Sie sind hier: Home > Politik > Ausland >

Corona-Sonderweg: Schweden zahlt einen hohen Preis

Corona-Sonderweg  

Schweden zahlt einen hohen Preis

22.05.2021, 10:17 Uhr
Corona-Sonderweg: Schweden zahlt einen hohen Preis. Auch in Schweden trägt die Bevölkerung beim Einkaufen Maske: Bei vielen Corona-Maßnahmen setzt die Regierung allerdings auf Eigenverantwortung.  (Quelle: imago images)

Auch in Schweden trägt die Bevölkerung beim Einkaufen Maske: Bei vielen Corona-Maßnahmen setzt die Regierung allerdings auf Eigenverantwortung. (Quelle: imago images)

Die Corona-Lage in Schweden verschärft sich, im europäischen Vergleich hat das Land die traurige Spitze bei den Neuinfektionen übernommen. Dadurch wachsen Kritik und Wut am schwedischen Sonderweg.

Der Frühling ist da, auch in Stockholm. Bei Sonnenschein sitzen zu Beginn der Woche viele Menschen draußen in den Cafés an der Norrström, in den Einkaufszentren sind viele Menschen unterwegs, und in Restaurants sitzen Gäste ohne Masken. Es sind Bilder eines gesellschaftlichen Lebens, die in Deutschland an eine weit vergangene Zeit vor der Pandemie erinnern. Schweden hält an seinem Weg in der Corona-Krise fest: Kaum Lockdown, dafür eine weitestgehend offene Gesellschaft. 

Dabei hat sich die Lage im Land im Zuge der dritten großen Infektionswelle deutlich zugespitzt. Schweden ist mittlerweile im europäischen Vergleich trauriger Spitzenreiter bei den Neuinfektionen, die Intensivstationen sind noch immer an der Belastungsgrenze. Für seinen Sonderweg zahlt Schweden einen hohen Preis, von dem die Wirtschaft kaum profitiert. Während andere Länder in Europa langsam zur Normalität zurückkehren, verharrt das skandinavische Land in dem Schwebezustand.

Das verunsichert die Bevölkerung, und vor allem vonseiten der Wissenschaft wächst die Wut auf den Kurs der Regierung und der Gesundheitsbehörde FHM.

Sieben-Tage-Inzidenz noch immer hoch

Schweden hat derzeit eine Sieben-Tage-Inzidenz von 210,1 pro 100.000 Einwohner. Damit geht das Infektionsgeschehen zurück, die 14-Tage-Inzidenz liegt allerdings laut der EU-Gesundheitsbehörde ECD bei 577 pro 100.000 Einwohner. Das ist der höchste Wert aller Länder im Europäischen Wirtschaftsraum. (Stand: 21.5.)

Bislang starben in Schweden 14.366 Menschen mit einer Corona-Infektion. Hinzu kommt, dass Schweden im europäischen Vergleich eher langsam impft: bislang haben nur 33,4 Prozent der Bevölkerung eine Erstimpfung erhalten, über 10 Prozent sind vollständig geimpft. 

Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Sieben-Tage-Inzidenz laut Robert Koch-Institut bei 66,8, die 14-Tage-Inzidenz laut ECD bei 208 pro 100.000 Einwohner. Über 39 Prozent der Bevölkerung haben eine Erstimpfung erhalten, über 13 Prozent sind vollständig geimpft. Schweden hat 10,2 Millionen Einwohner, Deutschland 83 Millionen. Trotz der hohen Inzidenz war die Zahl der Todesfälle in den vergangenen zwei Wochen in Schweden mit 12 pro 1.000.000 Einwohner relativ niedrig. Auf die Bevölkerung heruntergerechnet beträgt sie nur etwa ein Drittel des deutschen Wertes (35) in diesem Zeitraum. Ingesamt liegt Schweden bei 1422, in Deutschland bei 1051 Todesopfern pro eine Million Einwohner*.

Verunsicherung in der Bevölkerung

Aufgrund der anhaltend hohen Inzidenzen steigt vor allem die Verunsicherung im Land. Die Strategie der schwedischen Regierung und der Gesundheitsbehörde setzt auf Eigenverantwortung und Appelle, nicht auf Verbote und Gesetze. Die Folge: Viele Schweden nehmen die Maßnahmen nicht ernst genug. 

Der moderate Lockdown zeigt sich vor allem in den schwedischen Städten: Die Bevölkerung kann in großen Einkaufszentren shoppen gehen.  (Quelle: AP/dpa)Der moderate Lockdown zeigt sich vor allem in den schwedischen Städten: Die Bevölkerung kann in großen Einkaufszentren shoppen gehen. (Quelle: AP/dpa)

"Wir waren in Berlin und dort hat jeder in der U-Bahn eine Maske getragen, hier ist es jeder Zweite. Es gibt keine Strafen", erklärte der schwedische Familienvater Jonas Konstatinov dem ARD-Magazin "Weltspiegel". "Das führt dazu, dass man eben ohne Maske fährt, wenn man sie vergessen hat."

Und es führt auch zu Konflikten im engeren sozialen Umfeld. Laut Konstatinov und seiner Frau Eva liegt ein Problem im Interpretationsspielraum, weil klare Regeln fehlen. "Wenn man eigenverantwortlich entscheiden soll, dann sieht man die Dinge schon mal unterschiedlich. Auch Jonas und ich sind das ein oder andere Mal verschiedener Meinung gewesen und haben kleinere Diskussionen gehabt", sagt Eva Konstatinov. "Es ist schwer, weil es jeder für sich so interpretieren kann, wie er es gerne hätte." 

"Wir erreichen mit Freiwilligkeit genauso viel"

In der Pandemie gelten für die Menschen in Schweden eher moderate Maßnahmen, einen harten Lockdown wie in Deutschland hat es nie gegeben. Eine Ausgangssperre wäre in dem Land sogar verfassungswidrig. Schulen und Kitas sind geöffnet, auch Mannschaftssport ist möglich. Die Schweden dürfen sich nur zu acht im öffentlichen Raum treffen, Restaurants, Kneipen und Cafés müssen um 20.30 Uhr schließen, sind aber geöffnet. 

Staatsepidemiologe Anders Tegnell: Er gilt als Architekt der schwedischen Corona-Strategie.  (Quelle: imago images)Staatsepidemiologe Anders Tegnell: Er gilt als Architekt der schwedischen Corona-Strategie. (Quelle: imago images)

Dieser schwedische Sonderweg sorgte im In- und Ausland für Aufsehen und Kritik. "Wir erreichen mit Freiwilligkeit genauso viel wie andere Länder mit Restriktionen", sagte zuletzt der schwedische Staatsepidemiologe Anders Tegnell auf einer seiner täglichen Pressekonferenzen. Als Sonderweg scheint der Architekt der schwedischen Strategie diese dagegen kaum zu sehen. 

"Wir haben die schwedische Gesellschaft in großen Teilen heruntergefahren, auch wenn wir keinen totalen Lockdown haben, wie in anderen Ländern", verteidigte Tegnell den Weg der Gesundheitsbehörde im Gespräch mit dem ARD-"Weltspiegel". "Wir haben uns entschieden, uns auf die Stellen zu fokussieren, bei denen wir aus Erfahrung wissen, dass eine erhöhte Infektionsgefahr besteht."

Strategie zum Schutz älterer Menschen gescheitert

Auch Heimunterricht wie in Deutschland gibt es in Schweden nicht. "Schulen sind ein wichtiger Ort für Kinder, für ihre Gesundheit und Zukunft", erklärte Tegnell. "Es ist immer ein Balanceakt zwischen Schaden und Nutzen." Geschlossene Schulen hätten bei Kindern zu einem zu großen Schaden geführt. Diese Strategie findet in der schwedischen Gesellschaft Zustimmung, vor allem auch, weil viele Menschen zwar freiwillig im Homeoffice arbeiten, viele andere jedoch nicht. Zahlreiche Schulen führten aufgrund der Pandemie jedoch andere Regeln ein, Eltern begleiten ihre Kinder nicht mehr in die Klassenzimmer und es wird in den Gebäuden versucht, Ansammlungen von Kindern – beispielsweise in den Pausen – zu vermeiden.

Doch zur Wahrheit über die aktuelle Situation in Schweden gehört auch: Die Strategie der Regierung, primär mit moderaten Maßnahmen auf den Schutz von vulnerablen Gruppen zu setzen, ist gescheitert. Im Frühjahr traf die Corona-Welle vor allem ältere und kranke Menschen in Alten- und Pflegeheimen. Das Land hatte zwar in dem Zeitraum die Maßnahmen verschärft, aber zu wenig und zu spät. "Wir waren nicht so viel besser darin, als wir gehofft und gedacht haben", gab Tegnell auf einer Pressekonferenz zu. "Vor allem, weil es viel schwieriger als gedacht war, das Virus aus Altersheimen fernzuhalten."

"Bitte, helft uns!“

Besonders prekär ist die Situation in den Intensivstationen der Krankenhäuser. Hier wachsen die Verzweiflung und das Unverständnis gegenüber der Regierungspolitik. Zwar sank die Zahl der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen in der letzten Woche deutlich, aber noch vor zwei Wochen waren die Intensivbetten des Landes komplett ausgelastet. "Es darf im Herbst definitiv keine vierte Welle geben, sonst bekommen wir große Probleme", meinte Ola Stenqvist, emeritierter Anästhesie-Professor der Sahlgrenska-Universitätsklinik in Göteborg, im "Tagesspiegel".

Eine Frau bekommt eine Corona-Impfung: In Schweden haben bislang 33 Prozent der Bevölkerung eine Erstimpfung erhalten.  (Quelle: imago images)Eine Frau bekommt eine Corona-Impfung: In Schweden haben bislang 33 Prozent der Bevölkerung eine Erstimpfung erhalten. (Quelle: imago images)

Ärzte und medizinisches Personal sind am Ende ihrer Kräfte, viele sprechen mittlerweile in den schwedischen Medien über eine "unerträgliche Situation". "Die Uhr tickt. Wir brauchen Hilfe", sagte David Konrad, Chef der Intensivstation des Karolinska Universitätskrankenhauses in Stockholm, dem schwedischen TV-Sender SVT. "Wir hoffen, dass wir diese von anderen Ländern bekommen. Wir flehen alle an, die diese Kompetenz haben: Bitte, helft uns!" Die zuständige Sozialbehörde sieht die Schwierigkeiten, im Sommer gibt es nicht genügend Personal. Deswegen bemüht man sich nun um Hilfe von Fachpersonal für die Intensivstationen aus dem Ausland.

Auch wenn das gesamtgesellschaftliche Urteil über den Sonderweg noch aussteht, Fakt ist: Er bringt das Gesundheitssystem an den Rande des Kollaps. Lediglich zahlreichen Überstunden und einer Überbelastung des Personals ist es zu verdanken, dass die Corona-Welle im Frühjahr bislang überhaupt bewältigt werden konnte. Experten sind sich momentan noch uneinig, ob das langsame Impftempo mit dem Personalmangel in den Krankenhäusern zusammenhängt.

"Der Preis, den wir bezahlen, ist sehr hoch"

Wie ist der schwedische Sonderweg also zu bewerten? Ob er tatsächlich scheitert, lässt sich erst am Ende der Pandemie sagen, wenn die gesundheitlichen Schäden in der Bevölkerung mit denen in der Wirtschaft und im Sozialwesen aufgewogen werden können. Allerdings gibt es schon jetzt viele vernichtende Urteile. 

So warf zum Beispiel die angesehene Virologin Lena Einhorn in einem Beitrag für die Zeitung "Svenska Dagbladet" der schwedischen Regierung "unausgegorene Maßnahmen" vor. "Nicht einmal der Mundschutz, dieses einfache, billige und effektive Infektionsschutzwerkzeug, wird konsequent genutzt", schrieb Einhorn. "Der Preis, den wir bezahlen, ist sehr hoch."

In der U-Bahn in Stockholm wird an die Abstandsempfehlung erinnert: Die Regierung geht in der Pandemie vor allem mit Empfehlungen an die Bevölkerung vor.  (Quelle: imago images)In der U-Bahn in Stockholm wird an die Abstandsempfehlung erinnert: Die Regierung geht in der Pandemie vor allem mit Empfehlungen an die Bevölkerung vor. (Quelle: imago images)

Auch Forscher aus Tübingen kamen in einer Studie für das Fachmagazin "Plos One" zu dem Ergebnis, dass Schweden mit einem harten Lockdown viele Todesopfer hätte vermeiden können. Ein neunwöchiger Lockdown während der ersten Corona-Welle hätte demnach dazu geführt, dass "wir 75 Prozent weniger Infektionen gesehen hätten in Schweden und 38 Prozent weniger Tote“, sagte Gernot Müller, Professor für Makroökonomie und einer der Autoren, dem DLF. In der Studie schlussfolgerten die Forscher außerdem, dass die wirtschaftliche Lage Schwedens nicht besser sei als in Ländern, die harte Lockdowns verhängt haben. 

Corona-Streit gewinnt an Schärfe 

Die Bevölkerung ist in der Frage gespalten. "Unruhe ist schon länger eingekehrt, doch inzwischen scheinen viele die Geduld zu verlieren. Seit Januar/Februar sind die Zustimmungswerte und das Vertrauen in den Regierungskurs deutlich niedriger als noch im letzten Jahr", sagte der Politologe und Schweden-Experte Tobias Etzold dem Nachrichtenmagazin "Focus". Laut Etzold habe der Streit um den schwedischen Sonderweg in Medien und Politik im Land deutlich "an Schärfe" gewonnen, auch immer mehr Wissenschaftler würden den Corona-Kurs der Regierung mittlerweile kritisieren. Sie werfen der schwedischen Regierung und der Gesundheitsbehörde vor, die Corona-Welle unkontrolliert durchs Lands rollen zu lassen.

Aber auf der anderen Seite vertraut in Schweden noch eine Mehrheit in der Bevölkerung darauf, dass die Regierung in der Pandemie ihr Möglichstes gibt. Es gab kaum große Proteste, die einen harten Lockdown fordern. Der schwedische Sonderweg hat offenbar noch immer, trotz hoher Inzidenzwerte, einen Rückhalt in der Bevölkerung. Wohl auch deshalb bleibt es bei dem Kurs: Freiheiten statt Lockdown.

*Hinweis (22.5.): Der EWR-Vergleich beziffert stets die Todesopfer in einem Land pro 1 Million Einwohner in den vergangenen zwei Wochen. Zur Präzisierung wurde im Nachhinein ein Vergleich der Todesopfer pro 1 Million Einwohner während der gesamten Pandemie ergänzt. 

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Weltbild.detchibo.deOTTODeichmannbonprix.deLIDLBabistadouglas.deamazon.de

shopping-portal

Hinweis:

Der Internet Explorer wird nicht länger von t-online unterstützt!

Um sicherer und schneller zu surfen, wechseln Sie jetzt auf einen aktuellen Browser.

Wir empfehlen unseren kostenlosen t-online-Browser: