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Putins Kriegsplan ist gescheitert

Von Patrick Diekmann

Aktualisiert am 27.02.2022Lesedauer: 6 Min.
"Das ist ein Genozid": Wolodymyr Selenskyj tritt am Montag sichtlich erschüttert vor die Presse. (Quelle: t-online)
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Die russische Invasion in der Ukraine stockt. Präsident Putin hat die Moral und die Schlagkraft des Gegners offenbar unterschätzt. Haben die ukrainischen Verteidiger doch eine Chance? Ein Überblick.

Die Ukraine wird in der Nacht wieder von zahlreichen Explosionen erschüttert, in der Nähe von Kiew und Charkiw sind große Feuerbälle zu sehen. Russische Raketen- und Luftangriffe nehmen Gasleitungen, Öldepots und auch ein Heizkraftwerk nahe Kiew ins Visier. Die Zerstörung von kritischer Infrastruktur zeigt: Der russische Präsident Wladimir Putin lässt zunehmend die ukrainische Bevölkerung terrorisieren.

Rauchsäule über Kiew: Die ukrainische Hauptstadt ist das Hauptziel der russischen Armee.
Rauchsäule über Kiew: Die ukrainische Hauptstadt ist das Hauptziel der russischen Armee. (Quelle: Reuters-bilder)

Russlands Kriegsplan ist schon jetzt gescheitert. Putin wollte einen "Blitzkrieg" mit einer schnellen Einnahme von Kiew und einem Regimewechsel ohne viel Blutvergießen. Doch Moskau hat die Widerstandskraft der Ukraine unterschätzt. Die russische Armee findet sich in heftigen Straßenkämpfen wieder und erleidet wohl auch schwere Verluste. Putin hat sich verrechnet.


Die russischen Truppen kommen – trotz Lufthoheit – nur langsam voran. Das gibt vielen Ukrainern Mut, denn immerhin halten sie momentan relativ erfolgreich eine der größten Armeen der Welt in Schach. Doch die ukrainische Gegenwehr steigert auch die Gefahr, dass Putin seine Raketenwerfer gegen Städte einsetzen lässt – und zahlreiche zivile Opfer in Kauf nimmt.

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Erbitterte Gegenwehr der Ukraine

Die russische Armee hat in der Nacht ihren Vormarsch intensiviert, bislang ist aber noch keine größere ukrainische Stadt gefallen.

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Ein Überblick über die Lage in der Ukraine – im Norden, Süden, Osten und Westen:

1. Russischer Angriff im Norden – der Vormarsch auf Kiew stockt

Russische Kräfte sind aus Belarus bis an die Stadtgrenze von Kiew vorgedrungen und haben das Gebiet nördlich der Hauptstadt unter Kontrolle. Der strategisch wichtige Flughafen in Hostomel konnte von Russland nach heftigen Kämpfen eingenommen werden. Die Ukraine versucht aber mit Gegenangriffen zu verhindern, dass die russische Armee eine Luftbrücke installieren kann, immerhin ist der Flugplatz nur wenige Kilometer von Kiew entfernt.

2. Ukrainische Verteidigungslücken im Süden – zwei Städte eingekesselt?

Süden: Als russische Panzerverbände am Donnerstag über die Krim in die Ukraine einfielen, muss auf ukrainischer Seite etwas schiefgelaufen sein. Russland traf kaum auf Widerstand, die russischen Truppen wurden erst weiter im Landesinneren gestellt und dort toben nun schwere Kämpfe. Putins Truppen versuchen die Küstenlinie einzunehmen und laut russischem Verteidigungsministerium wurden die Städte Kherson und Bedyansk "eingekesselt". Strategisches Ziel ist offenbar eine Landbrücke von der Krim zum Donbass.

3. Heftige Kämpfe im Osten – Straßenkämpfe in Millionenstadt

Im Donbass kommen die russische Armee und Kräfte der prorussischen Separatisten kaum voran. Die Ukraine war hier mit kampferfahrenen Kräften gut aufgestellt. Russland will scheinbar von zwei Seiten die wichtige Hafenstadt Mariupol umschließen – bei Kriegsausbruch hätte kaum ein Experte erwartet, dass die Stadt so lange gehalten werden könnte. Im Nordosten versuchen russische Truppen Charkiw – die zweitgrößte Stadt der Ukraine – einzunehmen. In der Region toben seit Kriegsbeginn heftige Kämpfe und aus Charkiw erreichen uns am Sonntagmorgen Berichte über schwere Straßenkämpfe.

4. Angespannte Ruhe im Westen – vereinzelte Luft- und Raketenangriffe

Im südwestlichen Odessa bereitet sich die Bevölkerung auf einen russischen Angriff vor. Es ist zu erwarten, dass die russischen Kräfte, die über die Krim in die Ukraine eindringen, irgendwann die Küstenstadt erreichen. Ansonsten wurden im Westen Flugplätze, Waffendepots und Militäreinrichtungen aus der Luft angegriffen. Bodentruppen konzentrieren sich aber zunächst auf Kiew und Charkiw.

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Russische Armee verliert ihren Vorteil

Es ist eine Überraschung, wie langsam die russische Armee in der Ukraine vorankommt. Zunächst sah es so aus, als ob Russland Kiew schnell einnehmen würde und Putin sein Ziel erreicht hätte: das Einsetzen einer russischen Marionettenregierung in der Ukraine.

Der schnelle Vormarsch zu Kriegsbeginn ist vor allem mit der lückenhaften ukrainischen Verteidigung zu erklären. Es gab auf ukrainischer Seite zu wenige Kräfte, um eine Frontlinie zu verteidigen, und die russische Armee spielte ihre Stärke aus: die hohe Geschwindigkeit ihrer Panzerverbände. So konnten ukrainische Kräfte schnell umgangen oder eingekesselt werden – und der Vormarsch auf Kiew aus dem Norden geschah so schnell, dass einige Experten dachten, die ukrainische Hauptstadt werde innerhalb eines Tages fallen.

Das passierte nicht. Im Häuserkampf verliert die russische Armee eben diesen Geschwindigkeitsvorteil. In den ukrainischen Städten muss jeder Häuserblock mühsam erobert werden – Block für Block, Haus für Haus. Russische Panzer sind im urbanen Raum verletzliche Ziele, wenn sie nicht durch Infanterie geschützt werden – das fällt der russischen Armee schwer und die Ukraine scheint in den Städten gut vorbereitet zu sein. Zumindest in Kiew gibt es für Putin kaum Geländegewinne.

Kiew: Viele Freiwillige meldeten sich auch in der ukrainischen Hauptstadt für den Kampf gegen Russland.
Kiew: Viele Freiwillige meldeten sich auch in der ukrainischen Hauptstadt für den Kampf gegen Russland. (Quelle: dpa-bilder)

Die Stärke der ukrainischen Armee ist eben dieser Häuserkampf und ihre Moral, ihre Heimat gegen die russischen Invasoren zu verteidigen. Viele Bürger meldeten sich freiwillig bei den Sammelstellen, die Menschen bereiten Molotowcocktails vor und Waffen werden an die Bevölkerung verteilt. Besonders effektiv im Kampf gegen die russischen Kräfte scheinen vor allem schultergestützte Panzerabwehrwaffen zu sein, es gibt zahlreiche Berichte über erfolgreiche Angriffe auf russische Militärfahrzeuge und Panzer.

Im Angesicht dieser Situation verübt Russland offenbar Kriegsverbrechen, um die Moral der Ukraine zu erschüttern. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wirft der russischen Armee den Einsatz von Streumunition vor, die Angriffe auf kritische Infrastruktur sollen vor allem die Zivilbevölkerung treffen. Ein perfider Plan.

Putins vergiftete Propaganda

Die Informationslage über den Konflikt ist maximal undurchsichtig, natürlich wird von beiden Kriegsparteien parteiisch berichtet. So ist auch weiterhin unklar, wie viele Todesopfer es auf beiden Seiten wirklich gibt.

  • Die Ukraine behauptet, dass über 4.300 russische Soldaten getötet worden seien. Zudem seien 14 Flugzeuge, 8 Hubschrauber und 102 Panzer sowie mehr als 530 weitere Militärfahrzeuge zerstört worden. Das britische Verteidigungsministerium ging am Samstag von 400 getöteten russischen Soldaten aus.
  • Russland spricht allgemein nicht über Verluste. Allein beim Kampf um das Flugfeld in Hostomel seien über 200 ukrainische Soldaten getötet worden. Außerdem sind laut dem russischen Verteidigungsministerium 211 ukrainische Militärobjekte "außer Gefecht" gesetzt worden.

Verlässlich lässt sich aktuell nur eines sagen: Die Verluste sind hoch, auf beiden Seiten.

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Putin hat ein russisches "Brudervolk" überfallen und das ist auch im eigenen Land keinesfalls unumstritten. Jeder tote russische Soldat und jeder Gräuel gegen die ukrainische Bevölkerung bringt ihn in Russland mehr unter Druck.

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Deshalb spinnt der Kreml weiter am Narrativ, dass in Kiew "Nazis" regieren würden, die die Bevölkerung als menschliche Schutzschilde benutzen. Das ist eine perfide Lüge und Putin will damit der Ukraine die Verantwortung für das mögliche Blutbad geben, das beim Kampf um die Städte droht. Bereits am Sonntag hat die russische Armee angefangen, Kiew mit Artillerie zu beschießen. Die Geschichte der Kremlpropaganda dafür stand schon vorher fest.

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Auch das Verhandlungsangebot von Putin war vergiftet. Der Kremlchef möchte nicht verhandeln, bis er seine Ziele in der Ukraine erreicht hat – für diesen Krieg hat Putin alle wirtschaftlichen und finanziellen Kosten in Kauf genommen. Ohne großen Gesichtsverlust kann er nun nicht mehr zurück.

Es ist unwahrscheinlich, dass Putin plötzlich zur Besinnung kommt und verhandeln will – außer über die Kapitulation der Ukraine. Die russische Führung will das Signal an die eigene Bevölkerung senden, dass sie zu Verhandlungen bereit sei. Sie weiß natürlich auch, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nicht nach Minsk kommen kann: Immerhin werden Raketen aus Belarus auf die Ukraine abgeschossen.

Hat die Ukraine eine Chance?

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine wird weitergehen, auch wenn Putins Kriegsplan gescheitert ist. Die ukrainische Armee und Teile der Bevölkerung verteidigen aber die Souveränität ihres Landes mit ungebrochener Moral. Das haben Putin und die russische Generalität unterschätzt. Es sieht fast so aus, als habe man in Moskau mit einem schnellen Durchmarsch auf Kiew gerechnet und einem schnellen Sieg wie bei der Krim-Annexion im Jahr 2014. Das war eine fatale Fehleinschätzung.

Wolodymyr Selenskyj: Der ukrainische Präsident hat abgelehnt, aus Kiew evakuiert zu werden.
Wolodymyr Selenskyj: Der ukrainische Präsident hat abgelehnt, aus Kiew evakuiert zu werden. (Quelle: imago-images-bilder)

Die Moral der ukrainischen Verbände ist weiterhin hoch, was auch an der Vorbildfunktion von Präsident Selenskyj liegt, der mit seinen Truppen in Kiew ausharrt und es versteht, der Öffentlichkeit Kampfgeist zu vermitteln. Der Westen wurde von den bisherigen militärischen Erfolgen der Ukraine ebenfalls überrascht. Deswegen bekommt die ukrainische Armee nun Waffen – auch aus Deutschland.

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Panzerabwehrwaffen und Flugabwehrraketen haben sich schon als effektives Mittel gegen die russische Invasion erwiesen, daher sind die Lieferungen des Westens mehr als ein Symbol – sie sind ein Ausdruck der Hoffnung. Die Ukraine kann gegen die militärische Übermacht Russlands diesen Krieg zwar nicht gewinnen. Aber der Kampfgeist und die Opferbereitschaft der Ukrainer kann den Preis für Putin so hoch treiben, dass er dieses Blutbad nicht mehr vor seiner Armee und seiner Bevölkerung rechtfertigen kann.

Denn die Moral könnte am Ende ein Problem für die russischen Truppen werden. Immerhin greifen sie ein "Brudervolk" an, den Grund dafür verstehen sie wahrscheinlich selbst nicht – außer sie glauben der russischen Desinformation, die aber immer weniger Sinn ergibt. Jeder Tag, den die Ukraine durchhält, ist eine Niederlage für Putin und das bringt ihn in Russland immer mehr in Bedrängnis. Immerhin ist das Land mit einer Fülle an Sanktionen konfrontiert, die man im Kreml vielleicht eingepreist hat, doch auch die Geschlossenheit der internationalen Gemeinschaft hat Russland überrascht. Das alles ist letztlich eine Chance für die Ukraine, wenngleich eine kleine.

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