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Paris-Attentäter Abdeslam: "Partytyp in Armani und Gucci"

Spiegel.TV-Doku "Terror-Brüder Abdeslam"  

"Das waren nette Jungs, die nie Probleme gemacht haben"

29.11.2015, 14:46 Uhr | t-online.de

Paris-Attentäter Abdeslam: "Partytyp in Armani und Gucci". "Ganz normale Jungs" - Der flüchtige 28-jährige Salah (l.) und der tote 31-jährige Brahim Abdeslam.  (Quelle: Spiegel.TV (Screenshot))

"Ganz normale Jungs" - Der flüchtige 28-jährige Salah (l.) und der tote 31-jährige Brahim Abdeslam. (Quelle: Spiegel.TV (Screenshot))

Von Alexander Reichwein.

Am 13. November 2015 überfiel ein Killer-Kommando Paris und traf das Innerste, wofür unsere offene und freie Gesellschaft steht. Zurück bleiben 130 Tote. Und Fragen, die sich die Macher einer "Spiegel.TV"-Doku stellen: Wer waren die Mörder? Was trieb sie an? Und: Welche Folgen hat das?  

Die Autoren fragen aber nicht nur nach der Wehrhaftigkeit der Demokratie, die dem Terror nicht zum ersten Mal die Stirn bieten muss. Vor allen Dingen zeichnen sie ein vielschichtiges Bild von Dschihadisten-Netzwerken, die quer durch Westeuropa liefen. Von Geheimdiensten und Polizei, die ihr Bestes täten – aber Fehler machten. Und von einer freien, aber keineswegs perfekten westlichen Gesellschaft, die ihre eigenen Opfer produziere – von denen dann einige wenige zu Tätern würden und gegen jene Gesellschaft und deren Werte kämpften.

Versuch eines Täter-Profils

Alle Pariser Attentäter, das steht fest, kamen aus Vororten von Paris oder Brüssel. Aus einem Umfeld, in dem laut Experten und Insidern ein Teufelskreis aus Armut, Gewalt und Kriminalität sowie aus Arbeits- und Perspektivlosigkeit herrsche. Und in dem es, auch das ist ein Allgemeinplatz, eine hohe Anfälligkeit junger Menschen für jedwede radikale Ideologien gäbe. Die meisten der Attentäter, auch das ist aktenkundig, waren vorbestraft und wegen Verbindungen in die Islamistenszene bereits im Fokus von Polizei und Geheimdiensten.

Gleichzeitig, das sagen interviewte Nachbarn, lebten die Täter im Kreise ihrer Familien und Freunde. Sie hatten eine geregelte Arbeit, trugen laut Freunden Marken-Kleidung und feierten Partys in Bars, wie ihre späteren Opfer. Die wenigen aus dem Umfeld der Täter, die sich der Kamera stellen, sprechen einhellig von "jungen Männern, die ein normales Leben führten". So wie die Abdeslam-Brüder.

Zwei Gesichter der Attentäter  - "Nette Jungs, die Opfer wurden"

Brahim Abdeslam lebte wie sein flüchtiger Bruder Salah im Brüsseler Problemviertel Molenbeek – Behörden sprechen von einer Islamisten-Hochburg, Drogenhandel, Kriminalität und Jugendarbeitslosigkeit seien dort an der Tagesordnung. Auch der 31-jährige Franzose Brahim war mehrfach vorbestraft wegen Urkundenfälschung und Hehlerei.

Der belgische Islamwissenschaftler Peter van Ostayen, der die Szene seit langer Zeit beobachtet und junge Islamisten in Gefängnissen betreut, beschreibt die Gefühlswelt der jungen Männer aus Molenbeek wie folgt: "Sie fühlen sich von der Gesellschaft ausgestoßen und als Bürger zweiter Klasse behandelt, die keiner haben will und die keinen Platz in der Gesellschaft gefunden haben."

Nachbarn und Freunde der Abdeslam-Brüder sind vor der Kamera zudem überzeugt: "Das waren nette Jungs, die nie Probleme gemacht haben. Es ist nicht ihre Schuld, was passiert ist. Sie sind Opfer von Hintermännern."

Suche nach Platz in der Gesellschaft

Genau das, einen Platz in der Gesellschaft, wollte der belgische Staat Brahim Abdeslam bieten. Nach der letzten Gerichtsverhandlung entschied der Richter, ihn nicht erneut zu verurteilen, sondern ihm die Chance auf Resozialisierung zu geben.

Der 31-jährige habe anschließend “ein normales Leben geführt“, wie sein Anwalt sagt, in einer festen Beziehung und mit einer neu eröffneten Bar. Er sei "auf dem richtigen Weg“ gewesen, so sein Anwalt weiter. Dieser Weg endete am 13. November in Paris. Dort sprengte sich Brahim Abdeslam nach dem Massenmord in einem Café in die Luft.

"Partytyp in Armani und Gucci"

Salah Abdeslam ist seit den Anschlägen auf der Flucht. Auch der 26-Jährige war laut Aussagen seiner Freunde ein ganz normaler junger Mann. Sie beschreiben ihn als Partytyp, der mit Frauen ausgegangen sei, Alkohol getrunken und Armani und Gucci getragen habe. Von einer Sympathie für den IS will keiner etwas gewusst oder bemerkt haben.

Sein Freund Achmed sagt vor der Kamera, er habe keinerlei Veränderung an Salah bemerkt. Dieser habe weder einen Bart noch traditionelle muslimische Kleidung getragen. Der junge Mann hatte Salah in der Terrornacht nach einem Telefonanruf in Paris abgeholt - wegen einer angeblichen Reifenpanne. Erst auf dem Rückweg nach Molenbeek, so Achmed weiter, habe er verstanden, was passiert ist. Er habe Salah dann in Brüssel abgesetzt – und seitdem nichts mehr von ihm gehört.

Der Drahtzieher – Hass auf den Westen

Nach allem, was die Ermittler heute wissen, steckt Abdelhamid Abaaoud hinter den Pariser Attentaten. Er gilt Experten als Prototyp jener jungen Männer, die sich gesellschaftlich ausgegrenzt fühlten, radikalisierten und schließlich in den "Heiligen Krieg" zögen, um Rache an der Gesellschaft zu nehmen. Seine Geschichte, die für den 28-Jährigen bei einem Anti-Terroreinsatz in Saint Denis tödlich endete, lässt für Terror-Experten und Forscher Rückschlüsse auf die Motive der Islamisten zu. Und sie deckt Fehler einer überheblichen westlicher Politik, die ihre Werte in Afghanistan oder dem Irak ebenfalls gewaltsam verbreiten will, sowie Schwachstellen unseres Systems auf.

Der Belgier mit marokkanischen Wurzeln wurde in Anderlecht geboren und wuchs in Molenbeek auf. Aufgrund zahlreicher Pannen der Dienste und bei Grenzkontrollen reiste der selbsternannte “Allah Abu Omar Al-Belgiki“ in den letzten Jahren mehrfach zwischen Syrien und Belgien hin und her - ohne jede Einschränkung oder Kontrolle seitens der Dienste.

In Syrien, das belegen Abaaouds selbst hinterlassene Spuren im Netz, führte er eine IS-Einheit an. Diese tötete "Abtrünnige" und "Feinde Allahs", wie Abaaoud seine Opfer nannte, über die er sich in seinen Propagandavideos lustig machte. Und er drohte allen "Ungläubigen" mit Vergeltung für die Nahostpolitik "der Kreuzfahrer-Nation Amerika" und ihrer Verbündeten, die eine ganze Region ins Chaos gestürzt habe. Anschläge hat er laut französischen und belgischen Diensten schon vor Paris organisiert und umgesetzt – und das, obwohl US-Geheimdienste seit Jahren vor Abaaoud warnten.  

Über die Motive der jungen Männer, sich dem Dschihad anzuschließen, kann man nur spekulieren: Ist es das Gefühl, in der alten Welt fremd zu sein und in der neuen Welt eine Heimat unter Gleichgesinnten zu finden und eine Aufgabe zu erfüllen? Hass auf die westliche Gesellschaft, in der man groß geworden, aber nie angekommen ist und in der angeblich kein Platz war? Oder Abenteuerlust junger Krieger, die sich von der Propaganda und PR-Maschinerie des IS locken und blenden ließen, wie Rachel Bryson NGO von der "Quilliam Foundation" in London vermutet.

Westen spielt Dschihadisten in die Karten

Letztlich wird sehr deutlich, wie verletzlich westliche Gesellschaften sind. Nicht nur kommen die Täter aus den eigenen Reihen. Experten wie van Ostayen oder der ehemalige französische Geheimdienstoffizier und Terror-Experte Alain Rodier halten Sicherheitsbehörden und Polizei für zu schlecht ausgerüstet im Kampf gegen Islamisten – und personell unterbesetzt. Überdies spreche kaum ein Ermittler arabisch und habe kaum Zutritt in Umfelder wie Molenbeek.

Trotzdem demonstriert der Staat seine vermeintliche Wehrhaftigkeit. Schwerbewaffnete Polizei und Militärs patroullieren durch die Straßen von Paris oder Brüssel. Eine ganze Gesellschaft scheint im Ausnahmezustand, eine Kriegsfront mitten durch westliche Großstädte zu verlaufen, und beinahe jedes Mittel im Anti-Terrorkampf recht zu sein.

Die Folgen seien ein gefährlicher Generalverdacht gegen Muslime, die in Sippenhaft genommen würden. Menschen könnten willkürlich verdächtigt und festgenommen werden. Und es mache sich eine gefährliche Stimmung gegen den Islam in der Bevölkerung breit. Genau das, so "Spiegel.TV"-Reporter Christoph Reuter, spiele den klugen strategischen Köpfen des IS in die Karten, wenn sie das nächste Selbstmordkommando ideologisch ausbilden und gegen die als ungläubige Feinde im Westen stilisierten Menschen losschicken.

Nahezu beängstigend ist die aus Expertensicht neue Strategie der Dschihadisten. Rodier sieht den IS in Syrien und Irak mit Problemen konfrontiert und auf dem Rückzug. Daher werde der Kampf nach Europa getragen – ohne Rücksicht auf Verluste, auch in den eigenen Reihen. Wie dieser neue Krieg aussieht, ist spätestens seit Paris bekannt.

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