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"Auf alles schießen, was sich bewegt"

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40. Jahrestag des Massakers von My Lai  

"Auf alles schießen, was sich bewegt"

16.03.2008, 15:17 Uhr | Frank Brandmaier, dpa

US-Soldaten brennen das Dorf My Lai nieder (Foto: Wikipedia)US-Soldaten brennen das Dorf My Lai nieder (Foto: Wikipedia) Die Soldaten der 11. US-Brigade kamen am Morgen und ihr Auftrag war unmissverständlich: "Auf alles schießen, was sich bewegt." Als sie drei Stunden später an jenem 16. März 1968 wieder abziehen, ist das Dörfchen My Lai im südvietnamesischen Hochland ausgelöscht. Überall liegen blutüberströmte Leichen - Frauen, Kinder, alte Männer. Die GIs vergehen sich zuvor an jungen Mädchen, der Rauch der brennenden Hütten ist von weitem zu sehen. Die Angaben über die Opferzahl schwanken, es ist von mehr als 500 die Rede, hingeschlachtet von einer amoklaufenden Soldateska im Blutrausch. Auf die Infanteristen wurde kein einziger Schuss gefeuert.

Vertuschungsversuche der Armee

Erst eineinhalb Jahre später, nach Vertuschungsversuchen der Armee, erfährt die US-Öffentlichkeit von dem Massaker. Schon zuvor sahen die Amerikaner den Krieg im fernen Südostasien immer skeptischer. Jetzt aber entfesselte sich ein Sturm der Empörung - ein Wendepunkt ist erreicht, der Schock sitzt tief. Der Beginn eines Traumas zeichnet sich ab. Für eine ganze Generation von Amerikanern, aber auch für Europäer und Asiaten steht der Name My Lai für das Bild der "hässlichen USA". "Dass Schuld und Gewissen Amerika und die Amerikaner auf eine große Anklagebank schicken, scheint unausweichlich", schrieb das Magazin "Time" seinerzeit. Im Oktober 1969 demonstrieren Millionen von Küste zu Küste, einen Monat später versammeln sich Hunderttausende in der Hauptstadt Washington zur größten Anti-Kriegs-Kundgebung in der US-Geschichte.

Supermacht am Boden

Doch es sollte noch einmal bis zum April 1975 dauern, bis die Bilder von Amerikanern, die in Panik vom Dach der US-Botschaft in Saigon flüchten, um die Welt gehen. Die Supermacht liegt am Boden, gedemütigt, geschlagen im Guerilla-Krieg von einem Feind, der zwar über keine Luftwaffe verfügte, aber einen unglaublichen Blutzoll zahlte: Rund 58.000 toten US-Soldaten stehen - je nach Schätzung - zwei bis vier Millionen vietnamesische Opfern gegenüber. "Wir müssen aus unseren Fehlern lernen. Vietnam war einer davon", sagte der frühere US-Verteidigungsminister Robert McNamara, Pentagon-Chef von 1961 bis 1968, dem Fernsender CNN.

Überlebende von My Lai gedenken am 40. Jahrestag des Massakers der Opfer (Quelle: dpa)Überlebende von My Lai gedenken am 40. Jahrestag des Massakers der Opfer (Quelle: dpa)

"Die große Lüge"

Die tiefe Wunde von einst ist längst nicht verheilt. "Die große Lüge" betitelte US-Autor Neil Sheehan sein 800-Seiten-Standardwerk über den Irrwitz des Krieges. "Vietnam" ist bis heute Symbol des Scheiterns, das die kollektive amerikanische Psyche umtreibt. Dutzende Filme, Hunderte von Büchern arbeiten sich daran ab. Jeder militärische Einsatz der USA im Ausland ist seither von der bangen Mahnung begleitet: "Kein neues Vietnam!" Und im ersten Golfkrieg 1990 schickten amerikanische Kommandeure ihre Soldaten mit den Worten in den Kampf: "Keine My Lais - ist das klar?".

"My Lai im Irak"

Dann kam der Irak-Krieg und mit ihm der Folterskandal von Abu Ghoreib und das Massaker von Haditha, bei dem im November 2005 US-Marineinfanteristen 24 Zivilisten grundlos getötet haben sollen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sprach von einem "My Lai im Irak". "Die Schande von Haditha" werde das Ansehen der US-Streitkräfte weiter schädigen, befand "Time". Als der Irak in Chaos und Gewalt versank und die Zahl der toten US-Soldaten durch Anschläge aus dem Hinterhalt beängstigend stieg, war der Vergleich zu Vietnam schnell zur Hand, wenngleich sich der Irak-Krieg von dem in Südostasien in vielerlei Hinsicht unterscheidet.

Nur ein Offizier verurteilt

Aber mitunter vielleicht doch nicht: Nach dem Massaker von My Lai wurde 1971 nur ein einziger Offizier verurteilt, Leutnant William Calley, zunächst zu lebenslanger Haft. Dreieinhalb Jahre später war er wieder ein freier Mann. Eine Mordanklage gegen den mutmaßlichen Rädelsführer bei dem Blutbad in Haditha ist inzwischen fallengelassen worden. Feldwebel Frank Wuterich muss sich nun nur wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Der Prozesstermin ist zunächst offen.

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