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Erdogan verspricht "Ära der Versöhnung" nach Wahlsieg in der Türkei

Sieg bei Präsidentschaftswahl  

Erdogan verspricht den Türken eine "Ära der Versöhnung"

11.08.2014, 19:07 Uhr | AFP

Erdogan verspricht "Ära der Versöhnung" nach Wahlsieg in der Türkei. Türkei: "Ich möchte ein Präsident sein, der mit ganzem Herzen 77 Millionen Menschen umarmt", sagte Erdogan. Mit seiner Ehefrau Emine lässt er sich von seinen Anhängern feiern. (Quelle: dpa)

"Ich möchte ein Präsident sein, der mit ganzem Herzen 77 Millionen Menschen umarmt", sagte Erdogan. Mit seiner Ehefrau Emine lässt er sich von seinen Anhängern feiern. (Quelle: dpa)

Nach seinem Sieg bei der Präsidentschaftswahl hat der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan seinen Landsleuten eine neue Ära der Versöhnung angekündigt. Er wolle den "Streit der Vergangenheit" beilegen und Präsident aller 77 Millionen Türken sein, sagte der islamisch-konservative Politiker in der Hauptstadt Ankara. Erdogan gewann die erste Direktwahl eines türkischen Präsidenten mit 52 Prozent der Stimmen. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa kritisiert ungleiche Voraussetzungen der Bewerber im Wahlkampf.

Bei seiner Siegesrede auf dem Balkon des Gebäudes seiner Partei AKP in Ankara sprach Erdogan vor tausenden Anhängern von einem "historischen Tag". "Heute hat nicht nur Recep Tayyip Erdogan gewonnen", sagte er. "Heute hat der Wille des Volkes einmal mehr gesiegt. Heute hat die Demokratie einmal mehr gesiegt." Der 60-Jährige kündigte einen "neuen sozialen Versöhnungsprozess" an. Alle Türken, ganz gleich welcher Herkunft und welchen Glaubens, sollten gleichberechtigte Bürger sein.

Erdogan sieht sich als Präsident mit Herz, nicht als Diktator

"Ich möchte ein Präsident sein, der mit ganzem Herzen 77 Millionen Menschen umarmt, so wie ich es mein ganzes Leben lang und während meines gesamten politischen Kampfes getan habe", sagte Erdogan. Kritiker, die ihn als "Diktator" bezeichneten, sollten sich selbst in Frage stellen. Die Opposition solle "ihre Politik überdenken", um mit dem Ideal einer "neuen Türkei" übereinzustimmen.

Absolute Mehrheit im ersten Anlauf

Erdogans Vorsprung fiel weniger groß aus als von manchen Beobachtern vorhergesagt. Doch erhielt er wie erwartet auf Anhieb die absolute Mehrheit. Laut dem vorläufigem Ergebnis kam er auf 52 Prozent der Stimmen. Sein Hauptrivale Ekmeleddin Ihsanoglu kam auf 38,3 Prozent, der Kandidat der kurdischen Minderheit, Selahattin Demirtas, erhielt 9,7 Prozent. Erdogans Amtseinführung ist für den 28. August geplant.

Im Zentrum von Istanbul feierten tausende Anhänger Erdogans Wahlsieg. Sie schwenkten türkische Fahnen und hielten Porträts des künftigen Präsidenten hoch. In der Hauptstadt Ankara wurden Feuerwerke gezündet.

Taksim-Proteste, Korruptionsaffäre und Twitter-Sperrung schadlos überstanden

Erdogan erhielt die absolute Mehrheit, obwohl er auf das schwierigste Jahr seiner 2003 begonnen Regierungszeit zurückblickt. Im Sommer 2013 hatten sich Proteste gegen ein Bauprojekt in Istanbul zu landesweiten Demonstrationen gegen seinen autoritären Regierungsstil ausgeweitet. Das brutale Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten wurde auch im Ausland scharf kritisiert. Auch eine beispiellose Korruptionsaffäre in höchsten politischen Kreisen überstand Erdogan.

Viele Türken preisen den früheren Bürgermeister von Istanbul als Vater des türkischen Wirtschaftswachstums. Den streng Religiösen gilt er als Hüter einer islamischen Ordnung. Seine Gegner fürchten dagegen eine zunehmende Aufweichung der von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk eingeführten strikten Trennung von Staat und Religion.

Erdogan verpasst der Türkei ein Präsidialsystem

Mit der Direktwahl ist Erdogan den ersten Schritt zu der von ihm angestrebten Umwandlung der Türkei in ein Präsidialsystem gegangen. Bislang hat der türkische Staatschef vor allem repräsentative Aufgaben. Das will Erdogan mit einer Verfassungsreform ändern.

OSZE kritisiert Vorteilsnahme im Wahlkampf

Ernüchterung herrschte nach Erdogans Sieg bei der Opposition: "Nicht Ihsanoglu hat die Wahl verloren, sondern der Wunsch nach einer sauberen und ehrlichen Politik und das Streben nach Demokratie", sagte Haluk Koc, der Sprecher der Republikanischen Volkspartei, die Ihsanoglu unterstützt hatte.

Schon bei seiner Stimmabgabe hatte Ihsanoglu einen "unfairen Wahlkampf" beklagt. Gründe für diesen Vorwurf lieferte er nicht, doch ist bekannt, dass Erdogan viele Millionen Euro in seine Kampagne investieren konnte. Im Fernsehen galt dem starken Mann der Türkei die meiste Aufmerksamkeit, sein Gesicht prangte auf riesigen Plakaten an nahezu jeder Straßenecke etwa in Istanbul. Ihsanoglus Wahlkampfteam musste mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln auskommen.

Auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) kritisierte den Verlauf des Wahlkampfs. Dass der langjährige Regierungschef "seine offizielle Position nutzte und von parteiischer Medienberichterstattung" profitierte, habe ihm "einen klaren Vorteil vor den anderen Kandidaten verschafft", monierte die OSZE-Wahlbeobachtungsmission am Tag nach der Wahl. Die Voraussetzungen seien nicht für alle Bewerber gleich gewesen.

Merkel wünscht Erdogan "Erfolg, Ausdauer und Kraft"

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Erdogan zu seinem Sieg gratuliert. "Deutschland und die Türkei verbindet eine enge und vertrauensvolle Partnerschaft", schrieb Merkel in einem Glückwunschtelegram. Es sei ihr ein persönliches Anliegen, die traditionell freundschaftlichen Beziehungen beider Länder gemeinsam mit ihm fortzuführen und zu vertiefen.

"Derzeit haben wir in der Region schwierige Herausforderungen zu meistern", betonte Merkel in dem Schreiben. "Der Türkei kommt hierbei eine große Bedeutung zu." Die Kanzlerin wünschte Erdogan für seine anstehenden Aufgaben "Erfolg, Ausdauer und Kraft".

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