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Anschlag in Istanbul: Darum schweigt der Islamische Staat

Anschlag von Istanbul  

Das geheimnisvolle Schweigen des IS

01.07.2016, 11:38 Uhr | ckr, t-online.de

Anschlag in Istanbul: Darum schweigt der Islamische Staat. Nach dem Anschlag: Polizisten am Atatürk-Flughafen in Istanbul. (Quelle: AP/dpa)

Nach dem Anschlag: Polizisten am Atatürk-Flughafen in Istanbul. (Quelle: AP/dpa)

Normalerweise bekennen sich Terroristen dazu, wenn sie Anschläge begehen – so auch der Islamische Staat (IS). Nur bei Attentaten in der Türkei schweigt die Terrororganisation merkwürdigerweise. t-online.de hat mit Experten über die Gründe gesprochen.

IS-typischer als am Atatürk-Flughafen von Istanbul hätte der Anschlag vom Dienstagabend kaum ablaufen können: Drei Attentäter gehen koordiniert vor. Der eine stiftet mit der ersten Attacke im Eingangsbereich Verwirrung. Die nutzt der zweite und gelangt ins Gebäude. Der dritte schließlich sprengt sich vor der Abflughalle in die Luft. Dazu die Auswahl des Ziels, die mörderische Kombination aus Feuerwaffen und Sprengstoff – die ganze Aktion stinkt förmlich nach dem IS.

IS bekennt sich lieber einmal zu viel

Das weiß die türkische Regierung ebenso wie internationale Geheimdienste und Terrorexperten. Ein Bekennerschreiben liegt allerdings bis jetzt nicht vor. Ähnlich war es bei bisherigen Anschlägen in der Türkei, die dem IS zugeschrieben werden: dem Massenmord in der Grenzstadt Suruc im vergangenen Juli oder auch dem Attentat auf deutsche Touristen in Istanbul vergangenen Januar.

Das Schweigen ist eigentlich unlogisch: Terrorismus, sagen Fachleute, ist eine Kommunikationsstrategie. Sie besagt: Wenn wir nicht wollen, seid Ihr nirgends sicher. Sich nicht zu bekennen, verdirbt diese Strategie.

Ein Beispiel: Bei den NSU-Morden in Deutschland gingen Ermittler Jahre lang von Mafia-Taten aus. Dass dahinter Nazis steckten, die ausländisch-stämmige Menschen mit ihrem Terror vertreiben wollten, hatte bis zuletzt niemand auf dem Schirm.

Und eigentlich bekennt sich auch der IS lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Nach den Anschlägen von Paris und Brüssel dauerte es nicht lange und die Terrororganisation brüstete sich öffentlich mit ihren Massenmorden.

Selbst Mitläufer wie beispielsweise der Täter von Orlando, der im Juni 51 Menschen in einem Schwulenclub ermordete, können sich sicher sein: Wenn sie behaupten, im Namen des IS zu handeln, werden die Terror-Führer im Irak und Syrien das bestätigen.

"Letzte Gewissheit vorenthalten"

Warum also ist das im Fall der Türkei anders? "Sie dokumentieren nur durch Ihre Vorgehensweise, dass sie es waren", hat auch Rolf Tophoven beobachtet. Der Leiter des Essener "Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik" glaubt: "Das Schweigen hat taktische Gründe." Indem der IS der Türkei "die letzte Gewissheit" vorenthalte, versuche er, auf der sicheren Seite zu bleiben.

Auch der Mainzer Nahostexperte Günther Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz, hält das Schweigen für "durchaus bemerkenswert".

"Erdogan", erklärt Meyer, "hat den IS lange unterstützt." Wegschauen bei Menschen- und Waffenlieferungen, ein Krankenhaus nur für den IS direkt an der türkischen Grenze sowie Ölkäufe hätten die Führer des Terrorstaates bei Laune gehalten.

Der Grund für die Hilfe: IS und Türkei bekämpfen die selben Gegner: das Regime des syrischen Diktators Baschar al-Assad und die Sieger von Kobane: die in Nordsyrien mächtigen Ableger der kurdischen PKK

Durch den Druck des Nato-Partners USA hätten die Türken ihre Strategie ändern müssen und unterstützten nun die Anti-IS-Allianz – vor allem durch den Luftwaffenstützpunkt Incirlik, von dem aus viele der Attacken gegen die Terroristen geflogen werden.

Markiert der Anschlag einen Wendepunkt?

Dafür rächen sich die Truppen des "Kalifen Ibrahim" nun mit Anschlägen. Anschläge bei denen jeder weiß, wer dahinter steckt, aber immer eine gewisse Restunsicherheit bleibt. "Sie wollen durch ihr Schweigen verhindern, dass die Türkei direkt zum Angriff übergeht", sagt Meyer.

Den letzten Grund, die Grenzen und Krankenhäuser dicht zu machen und die Gruppe direkt anzugreifen, verweigert der IS dadurch. Zudem fürchte er ganz massiven Druck auf seine Unterstützer- und Schläferzellen, glaubt Tophoven.

Meyer gibt zu bedenken: "Es besteht auch immer noch die Möglichkeit, dass hinter dem Flughafenanschlag zwar ein IS-Sympathisant steckt, der aber ohne Auftrag gehandelt hat."

Wird Istanbul dennoch zum Wendepunkt? Greift jetzt auch die Türkei den IS direkt an? Obwohl Erdogan dem IS mit der Vernichtung droht, dürfte er sehr vorsichtig sein. In seinem Land hat der IS viele Unterstützer. Echte Angriffe, mit dem Ziel, den Kalifatsstaat zu vernichten, dürften daher noch auf sich warten lassen. Unter der Oberfläche aber könnte jetzt einiges in Gang kommen.

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