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Islamischer Staat treibt Chemiewaffen-Programm voran

Geheimdienste schlagen Alarm  

IS treibt sein Chemiewaffen-Programm voran

20.11.2015, 13:54 Uhr | AP

Islamischer Staat treibt Chemiewaffen-Programm voran. IS-Kämpfer in Syrien. (Quelle: dpa)

IS-Kämpfer in Syrien. (Quelle: dpa)

Bei den Geheimdiensten schrillen die Alarmglocken: Der IS arbeitet offenbar mit Nachdruck an der Produktion eigener Chemiewaffen. Das würde dem Terror ein neues, noch schrecklicheres Gesicht geben.

Die Dschihadstenmiliz Islamischer Staat baut nach Angaben von irakischen und amerikanischen Geheimdienstlern derzeit eine eigene Untergruppierung auf. Sie soll sich mit Hilfe irakischer, syrischer und anderer Wissenschaftler aus der Region explizit auf Forschung und Experimente konzentrieren - mit dem Ziel, eigene Chemiewaffen herstellen und auch einsetzen zu können.

Das könnte dem Terror der Extremisten eine neue Dimension hinzufügen - nicht nur im Nahen Osten. Schließlich haben die Extremisten mit ihren jüngsten Anschlägen in Paris unterstrichen, dass sie auch größere westliche Städte im Fadenkreuz haben. So warnte denn auch Frankreichs Regierungschef Manuel Valls kürzlich in der Nationalversammlung vor dem Risiko, dass Attentäter chemische Waffen benutzen könnten. Von einer spezifischen Bedrohung sprach er aber nicht.

Keine gesicherten Informationen über Chemiewaffen-Programm

In jüngerer Vergangenheit gab es immer wieder Hinweise, dass der IS Senfgas gegen kurdische Kämpfer im Irak und in Syrien eingesetzt hat. Wie weit das Chemiewaffen-Programm der Extremisten wirklich ist, weiß derzeit angesichts der rapiden Ausweitung der vom IS kontrollierten Gebiete jedoch niemand genau. 

"Sie haben jetzt völlige Freiheit, Orte für ihre Labors und Produktionsstätten auszusuchen, und sie verfügen über eine Vielfalt von militärischen und zivilen Experten, die ihnen helfen können", sagte ein hochrangiger irakischer Geheimdienstbeamter, der anonym bleiben wollte.

Irakische Stellen haben ganz klar die Befürchtung, dass der IS den Einsatz von Chemiewaffen über Senfgas hinaus ausweiten könnte. So gab das Militär im Sommer Gasmasken an westlich und nördlich von Bagdad stationierte Truppen aus, wie ein General schilderte. Und nach Angaben von Hakim al-Samili, der den Verteidigungsausschuss des Parlaments in Bagdad leitet, erhielten die irakischen Streitkräfte von Russland unlängst 1000 Schutzanzüge.

IS rekrutiert gezielt Wissenschaftler

Al-Samili zufolge ist es dem IS gelungen, eine Reihe von einheimischen und ausländischen Chemie-Experten für sich zu gewinnen, darunter Wissenschaftler, die einst im Dienst des irakischen Diktators Saddam Hussein standen. Zu den ausländischen Helfern zählten Experten aus Tschetschenien und Südostasien, sagen irakische Geheimdienstbeamte.

Nach Angaben von Al-Samili hat der IS kürzlich Forschungslabors, Wissenschaftler und Material aus dem Irak an "gesicherte Orte" in Syrien verlegt - anscheinend aus Sorge, dass es früher oder später einen Befreiungsangriff auf die 2014 von der Terrormiliz eroberte nordirakische Stadt Mossul geben könnnte.

Irakischer Geheimdienst: "Bedrohung für die ganze Welt"

Der IS arbeite "sehr ernsthaft" auf die Produktion von chemischen Waffen, insbesondere Nervengas, hin, sagt Al-Samili. "Das würde nicht nur den Irak bedrohen, sondern die ganze Welt."

US-Geheimdienstbeamte bezweifeln indes, dass die Extremisten technisch in der Lage sind, Nervengas oder biologische Kampfstoffe herzustellen. Ein europäischer Offizieller mit Zugang zu geheimdienstlichen Erkenntnissen über die IS-Programme sieht das ähnlich. Bisher, so sagt er, habe der IS bisher auch nur Senfgas in kleinen Mengen produziert - und die Qualität sei schlecht gewesen.

Der pensionierte General Richard Zahner, von 2005 bis 2006 amerikanischer Top-Geheimdienstoffizier im Irak, weist darauf hin, dass auch die Terrororganisation Al-Kaida zwei Jahrzehnte lang an der Entwicklung von Chemiewaffen gearbeitet habe - aber vergeblich. Allerdings, so Zahner, hätten die US-Geheimdienstbehörden den Islamischen Staat ständig unterschätzt.

Nicht nur habe sich die Gruppe als fähiger und innovativer erwiesen als Al-Kaida. Sie sei auch reicher. Angesichts dessen und der Unterstützung durch Experten aus der Saddam-Ära sei es eine realistische Möglichkeit, dass der IS ein "begrenztes" Programm für den Einsatz in Kampfgebieten auf die Beine stellen könnte.

IS verspricht sich einen "raschen Sieg"

2013 hatte die Gruppe selbst "bedeutenden Fortschritt" bei der Produktion von Chemiewaffen vermeldet. So jedenfalls lautete nach Angaben aus Geheimdienstkreisen die Formulierung in einem Bericht von Samir al-Chalifawi, einem ranghohen Stellvertreter von IS-Führer Abu Bakr al-Bagdadi. Chemische Waffen würden einen "raschen Sieg" sicherstellen und "unsere Feinde terrorisieren", hieß es darin weiter. Aber nötig sei zunächst "ein sicheres Umfeld, um Experimente durchzuführen", fügte Al-Chalifawi hinzu. Der Extremist wurde 2014 von Rebellen in Syrien getötet.

Ebenfalls 2013 führten irakische Sicherheitskräfte nach einem Tipp von amerikanischer Seite eine Razzia in einem geheimen Chemiewaffen-Forschungslabor im hauptsächlich sunnitischen Bagdader Stadtbezirk Al-Dura durch. Dabei wurden irakischen Geheimdienstbeamten zufolge zwei Extremisten festgenommen: der eine mit einem Universitätsabschluss in Chemie, der andere - einst Mitarbeiter von Saddam Husseins Behörde für militärische Industrialisierung - ein studierter Physiker. Allerdings ist umstritten, ob die beiden mit dem IS zusammenarbeiteten oder allein, wie die irakischen Offiziellen sagen.

Syrische Regierung verweigert Kooperation

Klagen gibt es in Bagdad über mangelnde syrische Kooperation. Als Beispiel wird der Fall des irakischen Dschihadisten und Waffenexperten Siad Tarek Ahmed angeführt. Er sei 2010 nach Syrien geflohen, nachdem irakische Sicherheitskräfte in seinem Haus eine Razzia durchgeführt und dort große Mengen von Material zur möglichen Herstellung von Senfgas gefunden hätten. Im vergangenen Jahr sei Ahmed, der mit verschiedenen dschihadistischen Gruppen zusammengearbeitet habe, in Syrien festgenommen worden. Die syrische Regierung habe sich geweigert, ihn an den Irak zu überstellen und ihn dann im vergangenen Monat freigelassen.

"Das ist eine sehr ernste Entwicklung", so einer der irakischen Beamten, der eine der wichtigsten Terrorabwehrbehörden leitet. "Seine Freilassung hat unsere Besorgnisse noch wesentlich verstärkt."

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