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Bagdads Elite: Partys hinter Panzerglas

Bagdads Elite: Partys hinter Panzerglas

19.09.2010, 09:01 Uhr | Spiegel Online

Bagdads Elite: Partys hinter Panzerglas. Der Libanesische Club in Bagdad ist eine besondere Oase (Foto: Spiegel Online)

Der Libanesische Club in Bagdad ist eine besondere Oase (Foto: Spiegel Online)

In den Bars fließt der Whisky, in den Clubs arbeiten Sterne-Köche: Das Nachtleben in Bagdad zeigt sich oft schon so glamourös wie vor dem Krieg - wenn auch mit einigen Sicherheitsvorkehrungen. Die neue irakische Elite, die doch ganz die alte ist, feiert jetzt hinter Panzerglas.

Es ist ein routinierter Austausch: Der Gast zückt seine Garderobenmarke, reicht sie dem Mann am Empfang. Der wühlt kurz in der wohlgefüllten Schublade unter dem Tresen, dann hat er gefunden, was der junge Glatzkopf abgegeben hat: eine Pistole, silberfarben, ohne Halfter, aber mit vollem Magazin. "Möge Gott dir Gesundheit schenken", bedankt sich der Gast, klemmt sich seine Kanone in den Gürtel und verschwindet in die backofenwarme Bagdader Nacht.

"Waffen müssen bei uns an der Garderobe abgegeben werden", erläutert der Mann an der Rezeption die Hauspolitik des Libanesischen Clubs in der irakischen Hauptstadt. Wenn Politiker kämen, würde es deshalb hinter seinem Tresen recht eng. "Dann habe ich hier schnell ein Dutzend Kalaschnikows stehen - von den Leibwächtern."

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Erwacht aus dem Dornröschenschlaf

Eine Nacht in Bagdad ist ein Kaleidoskop der Widersprüche: Hostessen, in knappe Miniröcke gezwängt, geleiten züchtig verschleierte Damenrunden an die für sie reservierten Tische. Familienväter blättern lässig hundert Dollar für ein Abendessen hin - ein Betrag, den ihr Kellner vielleicht in zwei Wochen verdient. Im Palmengarten eines Lokals schwingen Betuchte im Takt der Musik auf Hollywood-Schaukeln. Anderswo, am Ufer des Tigris, pusten Damen wie Herren Schwaden süßen Wasserpfeifenrauchs zu Lampionketten hinauf.

Fast könnte man meinen, Bagdad - einst mondäne Partymetropole der arabischen Welt - erwache aus seinem Dornröschenschlaf.

Doch jenseits des Panzerglases der wenigen Nachtclubs, jenseits der hohen Mauern der Garten-Restaurants wartet die nächtliche Stadt mit ihren Gefahren: Die Straßen sind verlassen, nur ein paar müde Soldaten harren an den Checkpoints aus. Die Chauffeure der heimkehrenden Nachtschwärmer geben Gas und murmeln Koranverse. Die Angst vor Überfällen sitzt jedem im Nacken, der jetzt noch wach ist.

Eine Spielwiese für die High Society

Bagdads derzeit angesagteste Adresse ist der Libanesische Club. Der Name ist Programm: Die Macher wollen ein bisschen Beirut nach Bagdad bringen, hoffen, dass der Verweis auf das legendäre Nachtleben am Mittelmeer auch am Tigris-Ufer Kunden anzieht. Das Konzept geht auf. Abend für Abend kochen die aus dem Libanon eingeflogenen Sterne-Köche für Hunderte Gäste, drängen sich im Saal und in den Separees vergnügungswillige Iraker.

"Es macht mich glücklich, zu sehen, wie die Leute Spaß haben", sagt Betreiber Jumaa al-Mussawi, der sich selbst stolz als Snob bezeichnet. "Jede Stadt hat ihre High Society, und die braucht eine Spielwiese", sagt der 42-Jährige.

Mit Freuden zählt er auf, welche nationalen und internationalen Größen sich seit der Eröffnung im Mai schon bei ihm eingefunden haben: diverse Botschafter arabischer und europäischer Länder, der Gouverneur der Provinz Bagdad, der Regierungssprecher, nicht wenige Minister und Staatssekretäre. Viele hätten gleich beim ersten Besuch einen Aufnahmeantrag unterschrieben: 1500 Dollar im Jahr kostet das Privileg, ein Jahr lang an der Tür nicht abgewiesen zu werden.

Dass über der Eingang des Libanesischen Clubs in großen goldenen Lettern "Gott ist groß" prangt, dass trotz der feierwütigen Klientel kein Alkohol serviert wird, hat politische Gründe, über die Mussawi ungern spricht. Man müsse sich den Gegebenheiten anpassen, mit der Zeit gehen, weicht er aus.

An Ramadan ausnahmsweise kein Whisky

So lange eine Koalition aus strenggläubigen Schiiten in Bagdad das Ruder in der Hand hat, gibt man sich als - auf Lizenzen und zugedrückte Augen angewiesener - Nachtclubbetreiber besser ein wenig frommer, als man vielleicht sein mag. Sollte sich im Gerangel um dem Posten des Ministerpräsidenten, der nun bereits seit den Wahlen im März andauert, doch noch der säkulare Ijad Allawi durchsetzen, könnte sich die Speisekarte des Clubs schnell ändern.

Der Bagdader Hunting Club ist älter als solche Befindlichkeiten, weshalb in dem 1969 gegründeten Etablissement auch Alkohol ausgeschenkt wird. Das heißt, ausgeschenkt werden würde - wäre nicht gerade Ramadan, in dem auch im Hunting Club statt Whisky nur Soft Drinks serviert werden.

"Seit Wochen trinken wir Cola", schimpft Hassan, der im Verteidigungsministerium arbeitet und sich wie jeden Abend mit seinen Freunden zum Dominospielen getroffen hat. Die Männer sind Anfang 20, und was sie hier machen, gilt in Bagdad als Gipfel der Vergnügungen für junge Leute: Dominospiele bei Wasserpfeife, ab und an mal ein Bingowettbewerb.

Wo der neue Irak ganz der alte ist

Ist der Libanesischen Club der neueste Zuwachs unter den Bagdader Clubs, gilt der Hunting Club wohl als der traditionsreichste. Wer zu Zeiten Saddam Husseins in der Gunst des Diktators stand, traf sich abends hier im Villenviertel Mansur. Wurde Irak auch von Kriegen gebeutelt, von Sanktionen geschwächt: In den Pavillons und Gartenanlagen des Clubs machte Bagdads Oberschicht Geschäfte, arrangierte Ehen für ihre Kinder.

Dementsprechend nostalgisch sprechen viele der Altmitglieder über "ihren" Club. "In Grunde bin ich hier auf dem Clubgelände aufgewachsen", sagt eine Zahnärztin. In perfektem Deutsch erzählt die 30-Jährige - ihre deutsche Mutter kam in den achtziger Jahren nach Bagdad -, dass ihre Tochter nun die zweite Generation ist, die ihre Kindheit hinter den Club-Mauern verbringt. "Bagdad ist nicht Berlin, wo man die Kinder zum Spielen auf die Straße schicken kann."

An einige Kapitel der Clubgeschichte erinnern sich die Mitglieder - aufgenommen wurden und werden nur Akademiker - hingegen ungern. Saddams sadistischer Sohn Udai feierte im Hunting Club wilde Partys, bei denen er schon mal um sich geschossen haben soll.

Dass der inzwischen in Ungnade gefallene Exil-Politiker Ahmed Dschalabi den Club gleich nach dem Einmarsch der US-Truppen zu seinem Hauptquartier machte, nennt Manager Maksud Sindschari rückblickend "eine glückliche Fügung". Dschalabis Männer hätten verhindert, dass der Club geplündert wurde, sagt der 53-Jährige, der nach dem Fall Saddams zum Vorsteher gewählt wurde.

Der Hunting Club soll endlich einen Schießplatz bekommen

Würde Sindschari Außenstehende einen Blick in die Mitgliederkartei des Hunting Club werfen lassen, könnten sie eine Menge über die irakische Elite lernen. Die neue High Society ist ganz die alte. Klar in den Jahren 2006 und 2007 haben sich schon einige reiche Iraker ins Ausland abgesetzt, was zu einem gewissen Mitgliederschwund geführt hätte, sagt der Club-Manager, aber grundsätzlich sei die Klientel des Clubs heute die gleiche wie vor dem Fall Saddam Husseins. Auch wenn die 35 Jahre lang herrschende Baath-Partei 2003 von den Amerikanern aufgelöst wurde, geben im Irak nach wie vor dieselben Familien den Ton an.

Im Hunting Club wie in Bagdads High Society hat sich wenig verändert seit den Zeiten Saddams. Doch zumindest im Club soll sich das nun ändern. Mit einer Reihe von Innovationen will Manager Sindschari Neulingen wie dem Libanesischen Club Paroli bieten. Eine Bowlingbahn, ein Freiluftkino, eine Eisbahn will der Geschäftsmann demnächst eröffnen. Vor allem aber soll der Club endlich seinem Namen gerecht werden und einen Schießplatz bekommen.

Sindschari hält das unter den gegebenen Umständen für eine sehr sinnvolle Freizeitbeschäftigung: "Dann können die Mütter mit den Kindern in den Gärten spielen, während die Väter drinnen lernen, sie besser zu verteidigen."


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