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Prognose zu Klimaflüchtlingen bringt Uno in Bedrängnis

Prognose zu Klimaflüchtlingen bringt UNO in Bedrängnis

18.04.2011, 11:34 Uhr | Axel Bojanowski, Spiegel Online

Prognose zu Klimaflüchtlingen bringt Uno in Bedrängnis. Die von der Uno prognostizierten Klimaflüchtlinge bleiben bislang aus. (Foto: Reuters) (Quelle: Reuters)

Die von der Uno prognostizierten Klimaflüchtlinge bleiben bislang aus. (Foto: Reuters) (Quelle: Reuters)

50 Millionen Umweltflüchtlinge bis 2010 - so lautete eine Warnung der Vereinten Nationen vor sechs Jahren. Wo sind nun all die Auswanderer? Gegenüber "SPIEGEL ONLINE" distanziert sich die UNO von der Prognose - in Ländern der angeblichen Gefahrenzone wächst die Einwohnerzahl.

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Hungersnöte, Völkerwanderungen, Seuchen und Kriege - oft hat das Wetter historische Umbrüche befördert. 2005 verkündeten die Vereinten Nationen, das Klima könnte nun erneut gravierend eingreifen in die Kulturgeschichte: Bis 2010 könnten 50 Millionen Menschen wegen der Erderwärmung auf der Flucht sein, erklärten das UNO-Umweltprogramm (Unep) sowie die Universität der Vereinten Nationen (Unu) 2005.

Doch jetzt distanziert sich die UNO gegenüber "SPIEGEL ONLINE" von der Prognose: "Dies ist keine Unep-Vorhersage", hieß es auf Anfrage. Die entsprechende Mitteilung auf der Unep-Internetseite wurde gelöscht. Offizielle Statistiken zeigen, dass die Bevölkerung in angeblichen Gefahrenregionen sogar wächst. Und vorhergesagte Umweltkatastrophen sind bislang nicht eingetreten.

Im Oktober 2005 hatte die Unu die Warnung vor 50 Millionen Klimaflüchtlingen im Jahr 2010 als Aufhänger für eine Mitteilung genommen, die vor "weltweit anschwellenden Mengen von Umweltflüchtlingen" warnte - viele Medien griffen die Zahlen auf. Noch 2008 mahnte der Präsident der UNO-Generalversammlung, Srgjan Kerim: "Es wurde geschätzt, dass es 2010 zwischen 50 und 200 Millionen Umweltmigranten geben würde." Auch auf der Internetseite der Unep wurden "50 Millionen Klimaflüchtlinge bis 2010" befürchtet. Die Seite wurde jedoch gelöscht, sie ist nur noch im Google-Zwischenspeicher zu finden.

"Wie eine öffentliche Bücherhalle"

Eine auf der Internetseite abgebildete Karte zeigte besonders betroffene Regionen, wo Menschen aufgrund klimatischer Unbilden angeblich wegziehen werden. Die Karte sei eigentlich für eine Zeitung "auf Grundlage verschiedener Quellen" gefertigt worden, sagt ein Unep Sprecher auf Anfrage. Die Unep-Seite fungiere wie eine öffentliche Bücherhalle, die Grafiken archiviere.

Angesichts der UNO-Mahnungen von 2005 hatte der "Asian Correspondent" nun die Frage gestellt: "Was ist mit den Klimaflüchtlingen geschehen?" Daraufhin stürzten sich Blogger auf die Prognose und zerpflückten sie hämisch. Dabei stießen sie allerdings auf die gleichen Probleme wie Wissenschaftler, die über das Thema arbeiten: Der Begriff "Umweltflüchtling" ist unscharf definiert.

25 Millionen Menschen seien bereits auf der Flucht vor schlechten Umweltverhältnissen, konstatiert die einschlägige Literatur seit vielen Jahren. Seit jeher setzen Dürre, Stürme und Überschwemmungen den Menschen zu. Besonders forsch agiert der Umweltforscher Norman Myers von der Universität Oxford in Großbritannien. Auf einem Kongress 2005 in Prag prognostizierte er 50 Millionen Umweltflüchtlinge bis 2010. Möglicherweise bildete der Aufsatz die Grundlage für die UNO-Erklärungen.

"Sie schauen einfach nach Regionen, die geflutet werden"

Doch in der Fachwelt wird Myers seit langem kritisiert. Stephen Castles vom International Migration Institute der Universität Oxford hatte den Horrorszenarien 2007 im "SPIEGEL" widersprochen: "Myers und andere nehmen sich einfach die Klimaprognosen vor und schauen, wie viele Leute in Regionen leben, die überflutet werden", sagte der Autor des Standardwerks "The Age of Migration". Daraus errechneten die Forscher dann einfach die riesigen Flüchtlingszahlen.

Auswanderung sei nicht die Hauptstrategie der Menschen: Untersuche man, wie Menschen auf Umweltkatastrophen, Kriege oder Armut reagierten, sei zu beobachten, dass Menschen selten die Landesgrenzen überschritten. Das zeigt sich nun auch in Japan, wo die Betroffenen aus der verstrahlten Region in den Süden des Landes gehen. Jene aus den von den Tsunamis zerstörten Gebieten kommen sogar schon wieder zurück, um ihre Dörfer wieder aufzubauen.

Wie schwierig Vorhersagen sind, zeigt die Unu-Mitteilung von 2005. Als Beispiel für drohende Klimamigration wird darin die jemenitische Hauptstadt Sanaa genannt: Das Grundwasser ginge zur Neige, schrieb die Unu, es könnte "bis 2010 verbraucht sein". 2010 wiederum berichteten arabische Medien wie "The Siesat Daily", Sanaa drohe "bis 2017 die Wasserkrise". Die Einwohnerzahl der Stadt stieg derweil: von 2004 bis 2010 um 585.000 Menschen auf nun fast 2,3 Millionen - vom Exodus aufgrund von Wassermangel kann mithin keine Rede sein.

Südseeinseln werden größer

Ähnliches gilt für Länder, die auf der Unep-Weltkarte als besonders gefährdet eingestuft wurden: Ob Bangladesch, die Cook-Inseln, die Westsahara oder andere Länder - überall wuchs die Bevölkerung offiziellen Zahlen zufolge. Selbst das Südsee-Eiland Tuvalu hält seine 10.000 Einwohner, obwohl die Umsiedlung bereits geplant wurde. Womöglich liegt es daran, dass viele Inseln trotz Meeresspiegelanstiegs größer werden; angespülte Sedimente lassen sie wachsen.

Der UNO-Klimarat, der alle paar Jahre das Forschungswissen in einem Report zusammenfasst, bleibt entsprechend vage, wenn es darum geht, Umweltveränderungen zu diagnostizieren: Die Entwicklung der Niederschläge in der afrikanischen Sahelzone etwa zeigte bislang keinen eindeutigen Trend. Die Prognosen der Klimasimulationen für die nächsten 90 Jahre hingegen verheißen für die Region nichts Gutes, demnach droht Dürre.

Entsprechend besorgt ist die Unep: "Bodenverschlechterung, Waldzerstörung und andere Umweltveränderungen beschleunigen sich", konstatiert ein Unep-Sprecher. Umweltforscherin Cristina Tirado von der University of California in Los Angeles stellte auf der Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science sogar eine konkrete Prognose auf: "50 Millionen Umweltflüchtlinge drohen", warnte sie. Diese Zahl von Migranten habe "die UNO vorausgesagt" - für 2020.

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