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Islamischer Staat schafft Verbündete wider Willen

Kampf gegen den Islamischen Staat  

Verbündete wider Willen

23.02.2015, 09:50 Uhr | Vivian Salama, AP

Islamischer Staat schafft Verbündete wider Willen. Die Schiiten zählen zu den Unterstützern der Anti-IS-Koalition. (Quelle: Reuters)

Die Schiiten zählen zu den Unterstützern der Anti-IS-Koalition. (Quelle: Reuters)

Der Islamische Staat schafft etwas, das vor wenigen Jahren noch undenkbar war: Einstige Feinde verbünden sich, um die Terroristen auszulöschen. Was passiert jedoch, wenn der IS eines Tages vernichtet sein sollte?

Schiitisch-arabische Milizen sind ins nordirakische Gebiet von Kirkuk geströmt, um kurdischen Kräften im Kampf gegen den IS zu helfen. Aber es ist eine Allianz, die der Not gehorcht und einen viel älteren Konflikt um die ölreiche Region neu entfachen könnte - mit den weitgehend autonomen Kurden auf der einen und der arabisch-geführten Bagdader Regierung auf der anderen.

In vielen Teilen des Irak hat der schnelle Vormarsch des IS Langzeit-Rivalen widerstrebend zu Verbündeten gemacht. Der gemeinsame Kampf könnte im Laufe der Zeit helfen, im Irak so etwas wie ein Gefühl der nationalen Einheit entstehen zu lassen. Aber es besteht auch die Gefahr, dass nur beiseite geschobene Dispute neu aufbrechen, wenn die Bedrohung nachlässt. Ein Überblick über die ungewöhnlichen Allianzen:

Kurden und Schiiten

Schiitisch-arabische Milizen haben sich in einer Reihe von Kämpfen mit den kurdischen Peschmerga zusammengetan. Sie durchbrachen im August die Belagerung der nördlichen, überwiegend von Schiiten bewohnten Stadt Amirli und vertrieben unlängst IS-Extremisten aus mehreren Städten in der Provinz Dijala nordöstlich von Bagdad.

Aber Kirkuk ist ein anderer Fall. Nur wenige Tage nach dem Vordringen des IS im nördlichen Irak im vergangenen Juni übernahmen kurdische Kräfte die Kontrolle in der Stadt. Ihr seit langem angepeiltes Ziel, Kirkuk und Gebiete in der Umgebung in ihre teilautonome Region einzugliedern, schien damit in Reichweite. Aber die Araber und Turkmenen in der Stadt sowie Bagdad sind strikt gegen ein solches Szenario.

Zurzeit ziehen die schiitischen Kämpfer mit den Kurden an einem Strang. Aber wenn die vom Iran gestützten Milizionäre in der Region Fuß fassen, könnten sie eines Tages Bagdad dabei helfen, den Kurden das Gebiet wieder zu entreißen.

Dass der Konflikt im Hintergrund schwelt, zeigte sich kürzlich in einem Wortgefecht zwischen beiden Seiten. Der kurdische Regionalpräsident Massud Barsani erklärte, dass nur Peschmerga-Truppen in Kirkuk operieren dürften. Ein ranghoher Kommandeur der Schiiten-Miliz, Hadi al-Amiri, antwortete einen Tag später, dass seine Kräfte "fähig sind, überall hinzugehen, wenn es nötig ist".

USA und Iran

Während die USA eine internationale Koalition zur Unterstützung irakischer Truppen durch Luftangriffe geschmiedet haben, hat der Iran den Schiiten-Milizen bei deren Bodenkampf geholfen. Es wird allgemein angenommen, dass beide Seiten auch die kurdischen Kämpfer unterstützen. Dem Irak ist sowohl die Washingtoner als auch die Teheraner Hilfe willkommen, aber er riskiert, in einen Stellvertreterkrieg in der Region gezogen zu werden - die USA sowie verbündete Golfstaaten kontra Iran.

Washington und Teheran halten den IS für eine große regionale Bedrohung. Aber was den syrischen Bürgerkrieg betrifft, sind ihre Positionen krass unterschiedlich. Der Iran steht hinter Präsident Baschar al-Assad, die USA wollen, dass er geht.

Neben dem Teheraner Atomprogramm, über das zurzeit verhandelt wird, sind außerdem die iranische Feindseligkeit gegenüber Israel sowie die Unterstützung für militante Gruppe wie Hisbollah und Hamas Konfliktpunkte zwischen beiden Seiten. Sowohl die USA als auch der Iran unterstreichen, dass sie ihre Operationen im Irak nicht miteinander koordinieren.

Irakische Regierung und Sunniten

Praktisch alle stimmen darin überein, dass der IS nur besiegt werden kann, wenn Stämme und Milizen im sunnitischen Kernland zur Rebellion gegen die Terrormiliz bewogen werden. Dieses Konzept erwies sich als erfolgreich, als Sunniten ab 2006 den US-Truppen halfen, Al-Kaida aus dem Irak zu vertreiben. Diesmal wird es schwieriger sein.

Viele der sunnitischen Stämme, die sich damals beteiligten, fühlten sich nach dem Abzug der Amerikaner von der schiitisch geführten Regierung betrogen, vernachlässigt und missachtet. Sie hegen außerdem tiefes Misstrauen gegen die Schiiten-Milizen, die Menschenrechtlern zufolge sunnitische Zivilisten terrorisiert haben. Die IS-Miliz hat zudem demonstriert, was jenen droht, die sich gegen sie stellen: Viele Männer, Frauen und Kinder aus widerspenstigen Stämmen wurden als Warnung vor Widerstand umgebracht.

Iraks Ministerpräsident Haider al-Abadi hat sich nach dem spaltenden Kurs seines Vorgängers Nuri al-Maliki um Ausgleich bemüht. Er strebt eine neue Nationalgarde an, in Anlehnung an die Sahwa, die damalige Bürgerwehr sunnitisch-arabischer Stammeskrieger gegen die Al-Kaida. Aber viele Schiiten in Al-Abadis Führungsmannschaft misstrauen den Stämmen, halten sie für ein Überbleibsel der brutalen Herrschaft der von Sunniten dominierten Regierung von Saddam Hussein.

Irakische Kurden und nicht-irakische Kurden

Die Kurden haben sich als die disziplinierteste und am stärksten vereinte Kraft im Kampf gegen den IS erwiesen. Aber sogar in ihren Reihen gibt es Spaltungen, die ihren Einsatz untergraben könnten.

Kurdische Milizionäre der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in der Türkei und der in Syrien ansässigen Volksschutzeinheiten (YPG) sind über die Grenze gekommen und haben sich außerhalb der vom IS kontrollierten nordirakischen Stadt Sindschar zusammengeballt. Die kurdischen Peschmerga-Kämpfer sind seit Saddams Herrschaft ein enger US-Verbündeter. Aber die PKK, die mit blutiger Gewalt Autonomie kurdisch besiedelter Gebiete im Nato-Land Türkei erzwingen will, wird von Washington als Terrororganisation eingestuft.

Die Volksschutzeinheiten haben derweil gegen den Willen der irakischen Kurden Sindschar und umliegende Gebiete zu einem Teil von Rojava erklärt, den kurdisch besiedelten Gebieten in Syrien.

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