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Terrorismus: Abrüster fürchten Terroranschläge mit Schmutzigen Bomben

Atomare Bedrohung  

Alptraum aller Abrüster

14.04.2010, 14:55 Uhr | Von Markus Becker, Spiegel Online

Terrorismus: Abrüster fürchten Terroranschläge mit Schmutzigen Bomben .

Testexplosion einer schmutzigen Bombe. Ihr Einsatz durch Terroristen gilt als überfällig. (Foto: Reuters)

Experten warnen vor Anschlägen mit der schmutzigen Bombe: Ein konventioneller Sprengsatz, bei dessen Explosion nukleares Material verbreitet wird, hätte verheerende Folgen. Wirksame Gegenmaßnahmen gibt es kaum - auch weil viele Regierungen die Gefahr unterschätzen.

Als die beiden Diebe in die verlassene Klinik im brasilianischen Goiânia einbrachen, wollten sie nur alte Geräte oder Metalle mitgehen lassen. Doch was sie per Schubkarre aus dem Gebäude bugsierten, war ein Gerät zur medizinischen Strahlentherapie. In seinem Inneren befand sich ein Behälter mit radioaktivem Cäsium-137.

Diebe bringen unwissentlich radioaktives Material in Umlauf

Die Langfinger nahmen das Gerät auseinander und verkauften Teile davon an einen Schrotthändler. Der war von dem Cäsium-Pulver, das im Dunkeln blau leuchtete, fasziniert - und führte es Familienmitgliedern und Bekannten vor. Im Verlauf mehrerer Tage kamen so zahlreiche Personen mit dem strahlenden Material in Kontakt.

Bilanz des Unfalls

Die Bilanz des Goiânia-Unfalls: Vier Menschen starben, 249 wurden verstrahlt, rund 112.000 medizinisch untersucht. Zudem wurden Dutzende Häuser kontaminiert, sieben mussten abgerissen und mehrere tausend Kubikmeter Erdreich abgetragen werden. Noch heute - rund 23 Jahre später - sind die Strahlungswerte in der betroffenen Gegend erhöht.

Die Gefahr wird unterschätzt

Die Goiânia-Episode hat auf erschreckende Weise gezeigt, welchen Schaden schon die Strahlungsquelle eines einzelnen medizinischen Geräts verursachen kann. In diesem Fall wurde das Cäsium-137 nicht einmal absichtlich verbreitet, so wie es Terroristen versuchen würden. Genau davor warnen Experten: Der Einsatz einer sogenannten schmutzigen Bombe - eines konventionellen Sprengsatzes, der bei der Detonation radioaktives Material verteilt - hätte verheerende Folgen. Und dennoch wird die Gefahr unterschätzt.

Merkels Warnungen versickern

Nicht umsonst hat Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Atomgipfel in Washington am Montagabend eindringlich vor der schmutzigen Bombe gewarnt. Durchgedrungen ist die Kanzlerin mit ihrer Warnung allerdings kaum - denn die US-Regierung will sich vor allem auf die drohende Verbreitung von waffenfähigem Nuklearmaterial konzentrieren. "Der Fokus dieses Gipfels liegt auf Materialien, die man für Atomwaffen benutzen kann. Das sind Plutonium und hochangereichertes Uran", betonte Gary Samore, Koordinator des Weißen Hauses für die Bekämpfung des terroristischen Einsatzes von Massenvernichtungswaffen.

Der ultimative Alptraum

Eine echte Atomwaffe in den Händen von Terroristen ist seit langem der ultimative Alptraum der US-Sicherheitsbehörden. Angesichts der Verheerungen, die eine solche Bombe in einer Großstadt anrichten könnte, räumt Washington der Kontrolle waffenfähigen Spaltmaterials höchste Priorität ein. Eine Debatte um die Gefahren von kommerziell erhältlichen Strahlungsquellen, so die Position der US-Regierung, würde die Strategie nur verwässern. Experten kritisieren allerdings, dass diese Sicht der Dinge zu einseitig ist. Denn über eines sind sich die Fachleute einig: Ein Anschlag mit einer schmutzigen Bombe ist bei weitem wahrscheinlicher als die Detonation einer echten Atombombe.

Plutonium und Uran verschwinden selten

Trotz einiger Lücken gehören Plutonium und hochangereichertes Uran zu den am besten überwachten Stoffen überhaupt. Die Datenbank der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) verzeichnet seit 1993 rund 1600 Fälle, in denen strahlendes Material verschwunden oder an der falschen Stelle aufgetaucht ist. "Aber nur in zwei bis drei Fällen pro Jahr handelt es sich dabei um Plutonium oder hochangereichertes Uran", sagt Klaus Mayer vom Karlsruher Institut für Transurane zu Spiegel Online.

Kontrollen sind unausgewogen

Andere weitverbreitete, teils extrem gefährliche radioaktive Substanzen werden dagegen weniger stark kontrolliert. Dazu zählt nicht nur Cäsium-137, das den Goiânia-Unfall ausgelöst hat. Kobalt-60 und Iridium-192 etwa werden vielerorts in der Materialprüfung oder in Geräten zur Füllstandsmessung von Silos eingesetzt. Auch Radionuklide wie Krypton-85, Strontium-90 und Promethium-147 werden in Unternehmen zur Dichte- und Dickemessung benutzt.

Sorgloser Umgang mit radioaktiven Substanzen

Diese Substanzen sind in Industriestaaten weit verbreitet und unterliegen oft nur schwachen Kontrollen. Hinzu kommt die Sorglosigkeit, mit der in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten radioaktives Material eingesetzt wurde. So werden beispielsweise Leuchttürme an der russischen Nordküste, in denen kein Wärter arbeitet, bis heute mit Strontium-Batterien betrieben.

Reale Bedrohung: Nuklearmaterial in Terroristenhand

Das Problem der Weiterverbreitung von Nuklearmaterial an Terroristen sei nicht etwa fiktiv, sondern durchaus real, warnte Kanzlerin Merkel in Washington. Sie verlangte mehr juristische Mittel zur Sicherung von Material, das dem Bau einer schmutzigen Bombe dienen könnte. Fachleute äußern sich ähnlich. "Ein regulatorisches System fehlt weitgehend", sagt Christoph Pistner vom Öko-Institut in Freiburg. "Das ist international ein großes Problem."

Detonation gilt als überfällig

Während die Detonation einer echten Atomwaffe als potentiell verheerend, aber eher unwahrscheinlich angesehen wird, verhält es sich mit der schmutzigen Bombe umgekehrt: Sie würde einen geringeren Schaden auslösen, doch ihr Einsatz gilt als überfällig. "Die Fachwelt rätselt darüber, warum ein solcher Angriff noch nicht stattgefunden hat angesichts der Tatsache, dass das radioaktive Material vergleichsweise leicht zu beschaffen ist", sagt Giorgio Franceschini von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) im Gespräch mit Spiegel Online.

Dutzende Tote und Verstrahlte

Zwar werde die radiologische Wirkung einer schmutzigen Bombe nach Einschätzung des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) "im Allgemeinen überschätzt". Das aber "bezieht sich wohlgemerkt auf die radiologischen Gefahren", sagte BfS-Präsident Wolfram König in einer Rede vor einem Fachkongress im November 2006. Für andere Gefahren sei das BfS nicht zuständig. Die eigentliche Explosion des konventionellen Sprengsatzes würde, je nach Größe, vermutlich nur einige Dutzend Menschen in der unmittelbaren Umgebung töten oder verletzen. Weitere Gefahren würden sich aus der Strahlung des radioaktiven Materials ergeben, die von außen auf den Körper wirkt oder aber von innen, wenn der Stoff eingeatmet oder verschluckt wird.

Verarbeitung birgt Schwierigkeiten

Die größte technische Hürde für die Terroristen ist die optimale Zerstäubung des Materials, erklärt HSFK-Experte Franceschini. Die radioaktive Substanz mit einer Explosion so effektiv wie möglich zu verbreiten, könne schwieriger als die Beschaffung des Materials sein. Eine andere Möglichkeit wäre die heimliche Verbreitung der strahlenden Substanz. Auf diese Weise konnte etwa der Unfall von Goiânia seine Ausmaße annehmen: Die betroffenen Menschen wussten nicht, dass sie eine hochgefährliche Substanz mit sich herumtragen - und es dauerte Tage, ehe die Behörden die Gefahr erkannt hatten und Gegenmaßnahmen einleiteten.

Geringe Zahl von Toten, enorme psychologische Wirkung

Vor allem die psychologischen und ökonomischen Folgen der Explosion einer schmutzigen Bombe wären gravierend. Ein Angriff auf eine Metropole wie etwa New York "hat das Potential, immense Panik und Verwirrung in der Öffentlichkeit zu verursachen", heißt es in einer 2006 erschienenen Studie der Naval Postgraduate School in Monterey (US-Bundesstaat Kalifornien).

Panik in der Bevölkerung

In dem Papier ist von einem "realistischen Szenario" die Rede, in dem eine schmutzige Bombe vor der Börse an der Wall Street explodiert. Die Menschen in Manhattan würden trotz Beteuerungen der Polizei, die radioaktive Strahlung beschränke sich auf 40 Häuserblöcke, zu fliehen versuchen - und damit den Verkehr zum Erliegen bringen. Noch sechs Monate später wäre der Finanzdistrikt weitgehend gesperrt, die New Yorker Wirtschaft am Boden, und die Tourismusindustrie ebenso kollabiert wie der lokale Immobilienmarkt. Die Schäden könnten sich diesem Szenario zufolge auf rund eine Billion Dollar summieren - was bei weitem mehr wäre als die geschätzten Kosten der Terroranschläge vom 11. September 2001.

Verheerende wirtschaftliche Folgen

Die britische BBC hat 2003 von Experten berechnen lassen, welche Wirkungen schmutzige Bomben in London und Washington hätten. In Washington etwa würde sich die Strahlenbelastung eines typischen Berufspendlers dadurch verdoppeln und sein statistisches Risiko, an Krebs zu erkranken steigern. Niemand weiß, wie viele Menschen unter diesen Umständen noch bereit wären, in der verstrahlten Gegend zu arbeiten.

Keine Lösung in Sicht

Wie der Bedrohung begegnet werden könnte, stellt Sicherheitsexperten vor eine Herausforderung. Denn der Verbreitung potentiell gefährlicher radioaktiver Materialien ist kaum beizukommen. "Das ist eine Schwachstelle von Industriegesellschaften", meint Franceschini. Auch eine drastische Erhöhung der Sicherheitsstandards erscheint kaum denkbar, denn die Zahl der betroffenen Betriebe - von Krankenhäusern über technische Großunternehmen bis hin zu mittelständischen Firmen - wäre enorm, der Aufwand und die Kosten entsprechend groß.

Hunderte Strahlungsquellen verschwinden jährlich

Welche Ausmaße das Problem hat, ist in einer 2003 erschienenen Studie des Monterey Institute of International Studies nachzulesen. Bis zu 500.000 der rund zwei Millionen Strahlungsquellen in den USA könnten nicht mehr gebraucht werden und in Gefahr geraten, aus dem Raster der behördlichen Kontrolle zu fallen. Zwischen Oktober 1996 und September 2001 seien im Jahresdurchschnitt 300 Strahlungsquellen auf diese Weise verloren gegangen, mehr als die Hälfte davon konnte nie wieder aufgespürt werden. In der EU rutschten rund 70 Strahlungsquellen pro Jahr durch das Kontrollraster.

Warten auf die Bombe?

Was bleibt, ist das bange Warten auf den ersten radiologischen Angriff auf eine Großstadt. Und der dürfte für Terroristen verlockend sein. "Der Hauptzweck einer schmutzigen Bombe ist es, Menschen durch die Verseuchung ihrer Umwelt in Angst zu versetzen", heißt es auf der Website der Weltgesundheitsorganisation. Es klingt wie eine Definition von Terrorismus.

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