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Ägypten: Erbitterter Streit über den Gesichtsschleier

Der Nikab in Ägypten  

Streit um Gesichtsschleier: "Hey, du Zelt!"

18.10.2006, 13:07 Uhr | Von Anne-Beatrice Clasmann, dpa, t-online.de

Während in Deutschland noch darüber gestritten wird, ob muslimische Lehrerinnen mit Kopftuch unterrichten dürfen, hat der Konflikt um verhüllte Frauen in Großbritannien und Ägypten schon eine andere Stufe erreicht. Stein des Anstoßes ist hier nicht der so genannte Hidschab, das Kopftuch, das die Haare bedeckt, sondern der zusätzlich zu Kopftuch und Ganzkörperverhüllung getragene Nikab. Der verdeckt das gesamte Gesicht bis auf die Augen, wobei einige Nikab-Trägerinnen auch noch die Augen hinter einem halbtransparenten schwarzen Schleier verbergen.

Am Anfang war die Uni
In Großbritannien war es jüngst Außenminister Jack Straw, der sich mit islamisch-konservativen Einwanderern und ihren Nachkommen anlegte. Er hatte erklärt, der Gesichtsschleier sei ein Zeichen der Abschottung. In der ägyptischen Hauptstadt Kairo wurde der Streit dagegen von der Leitung der Helwan-Universität ausgelöst, die keine schwarz verhüllten Studentinnen mehr in ihrem Wohnheim dulden wollte. Sicherheitsrisiken hieß es zur Begründung. Denn aus Saudi-Arabien, wo der Nikab verbreitet ist, weiß man, dass Terroristen die alles verhüllenden Gewänder und Schleier gerne als Verkleidung benutzen. Islamisten organisierten daraufhin Demos auf dem Unigelände.

Anzeige wegen Beleidigung
Doch der Konflikt hat das Universitätsgelände längst verlassen. In einer Talkshow zum Thema gerieten jüngst die moderate Islam-Gelehrte Suad Saleh und ein konservativer Scheich so aneinander, dass Scheich Jussif al-Badri seine Kollegin nun wegen "Beleidigung der verschleierten Frau" angezeigt hat.

Jedes Mal "angewidert"
Dabei ist in Ägypten seit langem bekannt, dass Suad Saleh den Nikab ablehnt. Die frühere Dekanin der Frauensektion für islamische Studien an der renommierten Al-Azhar-Universität hatte in der Fernsehsendung erklärt, sie sei jedes Mal "angewidert", wenn sie eine Frau mit Gesichtsschleier sehe. Die Religionsgelehrten, die das Tragen des Nikabs zur Pflicht der muslimischen Frau erklären, seien "ignorant". Das Kopftuchtragen sei für die Frau eine Pflicht, aber der Gesichtsschleier sei eine Tradition der Beduinen, die mit dem Islam nichts zu tun habe.

Tradition aus den Golfstaaten
Während der Nikab in den arabischen Golfstaaten traditionell verbreitet ist, so sah man in Ägypten noch vor 20 Jahren so gut wie keine völlig verschleierten Frauen. Der Einfluss von ägyptischen Gastarbeitern, die aus den Golfstaaten zurückgekehrt sind, und die Frömmigkeitswelle, die in den vergangenen Jahren fast alle arabischen Staaten erfasst hat, haben dies geändert. Inzwischen gehören völlig verschleierte Frauen zum Straßenbild - in armen wie in reichen Stadtteilen.

Oft Feindseligkeit
Obwohl ihre Zahl stetig wächst, haben diese Frauen oft mit Schwierigkeiten zu kämpfen. In einigen Berufen riskieren sie die Kündigung, wenn sie den Gesichtsschleier anlegen. Liberale Ägypter begegnen den Frauen, die auch bei 42 Grad im Schatten schwarze Handschuhe und schwere Gewänder tragen, gelegentlich feindselig. Ihr beliebtestes Schimpfwort für die Schleierträgerinnen ist "Ja Cheima" - auf deutsch "Hey, du Zelt".

Nicht mehr erwünscht
Auch Sara al-Meschad (24), die in der Hafenstadt Alexandria lebt und ihre Kindheit in den USA verbracht hat, weiß von Diskriminierung zu berichten. Sie hat den Gesichtsschleier nach Abschluss ihres Studiums an der Amerikanischen Universität in Kairo angelegt. "Seither bin ich dort nicht mehr erwünscht, weil ich angeblich nicht ins Bild passe", sagt sie. Sie habe sich für den Schleier entschieden, "um dem Beispiel der Ehefrauen des Propheten Mohammed zu folgen", sagt die junge Mutter, die gelegentlich als freiberufliche Journalistin arbeitet.

Lächeln in den Augen
Für eine religiöse Pflicht hält sie das Tragen des Gesichtsschleiers aber nicht. "Die Nikab-Gegner behaupten immer, man könne als Verschleierte keinen Kontakt zu anderen Menschen haben, aber das stimmt gar nicht", erklärt sie. "Mein Sohn merkt, wenn wir in der Öffentlichkeit sind und ich den Nikab trage, immer an meinen Augen, ob ich lächele oder nicht."

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