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Claus Kleber im Interview: Neue Atommächte kalkulieren "völlig unberechenbar"

Internationale Politik  

Neue Atommächte kalkulieren "völlig unberechenbar"

29.07.2009, 11:01 Uhr | t-online.de

Im Ernstfall wäre auch Deutschland in Reichweite: Iran testet im Rahmen des Manövers "Großer Prophet" Langstreckenraketen vom Typ Shahab 2 und Shahab 3  (Foto: dpa)Im Ernstfall wäre auch Deutschland in Reichweite: Iran testet im Rahmen des Manövers "Großer Prophet" Langstreckenraketen vom Typ Shahab 2 und Shahab 3 (Foto: dpa) Treibt die Welt in einen Abgrund? ZDF-Moderator Claus Kleber und seine Kollegin Angela Andersen haben zwei Jahre lang die Dimensionen der atomaren Gefahr im 21. Jahrhundert untersucht. Das ZDF zeigt die Rechercheergebnisse der beiden Journalisten in einer dreiteiligen Dokumentation. t-online.de sprach vorab mit Kleber über seine Erkenntnisse und die Gefahren pakistanischer, iranischer oder nordkoreanischer Atombomben.

 

Herr Kleber, was hat Sie im Laufe Ihrer Recherche am meisten beeindruckt?

Claus Kleber: Wie groß das Risiko tatsächlich ist. Man könnte denken, die Gefahr eines großen Atomkrieges sei mit dem Ende des Kalten Krieges verschwunden und das stimmt auch. Gleichzeitig aber ist die Möglichkeit, dass irgendwo auf der Welt ein solcher Konflikt ausbricht, größer geworden. Henry Kissinger sagte uns im Interview, das Risiko, dass es zu einer Atombombenexplosion kommt und irgendwo eine Stadt ausgelöscht wird, sei heute größer, als in den schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges.

Ist die Situation heute mit dem Kalten Krieg überhaupt vergleichbar? Damals hieß es immerhin, ein einziger verrückter General könne per Knopfdruck die Welt in Brand setzen.

 Ich glaube nicht, dass das damals möglich war. Die Supermächte, die damals die Atomwaffen im Wesentlichen kontrollierten, haben ihre Systeme doch so gebaut, dass sie vor solchen psychologischen Ausrastern sicher waren. Andernfalls wäre damals sicher irgendwann etwas passiert. Heute haben wir eine sehr viel weniger überschaubare Welt als damals. Die neuen Atommächte kalkulieren völlig unberechenbar. Das gilt schon für Pakistan, das gilt in gewisser Weise für Indien. Es würde sicher für Iran oder demnächst vielleicht für Mächte wie Saudi-Arabien oder die Türkei noch viel mehr gelten. Niemand in der Welt wäre davon unberührt.

Was passiert denn mit den pakistanischen Atomwaffen, falls die Taliban dort die Macht übernehmen?

Dafür kann niemand garantieren. Die Leute, mit denen wir gesprochen haben - in erster Linie Generalstabschefs und Geheimdienstchefs - versicherten uns natürlich alle, die Waffen wären unter allen Umständen perfekt unter Kontrolle.

Ist das glaubwürdig?

Ich glaube es ihnen nicht. Das sind dieselben Leute, die irgendwann die Mudschaheddin und später die Taliban nach Afghanistan geschickt haben. Danach merkten sie, dass der Geist, den sie aus der Flasche gelassen hatten, nicht mehr zu kontrollieren war. Heute muss die Hauptstadt Islamabad praktisch zu einer Festung ausgebaut werden, um sie gegen dieselben Leute zu verteidigen, die Pakistan geschaffen hat. Ganze Regionen des Landes sind unter der Kontrolle von islamischen Fundamentalisten. Die beiden Hotels, in denen ich bei früheren Reisen nach Pakistan gewohnt habe, stehen nicht mehr. Sie wurden beide bei Sprengstoffanschlägen in die Luft gejagt. Wenn man das alles erlebt, glaubt man solchen Versicherungen nicht mehr.

Claus Kleber, Chef-Moderator des ZDF-heute-journals, hat die Brisanz der atomaren Risiken ausgelotet (Foto: dpa)Claus Kleber, Chef-Moderator des ZDF-heute-journals, hat die Brisanz der atomaren Risiken ausgelotet (Foto: dpa)

Wie gefährlich ist im Vergleich dazu das iranische Regime?

Wesentlich berechenbarer. Ich glaube nicht, dass das iranische Regime ein Interesse daran hat, eine Atombombe auf Israel zu werfen. Das sind nicht unbedingt Selbstmörder. Aber sie kalkulieren die Risiken anders. In der radikalen Auslegung des schiitischen Islam spielt Märtyrertum - die Bereitschaft zur Selbstaufopferung - eine Rolle, die wir uns im Westen gar nicht vorstellen können. Solche Regime sind in brenzligen Situationen zu größeren Risiken bereit, als es eine westliche Gesellschaft wäre. Dazu kommt, dass selbst dann, wenn Iran niemals eine Atombombe einsetzen wird, der ganze Nahe Osten durch die iranische Bombe erpressbar wird. Im Moment baut Iran Raketen, die in der Lage sind, Atomsprengköpfe bis nach Deutschland zu transportieren. Das heißt nicht, dass sie das machen, aber deutsche Politiker müssen anders kalkulieren, wenn es soweit ist.

Nordkorea schickt bereits im Monatsrhythmus Testraketen in den Himmel. Von außen wirkt das wie eine Show. Muss man den Diktator in Pjöngjang fürchten?

Niemand kann Nordkorea wirklich einschätzen. Die Art und Weise, in der Nordkorea die Welt immer wieder an den Rand des Abgrunds führt, um irgendwelche nicht wirklich definierten Ziele zu erreichen, muss einem unheimlich sein - schon aus der Entfernung. Wenn Sie in Japan sind und sehen, was das Land an Abwehrmechanismen gegenüber Nordkorea aufgebaut hat, stellen Sie fest, dass die Japaner in so einer Welt nicht leben wollen: Da ist ein unberechenbarer Diktator in unmittelbarer Nähe. Seine Raketen fliegen bereits über Japan hinweg in den Pazifik. Jeder weiß, dass Nordkorea kurz davor steht, operationelle Gefechtsköpfe zu haben, die auf diese Raketen montiert werden können. Was dann?

Sie haben es bereits angedeutet: Viele der kalten Krieger von damals setzen sich heute für die Abschaffung der Atomwaffen ein. US-Präsident Obama unterstützt dieses Ziel. Aber hat er wirklich eine Chance den neuen atomaren Wettlauf umzukehren?

Wenn einer diese Möglichkeit hat, dann er. Wenn überhaupt jemals, dann jetzt. Im Moment haben wir eine historische Chance, mit diesem Präsidenten an der Spitze der USA, der bereit ist, auf diesem Weg voranzugehen. Sie muss aber ergriffen werden. Bis jetzt gibt es aber immer noch sehr viel Taktiererei von Moskau über Iran bis Israel. Jeder wartet auf den bestmöglichen Deal. Das ist gefährlich, denn diese historischen Chancen bleiben nicht lange.

Die Gefahr durch Terroristen und schmutzige Bomben wird völlig unterschiedlich eingeschätzt. Teilen Sie die Befürchtung, dass uns ein radioaktiver Anschlag bevorsteht?

Zunächst mal ist ein Anschlag mit einer Atombombe in absehbarer Zeit nicht sehr wahrscheinlich. Obwohl es im Internet – das haben wir recherchiert – brauchbare Pläne für den Bau von Atombomben gibt. Aber dahinter steckt noch viel konkrete Ingenieurs-Arbeit. Das bewerkstelligt man in einer Terror-Wohnung in Islamabad oder im Sauerland nicht so ohne weiteres. Die eigentliche Gefahr ist, dass jemand Atommüll verwendet - dieses Zeug, das tonnenweise auf der Welt verteilt ist. Steckt man ein Stück stinknormalen Sprengstoff in die Mitte, kann man ganze Wohngebiete verseuchen. Daran würden nicht viele Menschen sterben, aber der psychologische Schaden wäre enorm. Einer der Polizeioffiziere in Manhattan, mit denen wir gesprochen haben, sagte: „Solch ein Anschlag kann uns bei dieser angespannten Wirtschaftslage das Genick brechen.“

Können Sie beschreiben, welche der Gefahren, die Sie geschildert haben, Deutschland am stärksten betrifft?

Ein Anschlag mit radioaktivem Material ist in diesem Zusammenhang für Deutschland am wahrscheinlichsten. Wir sind eine Export-Importnation, wir haben große Häfen, wir haben intensiven Warenverkehr – das wird alles nicht oder noch nicht vernünftig überwacht. Das ist eigentlich eine Einladung.

Wie könnte die Welt in 30 bis 40 Jahren aussehen?

Im besten Fall werden die Arsenale der Großmächte drastisch reduziert und es gibt gemeinsame Anstrengungen, die wenigen übrigen Atommächte zur Abrüstung zu bewegen. Dazu würde gehören, dass atomares Brennmaterial  - also angereichertes Uran - in internationalen Zentren hergestellt und auch wieder entsorgt wird. Das könnte Länder wie Nordkorea oder Iran davon abhalten, in dunklen Ecken des Reiches ihre eigene Technologie aufzubauen.

Ist die Atomenergiebehörde dafür das richtige Instrument?

 Wenn man sie endlich mit den notwendigen Zähnen ausstattet und mit dem robusten Mandat, das sie braucht, dann ja.

Das Interview führte Christian Kreutzer

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