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Nordkorea-Atomtest: Kims Möchtegern-Wasserstoffbombe

Atomtest in Nordkorea  

Kims Möchtegern-Wasserstoffbombe

06.01.2016, 17:34 Uhr | Markus Becker, Spiegel Online

Nordkorea-Atomtest: Kims Möchtegern-Wasserstoffbombe. Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un bei einem Truppenbesuch: Das Land hat den ersten Test einer Wasserstoffbombe gemeldet. (Quelle: EPA / KCNA South Korea Out)

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un bei einem Truppenbesuch: Das Land hat den ersten Test einer Wasserstoffbombe gemeldet. (Quelle: EPA / KCNA South Korea Out)

Nordkorea empört die Welt ein weiteres Mal mit einem Atomwaffentest. Diesmal soll es sich sogar um eine Wasserstoffbombe gehandelt haben. Doch erste Erkenntnisse deuten darauf hin: Das Regime in Pjöngjang übertreibt.

Für Nordkorea wäre es technisch ein großer Schritt nach vorn, für die Sicherheit der Welt ein großer Schritt zurück: Pjöngjang will eine Wasserstoffbombe erfolgreich getestet haben. Unabhängige Messungen deuten zwar darauf hin, dass sich in Nordkorea tatsächlich eine nukleare Explosion ereignet hat: Der US-Geologiedienst USGS meldete ein Beben der Stärke 5,1.

Beben nicht stark genug für eine Wasserstoffbombe

Allerdings weckt das zugleich Zweifel daran, ob es sich wirklich um eine echte Wasserstoffbombe gehandelt hat. Denn deren Sprengkraft liegt üblicherweise um ein Vielfaches über der einer herkömmlichen Atombombe. Die jetzt gemessene Magnitude von 5,1 unterscheidet sich jedoch kaum von jener, die beim letzten nordkoreanischen Atomtest im Februar 2013 aufgetreten war. 

Damals lag die Bebenstärke zwischen 4,9 und 5,2. Westliche Experten berechneten auf dieser Basis eine Sprengkraft von etwa 6 bis 7 Kilotonnen TNT. Das wäre selbst für eine herkömmliche Kernspaltungsbombe nicht allzu viel: Schon die Atombombe von Hiroshima hatte eine Sprengkraft von 13 bis 15 Kilotonnen.

Geboostete Spaltbombe statt Wasserstoffbombe?

Wasserstoffbomben, die den Großteil ihrer Energie aus der Kernfusion beziehen, sind bei weitem stärker. Ihre Energie stammt nicht aus der Spaltung schwerer Atomkerne wie Uran, sondern aus der Fusion, also dem Verschmelzen, von Wasserstoffkernen. Bereits die erste jemals getestete Waffe dieser Art kam 1952 auf eine Sprengkraft von 10,4 Megatonnen TNT - rund 800-mal so viel wie die Hiroshimabombe. Deshalb deutet einiges darauf hin, dass beim jüngsten nordkoreanischen Test keine echte Wasserstoffbombe, sondern eine sogenannte geboostete Spaltungsbombe explodiert ist.

Dabei handelt es sich um eine herkömmliche Nuklearwaffe, die - wie auch die Bomben von Hiroshima und Nagasaki - auf dem Prinzip der Kernspaltung beruht. Dabei explodiert ein konventioneller Sprengsatz und verdichtet den Spaltstoff so weit, dass die Kettenreaktion in Gang kommt. Dabei spielen Neutronen eine zentrale Rolle: Absorbiert ein Uran- oder Plutonium-Atomkern ein Neutron, wird er gespalten und setzt dabei weitere Neutronen frei, meist zwei bis drei Stück. Sie lösen dann weitere Kernspaltungen aus, die wiederum mehr Neutronen freisetzen - und so weiter. Das Ergebnis ist ein rasanter Anstieg der Kernspaltungen.

Boosting verdoppelt Sprengkraft 

Bei der geboosteten Spaltbombe wird dem nuklearen Brennstoff eine kleine Menge der Gase Deuterium und Tritium beigemischt, meist nur wenige Gramm. Bei der Explosion der Bombe verschmelzen die beiden Wasserstoff-Isotope und setzen dabei eine große Menge hochenergetischer Neutronen frei - eine Mini-Kernfusion. Wegen der vielen zusätzlichen schnellen Neutronen steigt die Menge an Plutonium, die bei der Explosion gespalten wird, stark an. Unter dem Strich kann das Boosting die Sprengkraft einer Spaltbombe in etwa verdoppeln.

Die laut den Bebenmessungen relativ geringe Sprengkraft, die jetzt beim nordkoreanischen Test freigesetzt wurde, spricht laut einer ersten Einschätzung aus Südkorea für eine solche geboostete Spaltbombe. Dem Sprengsatz könnte eine kleine Menge Wasserstoff beigemischt worden sein, erklärte das Verteidigungsministerium in Seoul.

Eine echte Wasserstoffbombe wäre dagegen bei weitem schwieriger zu konstruieren, denn bei ihr handelt es sich praktisch um eine doppelte Atombombe. Nur unter extremen Bedingungen, wie sie etwa im Inneren der Sonne herrschen, können Atomkerne überhaupt verschmelzen. Die dafür nötige Energie liefert ein Kernspaltungs-Sprengsatz. Er zündet die Fusionsreaktion mit Hilfe der Hitze und des Drucks, die bei seiner Explosion entfacht werden. Deshalb wird eine Wasserstoffbombe auch als thermonuklearer Sprengsatz bezeichnet. 

Wie weit sind Nordkoreas Bombenbauer?

Schon diese zweistufige Konstruktion erreicht eine Sprengkraft von bis zu 25 Megatonnen TNT, so viel wie rund 1900 Hiroshima-Bomben. Es wurden aber auch dreistufige Wasserstoffbomben konstruiert, bei denen der Fusionssprengsatz benutzt wurde, um einen noch größeren zu zünden. Diesem Prinzip folgte die größte jemals getestete Atomwaffe, die russische "Zar"-Bombe. Sie hatte eine Sprengkraft von 50 bis 60 Megatonnen TNT. Ihr Design hätte theoretisch sogar bis zu 100 Megatonnen hergegeben.

Die bisherigen Erkenntnisse lassen zwar darauf schließen, dass das Regime in Pjöngjang von einer solchen Waffe noch weit entfernt ist und seine Fähigkeiten übertreibt - genauso wie es bei seinem Raketenprogramm wiederholt geschehen ist. Dennoch konnte Nordkorea den Westen auch schon überraschen, etwa mit dem erfolgreichen Start einer Langstrecken-Rakete. Und auch das Atomwaffenprogramm des Landes mache große Fortschritte, wie Experten im Februar 2015 warnten. Eine Wasserstoffbombe in den Händen von Diktator Kim Jong-Un wäre die bisher wohl unangenehmste Überraschung für den Rest der Welt.

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