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Mexiko: Todesschwadron auf Drogenbosse angesetzt

Selbstjustiz in Mexiko  

Todesschwadron auf Drogenbosse angesetzt

03.12.2009, 16:17 Uhr | Von Holger Wille, Spiegel Online

Der Kampf gegen die Drogenmafia nimmt kriegsähnliche Züge an (Foto: AFP)Der Kampf gegen die Drogenmafia nimmt kriegsähnliche Züge an (Foto: AFP) Ein mexikanischer Politiker will mit einer Privatarmee Drogenbosse jagen. Die Öffentlichkeit ist entsetzt über die sogenannten Säuberungstruppen - doch in der Bevölkerung wird Mauricio Fernandez Garza als Held gefeiert: Viele Mexikaner befürworten die Selbstjustiz.

Als die Polizisten die Tür des Transporters aufbrechen, sehen sie im Laderaum vier tote Männer. Sie liegen noch nicht lange hier: Erst vor vier Stunden hat ein Unbekannter gemeldet, dass jemand einen Transporter am Stadtrand von Mexiko City abgestellt hat. An den Körpern der Toten hängen Zettel, darauf steht: "Den Gottlosen wird ihr Licht genommen, und der Arm der Hoffärtigen wird gebrochen." Die Polizisten sehen sich die Leichen genauer an, dann stellen sie fest, dass es sich bei einem der Toten um den berüchtigten Drogenboss Hector 'El Negro' Salanda handelt.

Drogenmafia den Krieg erklärt

Wenige Stunden zuvor wurde in San Pedro, einem wohlhabenden Vorort der mexikanischen Stadt Monterrey, Mauricio Fernandez Garza zum Bürgermeister vereidigt. Noch während der Feier schockte er sein Publikum mit der Ankündigung, dass er "Drogenmafia und Entführerbanden hier nicht akzeptieren" werde: "Ich werde mir Befugnisse herausnehmen, auch wenn sie mir rechtlich gar nicht zustehen. Es gibt bereits sogenannte Säuberungstruppen. Sie sind mir direkt unterstellt und werden den Verbrechern klarmachen, dass sie hier nichts verloren haben. Koste es, was es wolle." Und dann nennt er Berichten zufolge die Namen von vier mutmaßlichen Kriminellen, von deren Ermordung er erfahren habe. Einer davon ist Hector 'El Negro' Salanda.

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Hat der Bürgermeister Morde angeordnet?

Die Ankündigung hat die mexikanische Gesellschaft aufgeschreckt. Woher wusste der Politiker vom Tod des Drogenbosses? Waren es am Ende etwa von ihm befehligte Todesschwadronen, die Salanda erschossen haben? Immerhin hatte er doch selbst angekündigt, eine etwa 20-Mann-starke Truppe aufzustellen. Fernandez Garza wiegelt ab: Er habe kurz vor seiner Vereidigung vom Tod der Männer erfahren. Der Gouverneur des Bundesstaates Nuevo Leon habe ihm den Tipp gegeben. Als Journalisten bei der angeblichen Quelle nachfragen, gibt sich der Gouverneur allerdings ahnungslos.

Das Todesschwadron jagt Mexikos Drogenbosse (Foto: Reuters)Eine kleine Truppe soll die Gewalt der Drogenbosse brechen (Foto: Reuters)

Auge um Auge, Zahn um Zahn

Auch wenn ihm eine Verbindung zu den Tätern bislang noch nicht nachgewiesen werden konnten - mit seiner Ankündigung ist Mauricio Fernandez Garza derzeit einer der umstrittensten Politiker in Mexiko. Kollegen und Kommentatoren kritisieren den 59-jährigen ehemaligen Geschäftsmann für seine markigen Sprüche. Innenminister Fernando Gomez Mont sagte: "Es ist nicht akzeptabel, Verbrechen mit Verbrechen zu bekämpfen." Bei vielen Bürgern dagegen kommt das gut an. In zahlreichen Internet-Blogs wird Fernandez Garza als Held und Retter gefeiert.

Tausende Tote durch Gewalt

Denn die Bevölkerung in Mexiko ächzt nach wie vor unter der Macht der Drogenkartelle. Das Land gilt als wichtige Durchgangsstation für den Drogentransport in die USA. Nach Angaben des Zentral-Instituts für Lateinamerika-Studien werden rund 90 Prozent des in den USA verbrauchten Kokains über Mexiko geliefert. Überfälle, Schießereien unter den Banden und Kämpfe mit der Armee gehören in dem mittelamerikanischen Land fast schon zur Tagesordnung. Laut einer Studie der deutschen Stiftung für Wissenschaft und Politik starben im vergangenen Jahr mehr als 6200 Menschen durch kriminelle Übergriffe.

Schießereien auf offener Straße

Für dieses Jahr rechnen die Experten mit einer ähnlich hohen Zahl. Denn mittlerweile tragen die Banden ihre Schießereien öffentlich aus. Dies war vor wenigen Jahren noch nicht der Fall. Karl-Dieter Hoffmann vom Zentral-Institut für Lateinamerika-Studien in Eichstätt sagt: "Es gibt immer wieder Fälle, in denen auch Kinder tödlich getroffen werden."

Armee ist hilflos

In Mauricio Fernandez Garza sehen viele Mexikaner nun den Mann, der den Verbrechern die Stirn bietet. "Fernandez macht einen guten Job. Wieso kritisiert ihr ihn?", steht in einem Blog-Eintrag auf der Internet-Seite der mexikanischen Zeitung "El Universal". Den Kampf der Armee gegen die Drogenkartelle halten viele Mexikaner bereits für verloren. Seit 2006 stehen mehr als 45.000 mexikanische Soldaten im Einsatz gegen die Drogenbanden. Geholfen haben die Maßnahmen bislang wenig. Schlimmer noch: Die anwesenden Soldaten fordern die Kartelle eher noch zu Gegenangriffen heraus. "Viele Banden haben mittlerweile halbautomatische Waffen im Arsenal", sagt Hoffmann.

Seltsames Rechtsverständnis

Die Ankündigung von Mauricio Fernandez Garza, den Verbrechen nicht länger "wie ein dummer Ochse" zusehen zu wollen, weckt bei ihnen neue Hoffnungen. Auf den Vorwurf, er sei kriminell, sagt Fernandez Garza nur: "Das sind die Verbrecher doch auch."

Grausame Fälle von Selbstjustiz

Eine Bürger greifen inzwischen zur Selbstjustiz. Nach Angaben des "Tagesanzeigers" zerrte eine Menschenmenge in einem Dorf in der Nähe der Hauptstadt Mexiko-City vier Entführer aus einem Gefängnis. Sie schleppten die Männer auf den Dorfplatz, banden sie an Pfähle und versuchten, sie mit Benzin zu übergießen und anzuzünden. Sicherheitskräften gelang es, die Häftlinge noch rechtzeitig zu befreien. Im Bundesstaat Sinaloa hat der Mob dagegen mehr Erfolg: Hier finden die Polizisten regelmäßig Leichen, neben denen Spielzeugautos liegen. Damit zeigen die Mörder, dass sie sich an Autodieben rächen.

Keine Toleranz gegenüber kleinen Ganoven

Dabei handelte es sich in den Fällen nicht immer um Mitglieder von Drogenkartellen. Auch viele Kleinkriminelle nutzen die allgemeine Verunsicherung unter den Bürgern für ihre Verbrechen aus. "Davon haben die Menschen in Mexiko die Nase voll", sagt Hoffmann.

Verselbständigen sich die Säuberungstruppen?

Während die Bevölkerung Mauricio Fernandez feiert, verglich der angesehene, mexikanische Politologe Jorge Chabat seine Säuberungstruppen in der Zeitung "El Universal" mit dem Einsatz der Riesenkröte in Australien. Das Tier sollte damals die Schädlinge auf dem Kontinent bekämpfen. Mittlerweile ist die Kröte zu einer eigenen Plage geworden.

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