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Attentat von Woolwich: "Diese Typen waren wie wahnsinnig"

"Diese Typen waren wie wahnsinnig"

23.05.2013, 19:56 Uhr | Spiegel Online

Attentat von Woolwich: "Diese Typen waren wie wahnsinnig". Die Täter töteten einen britischen Soldaten auf bestialische Weise (Quelle: dpa)

Die Täter töteten einen britischen Soldaten auf bestialische Weise (Quelle: dpa)

Der grausame Mord an einem Soldaten in London spielte sich vor den Augen entsetzter Passanten ab. Bevor die Polizei eintraf, standen sich Unbeteiligte und Mörder gegenüber. Manche dokumentierten das Geschehen, eine zweifache Mutter zeigte Courage.

London - Ingrid Loyau-Kennet saß im Bus Richtung Parliament Square, sie wollte ihre Kinder treffen. Graham Wilders war fast zu Hause, er lebt um die Ecke. James wollte seine Lebensgefährtin zur Arbeit fahren. Drei Menschen, ein Tag wie jeder andere. Bis sie zum Artillery Place kamen, in Woolwich im Südosten Londons.

Sie wurden Augenzeugen eines grausamen Mordes, gerieten in eine unwirkliche Szenerie. Ihre Beschreibungen fügen sich zu einem verstörenden Bild des Terroranschlags zusammen.

Die Täter rammten einen Soldaten mit ihrem Auto und töteten ihn anschließend auf bestialische Weise mit Messern und einem Fleischerbeil.

"Ich dachte, sie würden ihn wiederbeleben"

Als Wilders das beschädigte Auto auf dem Bürgersteig sah, ging er von einem Unfall aus. So beschreibt er es im BBC Radio. Dann wanderte sein Blick weiter. "Zwei Menschen hatten sich über einen anderen gebeugt. Ich dachte, sie würden ihn wiederbeleben." Wilders parkte seinen Wagen in der Garage und ging zurück zum Ort des Geschehens.

Auch James, der nur seinen Vornamen nannte, dachte zunächst, die zwei Männer würden dem Opfer helfen. Dann erkannte er, was wirklich passierte. "Sie haben auf ihn eingehackt. Diese Typen waren wie wahnsinnig, wie Tiere", schilderte er mit bewegter Stimmte dem lokalen Sender LBC.

Er und seine Frau seien aus dem Wagen gestiegen und hätten geschrien. Einer der Täter habe eine Pistole geholt und ihnen befohlen, wieder einzusteigen. "Sie haben den armen Kerl vom Bürgersteig geschleift und mitten auf der Straße abgelegt."

James rief eigenen Angaben zufolge die Polizei. Bis bewaffnete Beamte eintrafen, dauerte es rund 20 Minuten. Ziemlich viel Zeit, womöglich wäre bei einem anderen Verlauf eine große Debatte über das Versagen der Polizei gefolgt. Doch die Täter liefen nicht weg. Das Verhalten nach dem Mord spielte in ihrem Plan offenbar eine wichtige Rolle.

"Ich dachte, ich spreche besser mit ihm"

Ingrid Loyau-Kennet, 48, hat zwei Kinder, seit ihrer Zeit bei den Pfadfindern ist sie in Erster Hilfe geschult. Als ihr Bus nahe des Tatorts zum Stehen kam, stieg sie aus. Sie wollte helfen, doch sie spürte keinen Puls mehr bei dem Mann. Eine andere Frau hatte bereits eine Jacke über den Kopf des Opfers gelegt.

Der Soldat war tot, seine Mörder blieben am Tatort. Einer von beiden warnte Loyau-Kennet aufgebracht, sie solle der Leiche fernbleiben. So erzählte sie es dem "Guardian" und dem "Telegraph". Was sie dann tat, machte sie in Großbritannien berühmt. "Ich dachte, ich spreche besser mit ihm, bevor er weitere Menschen angreift", erinnert sich Loyau-Kennet. Der Mann sei nicht betrunken oder auf Droge gewesen. Sie habe keine Angst gehabt und mehr als fünf Minuten mit ihm gesprochen.

"Ich fragte ihn, warum er das getan hat", sagte Loyau-Kennet. Das Opfer sei Soldat und habe Muslime in Afghanistan und im Irak getötet, habe der Mann geantwortet. Er werde auch Polizisten töten. Loyau-Kennet fragte, ob das vernünftig sei. "Es wurde klar, dass er wirklich davon überzeugt war." Sie habe versucht, ihn weiter in ein Gespräch zu verwickeln, doch der Täter sei weggegangen. Sie habe daraufhin versucht, auch mit dem Komplizen zu diskutieren.

Ein Bild des Dialogs verbreitete sich rasant im Internet: Loyau-Kennet steht dem Mann gegenüber, sie hat die Hände in ihren Jackentaschen, wirkt aufrecht, sieht ihn ein wenig von der Seite an. Seine Arme hängen herunter, links hält er ein großes Messer.

Täter forderten Passanten zum Filmen auf

Immer mehr Menschen kamen zum Tatort. Auch Schulkinder näherten sich. "Ich habe zu den Lehrern gesagt: 'Bringt die Kinder zurück in die Schule, da ist jemand mit einer Pistole'", erinnert sich Graham Wilders.

Doch die Täter machten keine Anstalten, weitere Menschen anzugreifen oder zu fliehen. James berichtet, sie seien zu Bussen gegangen, hätten Insassen aufgefordert, Fotos zu machen.

Wo etwas passiert, zücken Schaulustige oft ihre Smartphones, filmen statt zu helfen, es ist inzwischen ein bekanntes Phänomen. In Woolwich ereignete sich jedoch etwas, das kaum fassbar scheint: Augenzeugen nehmen Mörder auf, die blutverschmierten Hände, die Tatwaffen. Manche werden wohl den Befehlen der Täter gefolgt sein, andere scheinen von größerer Entfernung fotografiert zu haben.

"Im Moment geht es mir gut"

Manche Passanten schrien die Täter an, doch die nahmen das laut James gar nicht wahr. Sie seien auf der Straße auf und ab gegangen und hätten sich fotografieren lassen.

Jemand folgte dem Wunsch der Täter, er war kein Beobachter mehr, sondern Teil des Geschehens: Er filmte einen der beiden wie er, das blutige Fleischerbeil in der Hand, von Allah spricht, von "Auge um Auge, Zahn um Zahn".

Kurz bevor die bewaffneten Polizisten eintrafen, kehrte Loyau-Kennet zurück zu ihrem Bus. Als die Beamten in die Straße bogen, stürmten die Täter auf sie zu und wurden mit mehreren Schüssen gestoppt.

Ingrid Loyau-Kennet wird nun in den britischen Medien für ihre Tapferkeit und ihren Mut gefeiert. "Ich bin glücklich, dass ich möglicherweise mehr Schaden verhindern konnte", sagte sie. "Im Moment geht es mir gut, aber ich denke, der Schock könnte mich später noch treffen."

hut

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