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Taliban nehmen Kundus ins Visier: Angst vor "Männern in Schwarz"

Kundus in Angst vor "Männern in Schwarz"  

Die Taliban nehmen Ex-Bundeswehr-Basis ins Visier

22.04.2015, 11:44 Uhr | dpa

Taliban nehmen Kundus ins Visier: Angst vor "Männern in Schwarz". Nach dem Abzug der Bundeswehr entstand ein Sicherheitsvakuum in Kundus. Jetzt sind die Taliban wieder auf dem Vormarsch. (Quelle: Reuters)

Nach dem Abzug der Bundeswehr entstand ein Sicherheitsvakuum in Kundus. Jetzt sind die Taliban wieder auf dem Vormarsch. (Quelle: Reuters)

Eineinhalb Jahre nach dem Abzug der Bundeswehr aus Nordafghanistan schlagen nicht nur Bewohner, sondern auch die Provinzregierung Alarm. "Die Taliban werden immer stärker", sagt Vizegouverneur Hamdullah Daneschi. "Sie werden die gesamte Provinz erobern, wenn unsere Sicherheitskräfte nicht Unterstützung aus der Hauptstadt erhalten."

Zehn Jahre lang hatten die Soldaten der Bundeswehr in Kundus den Afghanen geholfen, für Sicherheit zu sorgen. Nach dem Abzug der Truppe im Herbst 2013 keimte eine vage Hoffnung, dass die Bewohner in der nordafghanischen Provinz alleine die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten könnten.

Vier von sechs Distrikten in Taliban-Hand

In ganz Afghanistan hat sich die Sicherheitslage mit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes zum Jahreswechsel deutlich verschlechtert. In vielen Provinzen blieb die in den letzten Jahren übliche Kampfpause im Winter aus. Vergangene Woche räumte Innenminister Nurulhak Olomi vor einem Parlamentsausschuss ein, dass sich 20 der 34 afghanischen Provinzen durch die Taliban ernsthaft bedroht fühlten.

Auf Kundus hatte Präsident Aschraf Ghani nach seinem Amtsantritt im September einen Schwerpunkt gelegt, um der Eskalation der Gewalt entgegenzusteuern. Für den Posten des Polizeichefs interviewte Ghani vier Kandidaten persönlich, bevor er sich für einen entschied. Viel gebracht hat das nicht: Aus Sicherheitskreisen in Kundus heißt es, die Taliban kontrollierten inzwischen weite Teile von vier der sechs Distrikte in der Provinz.

Die radikalislamischen Aufständischen unterhielten sogar Checkpoints vor den Toren der Provinzhauptstadt Kundus. Am Dienstag stellte sich heraus, dass ein deutscher Entwicklungshelfer in Kundus vermisst wird, womöglich wurde er entführt.

Frauen unterstützen "Männer in Schwarz"

Vize-Gouverneur Daneschi sagte, viele ausländische Kämpfer seien in die Provinz eingesickert, als die pakistanische Armee im vergangenen Jahr ihre Offensive gegen Extremisten im Grenzgebiet begonnen habe. Sie machten nun mit den örtlichen Taliban gemeinsame Sache. Arbab Hakim aus dem Unruhedistrikt Char Darah, sagt über die Ausländer: "Sie tragen schwarze Uniformen." Die Fremden hätten viel Geld. "Und sie haben Einfluss auf die einheimischen Taliban-Gruppen."

Hadschi Nuruddin, der aus demselben Distrikt stammt, sagt, Dorfbewohner würden von den "Männern in Schwarz" terrorisiert, die vor allem Kämpfer aus Tschetschenien und der Islamischen Bewegung Usbekistans seien. Auch Frauen befänden sich darunter, die den Kämpfern dabei behilflich seien, Sprengfallen zu legen oder Häuser zu durchsuchen. "Sie bilden auch einheimische Frauen in sogenannten islamischen und Dschihad-Themen aus."

Zwang einer "Dschihad-Gebühr"

Nuruddin berichtete, die Extremisten würden die Dorfbewohner zwingen, eine "Dschihad-Gebühr" zu entrichten - er habe umgerechnet 800 Euro bezahlen müssen. Und sie verböten den Menschen, für die Regierung zu arbeiten. "Diese neuen Kämpfer sind sehr grob und ungesittet, sie mischen sich in unsere persönlichen Angelegenheiten ein. Die einheimischen Taliban haben die Dorfbewohner gut behandelt, aber die Neuankömmlinge können nur töten."

Dorfbewohner berichteten, in Char Darah seien in den vergangenen sechs Monaten mindestens zehn Stammesälteste und andere einflussreiche Persönlichkeiten getötet worden.

Regierung "Schwach wie nie"

Ein einheimischer Taliban-Kommandeur aus Kundus sagt mit Blick auf die afghanische Armee: "Die Stimmung bei den Sklaven-Soldaten ist sehr schlecht, sie fliehen aus der Gegend, sobald wir anfangen zu kämpfen." Die Regierung in Kabul sei schwach wie nie. "Wir können im Sommer leicht ganz Kundus und andere Provinzen im Norden erobern."

Das könnte man als die übliche Taliban-Propaganda abtun - wären da nicht die Warnungen von Regierungsvertretern: Provinzgouverneur Mohammad Omar Safi drohte im vergangenen Monat mit Rücktritt, sollte Kabul nicht Verstärkung schicken. Sein Stellvertreter Daneschi sagte, inzwischen seien die ausländischen Kämpfer und die lokalen Taliban "mit besseren Waffen ausgerüstet als die Sicherheitskräfte".

Sicherheitsvakuum nach Abzug der Bundeswehr

Ein hochrangiger Polizist in Kundus, der nicht namentlich genannt werden wollte, sagt: "Als die deutschen Soldaten das Land verließen, entstand ein Sicherheitsvakuum." Mit dem Abzug der Bundeswehr habe auch die Luftunterstützung für die afghanischen Sicherheitskräfte aufgehört. Der Polizist meint, die Sicherheitslage sei so schlecht wie nie seit Beginn des internationalen Militäreinsatzes vor gut 13 Jahren. Vizegouverneur Daneschi sieht das nicht anders. "Das ist die schlimmste Situation in Kundus seit 2002."

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