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Anschläge Norwegen: Mutmaßlicher Amokschütze legt Teilgeständnis ab

Mutmaßlicher Amokschütze legt Teilgeständnis ab

25.07.2011, 08:34 Uhr | AFP, dpa, dapd

Anschläge Norwegen:  Mutmaßlicher Amokschütze legt Teilgeständnis ab. Der mutmaßliche Attentäter hat ein Teilgeständnis abgelegt (Foto: AFP/ Reuters)

Der mutmaßliche Attentäter hat ein Teilgeständnis abgelegt (Foto: AFP/ Reuters)

Der mutmaßliche Terrorverdächtige in Norwegen hat nach Polizeiangaben ein erstes Geständnis abgelegt. Der Verdächtige gab zu, bei dem Jugendlager auf der Insel Utoya das Feuer auf Teilnehmer eröffnet zu haben, wie die Polizei mitteilte. Angaben über sein Motiv habe er aber nicht gemacht, sagte ein Polizeisprecher in einer Pressekonferenz. Die Ermittler gehen eigenen Angaben zufolge unter Hochdruck Hinweisen auf einen zweiten Schützen nach, der an dem Blutbad mit mindestens 87 Toten auf der Insel beteiligt gewesen sein könnte.

Zudem wurde bekannt, dass sich der mutmaßliche Terrorattentäter freiwillig der Polizei gestellt habe. Man habe eine Handwaffe und eine automatische Waffe gefunden, so ein Polizeisprecher.

"Schwierigkeiten bei der Beschaffung eines Bootes"

Bis zu diesem Zeitpunkt dauerte das Massaker wohl anderthalb Stunden. Wie die norwegische Polizei mitteilte, habe es für die im 40 Kilometer entfernten Oslo alarmierten Antiterroreinheiten "Schwierigkeiten bei der Beschaffung eines Bootes" gegeben. Man müsse die näheren Umstände genauer untersuchen. Damit hatte der Schütze knapp 90 Minuten Zeit gehabt, um das Blutbad unter den Jugendlichen anzurichten und mindestens 85 Menschen zu erschießen, bevor er festgenommen wurde. Zuvor sprach die Polizei von rund 30 Minuten. "Es dauert, so lange wie es dauert, schnell dorthin zu fahren", sagte Johan Fredriksen von der Polizei über die Anfahrtszeit des Sondereinsatzkommandos.

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Bislang werden laut einem Polizeisprecher immer noch mehrere Jugendliche vermisst.

Nach der Bombenexplosion im Regierungsviertel am Freitagnachmittag fuhr der mutmaßliche Attentäter nach Überzeugung der Polizei mit dem Auto zur 40 Kilometer entfernten Insel Utoya. Dort eröffnete der als Polizist verkleidete 32-Jährige das Feuer auf die etwa 600 Jugendlichen in dem Ferienlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF. Überlebende berichteten im TV-Sender NRK von Panik und Chaos.

"Ich töte Euch alle!"

Dabei nutzte der Täter eiskalt die Umstände nach seinem Bombenattentat in Oslo aus. „Er sagte, er sei geschickt worden, um die Sicherheit zu überprüfen. Dass sei reine Routine nach dem Terroranschlag”, sagte Wachmann Simen Braenden Mortensen der norwegischen Zeitung „Verdens Gang”. „Es wurde ein Boot gerufen und das brachte ihn hinüber nach Utoya."

Dort versammelte er die Jugendlichen und jungen Erwachsenen um sich und begann mit einem Maschinengewehr und einer Pistole zu schießen. Viele der Teenager - die meisten im Alter von 14 bis 17 Jahren - sprangen aus Todesangst ins Wasser, um schwimmend von der Insel zu entkommen. Der Attentäter habe auch auf sie geschossen. "Ich war vielleicht fünf oder sieben Meter von ihm entfernt, als er schrie 'ich tötet euch alle!' und 'ihr werdet alle sterben!'", zitiert CNN einen Augenzeugen. "Er richtete die Waffe auf mich, aber er drückte nicht ab." Im Wasser um Utoya wird noch nach weiteren Opfern gesucht.

Kunstdünger für Bombe gekauft?

Der Verdächtige wird zur Zeit verhört. Die Verhöre werden von der Polizei als "schwierig" eingestuft. Der Mann sei aber auskunftsbereit, sagte ein Sprecher weiter. Auf der Insel Utøya habe man zwei Schusswaffen sichergestellt. Der mutmaßliche Attentäter soll Montag einem Haftrichter vorgeführt werden.

Der Attentäter wird der rechten Szene zugeordnet und soll "christlich-fundamentalistisch" orientiert sein. Der 32-Jährige habe bisher nicht im Blickfeld der Polizei gestanden. Zwar sei er bereit auszusagen, man stehe aber vor "äußerst umfassenden und langfristigen Ermittlungen".

Auf einer als islamkritisch geltenden Webseite sind unter seinem Namen veröffentlichte nationalistische Äußerungen zu finden. Multikulturalismus wird darin als kultureller Marxismus und als anti-europäische Hassideologie bezeichnet, deren Ziel es sei, die europäische Kultur, Identität und das Christentum zu zerstören.

Zudem hat sich der Attentäter bei einem schwedischen Internet-Forum für Neonazis registriert. Wie die schwedische Organisation Expo angab, war der 32-Jährige seit 2009 in dem Forum "Nordisk" aktiv. Hier diskutierten 22.000 registrierte Nutzer Themen wie "weiße arische Macht" und politische Strategien zur Bekämpfung der Demokratie, hieß es weiter. Expo gilt als führende schwedische Organisation zur Beobachtung der rechtsradikalen Szene. Sie wurde bekannt durch ihr Gründungsmitglied Stieg Larsson, der die weltberühmt gewordene Millennium-Krimitrilogie geschrieben hat. Larsson starb 2004.

Nach den Angaben von Expo soll der am Freitag nach zwei Anschlägen mit mindestens 92 Toten festgenommene Norweger "wesentlich radikaler" als bisher angenommen in der rechtsradikalen Szene aktiv gewesen sein. Im Onlineforum "Nordisk" habe es auch Aufrufe zu Gewalt gegeben, hieß es aus Stockholm.

Der mutmaßliche Attentäter habe seit dem Frühjahr sechs Tonnen Kunstdünger eingekauft, der zur Herstellung von Sprengstoff geeignet war, teilte eine Sprecherin des Agrar-Großhändlers Felleskjøbet im TV-Sender NRK mit. Man habe keinen Verdacht geschöpft, weil er einen Agrarhandel für Gemüse und Früchte betrieb. Auch auf Utoya soll Sprengstoff gefunden worden sein, der aber nicht explodiert ist.

Gab es einen zweiten Täter?

Derweil gibt es widersprüchliche Berichte über einem zweiten Täter. Ein Kriposprecher sagte der Online-Ausgabe der Zeitung "Verdens Gang": "Wir haben mehrere übereinstimmende Zeugenaussagen, wonach es einen zweiten Täter geben soll. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, das aufzuklären." Die norwegische Polizei hat das auf der Internetseite des norwegischen Fernsehsenders NRK dementiert. "Wir prüfen alle Eventualitäten, aber wir suchen nach niemandem konkreten", sagte Polizeiinspektor Einar Aas der Nachrichtenseite.

Währenddessen hat die Polizei außerhalb eines Hotels, in dem sich Ministerpräsident Jens Stoltenberg aufhielt, einen Mann festgenommen. Er sei festgenommen worden, weil er ein Messer bei sich gehabt habe, sagte der rund 20 Jahre alte Mann, als er von der Polizei abgeführt wurde. Er sei Mitglieder der Jugendorganisation der Arbeiterpartei, die auf Utoya ihr Sommerlager abgehalten hatte und trage das Messer, weil er sich unsicher fühle.

Militär sichert Osloer Innenstadt

Nach Polizeiangaben werden in den zerstörten Räumen im Osloer Regierungsviertel nach dem der Bombenexplosion wahrscheinlich noch Überreste weiterer Menschen gefunden werden. Eine Zahl nannte der Polizeisprecher nicht. Zudem geht die Polizei davon aus, dass die Bombe im Osloer Regierungsviertel aus einem Auto heraus explodierte.

Die Osloer Innenstadt ist derweil vom Militär gesichert. Die Einheiten sollten vor allem die Ermittlungsarbeit der Polizei im Regierungsviertel schützen, sagte Stoltenberg. Die Aufforderung an alle Bürger, sich aus der Innenstadt fernzuhalten, wurde aber wieder aufgehoben. Die norwegische Flagge wehte über allen öffentlichen Gebäuden auf halbmast. Die von dem Anschlag besonders schwer getroffenen Teile des Zentrums seien am Morgen fast menschenleer gewesen, berichtete ein Reporter. "Das ist heute wie in einer Geisterstadt", sagte der 17 Jahre alte Harald Jakhelln.

Im Laufe des Vormittags sammelten sich Passanten an den Absperrungen des Militärs. In vielen Gesichtern stand das Entsetzen über das Ausmaß der Zerstörung. "Es ist schrecklich, dass wir jetzt auch eine solche Situation haben. Ich denke dabei auch an die Menschen in London, New York und anderen Orten, wo solches geschehen ist", sagte Oslos Bürgermeister Fabian Stang. "Es wird immer wichtiger, dass wir zusammen halten."

Schlimmste Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg

Norwegens König Harald V. forderte seine Landsleute auf, "in dieser schweren Situation zusammenzustehen und einander zu stützen". Regierungschef Stoltenberg sprach von einer "nationalen Tragödie" und sagte: "Seit dem Zweiten Weltkrieg haben wir in unserem Land keine schlimmere Katastrophe erlebt." Beide haben inzwischen Überlebende des Massakers besucht. Die norwegische Fußballiga hat aus Trauer alle ihre Spiele abgesagt.

Internationale Reaktionen

Die internationale Gemeinschaft zeigte sich erschüttert von den Anschlägen. Bundespräsident Christian Wulff übermittelte König Harald V. seine Anteilnahme. Für die Ermordung friedlicher Bürger gebe es keine Rechtfertigung, schrieb Kremlchef Dimitri Medwedew.

Auch Kanzlerin Angela Merkel hat der norwegischen Bevölkerung das Mitgefühl der Deutschen ausgedrückt: "Wir fühlen die Erschütterung genauso wie die Menschen in Norwegen."

US-Präsident Obama rief zu einer stärkeren Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terror auf. Der britische Premierminister David Cameron bot Norwegen Hilfe an, unter anderem durch eine enge Zusammenarbeit der Geheimdienste beider Länder. Bislang war Norwegen von Terroranschlägen verschont geblieben.

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