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Terror in Brüssel: "Jemand aus dem Polizeiapparat hat gepatzt"

Terroranschläge in Brüssel  

"Jemand aus dem Polizeiapparat hat gepatzt"

26.03.2016, 11:42 Uhr | AFP, dpa, t-online.de

Terror in Brüssel: "Jemand aus dem Polizeiapparat hat gepatzt". Im Vorfeld der Anschläge in Brüssel ist es wohl zu einem schweren Fehler in der belgischen Polizeiarbeit gekommen. (Quelle: dpa)

Im Vorfeld der Anschläge in Brüssel ist es wohl zu einem schweren Fehler in der belgischen Polizeiarbeit gekommen. (Quelle: dpa)

Auf die erste Welle der Trauerbekundungen nach den Anschlägen in Brüssel folgte die Kritik an den belgischen Behörden. Jetzt steht offenbar fest: Menschliches Versagen führte zu Lücken im Sicherheitsapparat. Ein belgischer Polizist in Istanbul hat nach Angaben der Regierung den Informationsfluss über einen der Attentäter zwischen beiden Ländern verschleppt.

"Jemand aus dem Polizeiapparat hat gepatzt", sagte Belgiens Innenminister Jan Jambon laut Nachrichtenagentur Belga. Der Minister fordert nun ein Disziplinarverfahren gegen den beschuldigten Beamten.

Der Verbindungsbeamte habe "mindestens nachlässig und weder sehr proaktiv noch sehr engagiert" gehandelt, als die türkischen Behörden Angaben zu Ibrahim El Bakraoui gemacht hätten, erklärte Jambon vor Parlamentariern. Der Mann habe "einen Fehler gemacht", was "inakzeptabel" sei.

"Er hat nichts unternommen"

Jambon gab an, El Bakraoui sei am 11. Juni im türkischen Gaziantep an der Grenze zu Syrien festgenommen worden, worüber der belgische Verbindungsbeamte in Istanbul am 26. Juni informiert worden sei. Drei Tage später habe der Polizist die Informationen nach Brüssel weitergeleitet.

Die dortige Antiterrorbehörde habe daraufhin um weitere Informationen über den in Belgien wegen kleinerer Delikte verurteilten El Bakraoui gebeten. Bis zum 20. Juli sei jedoch nichts geschehen. "Der Verbindungsoffizier hat nichts unternommen, es gab seinerseits keine Kommunikation mehr", sagte Jambon.

Vorwürfe aus der Türkei

Die Türkei hatte Belgien zuvor vorgeworfen, Warnhinweise über den des Landes verwiesenen El Bakraoui ignoriert zu haben. Am Freitag bekräftigte Staatschef Recep Tayyip Erdogan die Kritik. Die belgischen Behörden hätten "nicht das Notwendige unternommen", sagte er.

El Bakraoui und ein weiterer Selbstmordattentäter, Najim Laachraoui, hatten sich am Dienstag am Flughafen Brüssel-Zaventem in die Luft gesprengt. Rund eine Stunde später verübte El Bakraouis Bruder Khalid in einer U-Bahnstation einen Selbstmordanschlag. Insgesamt kamen mindestens 31 Menschen ums Leben, etwa 300 weitere wurden verletzt.

Belgiens Justizminister Koen Geens, der sich am Freitag ebenfalls im Parlament äußerte, hatte angegeben, die Regierung sei im Sommer erst nach der Rückkehr El Bakraouis von dessen Abschiebung durch die Türkei informiert worden. Allerdings sei die belgische Botschaft im Juni über die Festnahme informiert worden.

Erdogan zufolge hatten die türkischen Behörden Belgien gewarnt, dass es sich bei dem abgeschobenen Mann um einen "ausländischen terroristischen Kämpfer" handle. Die belgischen Behörden hätten dies jedoch nicht bestätigen können und den Mann nach seiner Abschiebung freigelassen.

Athener Polizei soll Pläne zu Brüssel-Anschlag entdeckt haben

Neben Hinweisen aus der Türkei im Vorfeld der Anschläge könnte es außerdem Informationen aus Griechenland gegeben haben, die auf eine konkrete Gefahr hindeuteten: Die griechische Polizei soll bereits im Januar 2015 in zwei Wohnungen in Athen Pläne entdeckt haben, die auf einen Terroranschlag auf dem Flughafen von Brüssel hindeuteten.

Schon damals seien die belgischen Behörden informiert worden, berichtete der Athener Nachrichtensender Skai unter Berufung auf die griechische Polizei. Unter anderem hätten die Beamten damals eine Karte des Flughafens von Brüssel gefunden. Eine offizielle Erklärung der Polizei dazu gab es zunächst nicht.

Dem Bericht zufolge wurden die Unterlagen in Wohnungen entdeckt, die von Islamisten angemietet worden waren. Nach den Anschlägen von Paris im November habe sich herausgestellt, dass es sich bei einem der Männer um Abdelhamid Abaaoud gehandelt habe, meldete der Sender. Abaaoud gilt als mutmaßlicher Drahtzieher der Pariser Anschläge mit 130 Toten. Polizisten hatten ihn im November wenige Tage nach der Terrorserie bei einem dramatischen Einsatz im Pariser Vorort Saint-Denis getötet.

Sicherheitsbehörden "offensichtlich überfordert"

Auch aus Deutschland hatte es nach den Terroranschlägen in Brüssel Kritik in Richtung Belgien gehagelt: "Erschreckend ist, dass die belgischen Behörden von den Vorbereitungen offenbar nichts mitbekommen haben", sagte der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Die Islamisten-Szene in dem Nachbarland drohe zu "entgleiten".

Der Terrorismus-Experte Guido Steinberg sprach im Sender n-tv von "offensichtlich überforderten" Sicherheitsbehörden und "ganz großen Lücken" in Belgien. Ähnlich kritisch äußerte sich auch sein Kollege Rolf Tophoven im Gespräch mit t-online.de. Im Zusammenhang mit dem Brüsseler Brennpunktviertel Molenbeek warf Tophoven, den Brüsseler Sicherheitsbehörden vor, dort jahrelang weggeschaut zu haben.

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