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Anschlag in Dhaka: Ein Augenzeuge berichtet

Anschlag von Dhaka  

"Wir werden hier einer nach dem anderen ermordet"

04.07.2016, 10:32 Uhr | ckr, t-online.de

Anschlag in Dhaka: Ein Augenzeuge berichtet. Menschen trauern in Dhaka vor dem Restaurant, in dem 20 Geiseln starben. (Quelle: Reuters)

Menschen trauern in Dhaka vor dem Restaurant, in dem 20 Geiseln starben. (Quelle: Reuters)

28 Menschen sind in der Nacht auf Samstag bei einer Geiselnahme in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka gestorben. 22 von ihnen waren Opfer, sechs davon Täter aus den Reihen des Islamischen Staates - Zahlen, die angesichts der täglichen Terrormeldungen nur wenig Mitgefühl auslösen. Es sei denn, hinter den Zahlen tritt ein Einzelschicksal zutage. So wie das von Tarishi Jain. 

Jain ist eines von 22 Opfern, die Terroristen des Islamischen Staates in dem Hipster-Restaurant "Holey Artisan Bakery" ermordet haben. Vor ihrem Tod konnte sie noch ihren Vater anrufen. Ihre letzten Worte, über die mehrere indische Zeitungen unter Berufung auf die Familie berichten, sind erschütternd.

Viele tragen Folterspuren 

Gegen 1:30 in der Nacht klingelt das Handy von Sanjiv Jain. Tarishi ist dran. Ihre Stimme klingt panisch, berichtet ihre Familie später. Im Hintergrund hört der Vater das Rattern automatischer Waffen. 

Die 19-Jährige erzählt, sie habe sich mit ihren beiden Freunden, dem geborenen Bangladeschi Faraaz Hossain und der Studentin Abinta Kabir aus Florida in der Toilette des Restaurants eingeschlossen. 

Stunden vorher haben sieben einheimische IS-Terroristen das Lokal betreten. Wer nicht auf der Stelle flieht, wird gefangen genommen. Die Terroristen lassen die Geiseln Koran-Suren zitieren. Wer sich als Moslem ausweisen kann, wird in Ruhe gelassen, erhält später sogar Essen und Wasser. 

Die anderen werden ins Obergeschoss geführt und nach und nach ermordet - laut Polizeiangaben viele von ihnen mit Macheten und Messern. Etliche seien vorher gefoltert worden, auch Tarishi, werden Polizeibeamte zitiert. Man habe jedenfalls entsprechende Spuren auf ihrem Körper gefunden.

Der Anruf wird beantwortet, doch niemand meldet sich 

Irgendwann in dieser Nacht gelingt es Tarishi und ihren zwei Freunden offenbar, sich davon zu schleichen und sich in der Toilette zu verstecken. Von dort kommt auch der Anruf. 

"Ich habe große Angst", sagt sie ihrem erstarrten Vater. "Ich weiß nicht, ob wir hier lebend rauskommen. Die töten alle hier. Ich glaube, wir werden hier einer nach dem anderen ermordet." Dann reißt die Verbindung ab. Sanjiv versucht immer wieder, sein Kind zu erreichen, doch Tarishi antwortet nicht mehr. 

Terror-Opfer Tarishi Jain auf ihrer Facebook-Seite. (Quelle: Facebook)Terror-Opfer Tarishi Jain auf ihrer Facebook-Seite. (Quelle: Facebook)

Der Vater rast zum Ort des Geschehens. Gemeinsam mit anderen wartet er außerhalb des Polizei-Kordons auf Neuigkeiten. Dort, vor dem Restaurant sind zu diesem Zeitpunkt schon zwei Polizisten im Kugelhagel, der aus dem Innern dringt, gestorben.

Einer davon ist der Polizeichef des Nobelviertels Gulshan, in dem das Restaurant steht. Seine Kollegen haben ihn gebeten, er möge die Kordon-Linie nicht ohne kugelsichere Weste überschreiten. Er tut es dennoch und wird Sekunden später tödlich getroffen. 

Sanjiv Jain wartet und wartet. Gegen 6:30 Uhr morgens ruft er erneut das Handy seiner Tochter an. Diesmal wird der Anruf beantwortet, doch niemand sagt etwas.

"Diese Menschen haben keine Religion" 

Erst Stunden später wird die "Bakery" gestürmt. Sechs der Terroristen sterben nun beim Angriff der Polizei. Einer überlebt und wird gefangen genommen. 

Im Innern sehen die Beamten schreckliche Bilder: An manchen Tischen, auf denen noch das Essen vom Vorabend steht, stapeln sich förmlich die Leichen. Neun Italiener sind unter den Toten, sieben Japaner, die US-Studentin Kabir, der Bangladeschi Hossein, der ebenfalls in den USA studiert, Tarishi Jain und ein einheimischer Gast. 

Der Fall der 19-Jährigen indischen Studentin geht heute durch die Presse des Subkontinents und der ganzen Welt. Tarishi Jains Vater - die Familie stammt aus Nordindien - betreibt eine Kleiderfabrik in Bangladesch. Sie selbst studiert in Kalifornien Wirtschaftswissenschaften und hat gerade ein Praktikum in Dhaka absolviert - nahe bei der Familie und dadurch vermeintlich in Sicherheit. 

Für Sonntag hatte die Familie ein großes Treffen in ihrer nordindischen Heimatstadt Firozabad geplant. Jetzt wollen sie die tote Tochter dorthin bringen. "Sie soll nicht in dem Land eingeäschert werden, in dem sie so brutal ermordet wurde", sagt ihr Onkel, Sanjivs jüngerer Bruder Rakesh voller Wut dem "Indian Express". "Die Terroristen haben sie getötet, weil sie Hindu war", fügt er voller Erbitterung hinzu. 

"Diese Menschen haben keine Religion", sagt Bangladeschs Regierunschefin Sheikh Hasina. Kein Gläubiger sei zu solch einer Tat fähig. "Ihre einzige Religion ist Terrorismus", sagte sie. 

Viele werfen Hasina indes vor, das grassierende Terrorismus-Problem im Land ständig zu verharmlosen. Alle paar Wochen werden Blogger ermordet, die die Religion kritisieren - meist werden sie mit Macheten zu Tode gehackt. Auch Ausländer und Angehörige von Minderheiten trifft immer wieder das gleiche Schicksal. 

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