprechen, es werde "keine einzige Person gegen ihren Willen nach Syrien zurückgeschickt". Sätze mit Wohlfühl-Garantie. Sowas nimmt man gerne mit nach Hause.

Ein weichgezeichneter Tag. So sieht das dann wohl aus, wenn für beide Seiten viel auf dem Spiel steht. Berlin braucht Ankara als Bollwerk gegen einen vermeintlichen Flüchtlingsstrom und Ankara hofft im Gegenzug auf die Abschaffung der Visapflicht für Türken im Schengen-Raum. Da bleibt wenig Raum für ungemütliche Realität.


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