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IS-Terrormiliz verscharrte Abertausende von Menschen in Massengräbern

Die Gräueltaten des IS  

Terrormiliz verscharrte Tausende in Massengräbern

31.08.2016, 10:05 Uhr | Lori Hinant, Desmond Butler, AP

IS-Terrormiliz verscharrte Abertausende von Menschen in Massengräbern. Schon die Zahl der Opfer, von denen man weiß, ist erschütternd: Bis zu 15.000 Menschen hat der IS in Massengräbern verscharrt. (Quelle: AP/dpa)

Schon die Zahl der Opfer, von denen man weiß, ist erschütternd: Bis zu 15.000 Menschen hat der IS in Massengräbern verscharrt. (Quelle: AP/dpa)

Mit unglaublicher Brutalität ermordet der Islamischer Staat (IS ) in Syrien und im Irak Menschen. Massengräber sind Zeugnisse dieser unsäglichen Gräueltaten. 72 davon hat die Nachrichtenagentur AP in einer Recherche dokumentiert - und das ist wohl nur die Spitze des Eisberges.

Rauch und Flammen überall, immer wieder knallen Schüsse. Talal Murat kann fliehen, versteckt sich in einem Bach, stundenlang. Aus der Ferne hört er eine neue Schusssalve und weiß, was sie bedeutet: Kämpfer des IS töten die Männer in seiner Familie.

Auf der anderen Seite des Berges sieht Arkan Kassem durch sein Fernglas, wie gefesselte Männer aus Nachbardörfern erschossen und dann mit Hilfe eines Bulldozers begraben werden. Sechs Tage lang beobachtet er mit Grauen, wie die Extremisten ein Grab nach dem anderen mit seinen Verwandten und Freunden füllen.

Zwei Szenen des Schreckens auf dem Berg Sindschar, am Ende sechs Stellen, an denen mehr als 100 Leichen verscharrt sind. Es ist nur ein Bruchteil der Massengräber, in denen sich der IS im Irak und Syrien seiner Opfer entledigt hat.

72 Massengräber dokumentiert

Mit Hilfe von Exklusivinterviews, Fotos und Recherchen hat die Nachrichtenagentur AP 72 der Massengräber dokumentiert und kartografiert - die bisher umfassendste Studie dieser Art. Und bei dieser Zahl wird es nicht bleiben. Mit dem Schrumpfen des vom IS kontrollierten Territoriums werden wohl viele weitere Gräber entdeckt werden.

In Syrien hat AP bereits 17 Orte mit einem Massengrab ausgemacht, darunter eines, das die Leichen von Hunderten Angehörigen eines einzelnen Stammes enthält - ausgelöscht, als die Dschihadisten die Region besetzten. Im Fall von mindestens 16 Massengräbern im Irak können die Behörden nicht einmal schätzen, wie viele Tote sie enthalten: Sie liegen zumeist in Gebieten, in denen es zu gefährlich ist, die Leichen auszugraben.

In anderen Fällen basieren die Schätzungen auf den Angaben traumatisierter Überlebender, IS-Propaganda und Rückschlüssen nach einem oberflächlichen Blick auf die Erde. Aber schon die Zahl der begrabenen Opfer, von denen man weiß, ist erschütternd: zwischen 5200 und mehr als 15.000.

Zu gefährlich, um zurückzukehren

Sindschar im Irak war die Heimat der Jesiden, einer religiösen Minderheit. Muslimische Extremisten haben sie als Teufelsanbeter gebrandmarkt, der IS griff im August 2014 an. Die Leichen von Talal Murats Vater, Onkeln und Cousins liegen unter den Trümmern des Familienbauernhofs, für Überlebende Verwandte war es bisher zu gefährlich, zurückzukehren, um die Toten zu bergen.

Auf der anderen Bergseite fährt Rascho Kassim täglich an den Gräbern mit den Leichen seiner beiden Söhne vorbei. Die Straße liegt in einem Gebiet, das zurückerobert worden ist, aber die fünf Gräber sind unberührt, durch Seile abgesperrt. Bisher fehlt es an Geld oder dem politischen Willen, die Toten zu exhumieren.

"Wir wollen sie herausholen. Es sind nur noch Knochen zurückgeblieben. Aber sie sagten, 'nein, sie müssen da bleiben, ein Komitee wird später kommen und sie ausgraben'", sagt Kassim. "Es sind schon zwei Jahre, aber niemand ist gekommen."

Dschihadisten prahlen mit dem, was sie anrichten

Der IS selbst hat nicht einmal versucht, seine Gräueltaten zu verbergen. Oft sind die Leichen nur dünn mit Erde bedeckt. Und die Dschihadisten prahlen mit dem, was sie anrichten, haben ihren Massenmord manchmal selbst gefilmt. "Sie enthaupten Menschen, erschießen sie, überrollen sie mit Autos, wenden alle Arten von Tötungstechniken an, und sie versuchen nicht einmal, es zu verbergen", sagt Sirwan Jalal, Leiter einer Behörde im irakischen Kurdengebiet, die für die Massengräber zuständig ist.

Dennoch wird es mit zunehmendem Verfall der Gräber schwieriger nachzuweisen, was UN-Vertreter und andere als andauernden Völkermord bezeichnet haben. "Wir sehen klare Beweise für die Absicht, das jesidische Volk zu vernichten", sagt Naomi Kikoler, die im Auftrag des Holocaust-Museums in Washington kürzlich die Region besucht hat. "Es gibt praktisch keine Bemühungen, die begangenen Verbrechen systematisch zu dokumentieren, die Beweise zu sichern und dafür zu sorgen, dass Massengräber identifiziert und geschützt werden."

Und dann sind da die Gräber, an die man bisher nicht herankommt. Die Horrortaten des IS gehen weit über die Jesiden-Region im nördlichen Irak hinaus. Satelliten etwa bieten den besten Einblick in Massaker wie dem an 600 männlichen Insassen des Badusch-Gefängnisses nahe Mossul im Juni 2014. Fotos, die der US-Analysefirma AllSource Analysis vorliegen, zeigen zusammengescharrte Erde und Reifenspuren - was darauf hindeutet, das dies die Stelle ist, an der das Blutbad geschah.

Nach Augenzeugenberichten wurden die Gefangenen nach Religionszugehörigkeit getrennt. Schiiten wurden auf einen Lastwagen geladen. Nach ein paar Kilometern mussten sie sich am Rand einer Schlucht in einer Reihe auf die Erde knien, dann wurde von hinten auf sie geschossen.

Nur die Spitze des Eisbergs

In Syrien liegt das meiste noch im Dunkeln. Aktivisten glauben, dass es in vom IS kontrollierten Gebieten Hunderte Massengräber gibt, die erst untersucht werden können, wenn die Kämpfe aufgehört haben. Einwohner haben hinter den IS-Linien einige der Massengräber dokumentiert und sogar manche ausgehoben. Einige der schlimmsten fand man in der östlichen Provinz Dair as-Saur. So wurden in einem einzelnen Grab 400 massakrierte Angehörige des Schueitat-Stammes entdeckt.

Die 17 Gräber auf einer Liste, die AP unter anderem anhand von Interviews zusammengestellt hat, sind nur die Spitze eines Eisberges, befürchtet Siad Awad, Redakteur einer Online-Publikation über Dair as-Saur, der versucht, die Gräber in seiner Region zu dokumentieren. "Dies ist ein Tropfen in einem Ozean von Massengräbern, die man vermutlich im künftigen Syrien entdecken wird."

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