Sie sind hier: Home > Politik > Ausland > Krisen & Konflikte >

Einsatz in Afghanistan: Ex-General Kujat greift Regierung an

Ex-General Kujat greift Regierung an: "Ministerialbürokratie tut nichts"

05.04.2010, 10:43 Uhr | dpa, apn, AFP, dpa, dapd, AFP

Einsatz in Afghanistan: Ex-General Kujat greift Regierung an. Einsatz in Afghanistan: Ex-General Kujat kritisiert schlechte Ausrüstung der Bundeswehr (Foto: dpa)

Einsatz in Afghanistan: Ex-General Kujat kritisiert schlechte Ausrüstung der Bundeswehr (Foto: dpa)

Der frühere Generalinspekteur Harald Kujat hat die Bundesregierung im Zusammenhang mit dem jüngsten Angriff auf Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan scharf kritisiert. Aus dem Luftangriff im September, bei dem nahe Kundus rund 140 Menschen ums Leben gekommen waren, seien nicht die nötigen Lehren gezogen worden, sagte Kujat der "Welt am Sonntag".

"Unsere Soldaten sind dort nur in diese Lage geraten, weil sie wie so oft nicht mit den nötigen modernen Aufklärungssystemen ausgerüstet sind." Es gebe ein "Unverständnis über die Bedingungen vor Ort und eine Ignoranz der Notwendigkeiten für die Streitkräfte", sagte Kujat. Um die Handlungen des Gegners besser einschätzen zu können, brauche die Bundeswehr ein vernünftiges Streitkräfte-, Führungs- und Informationssystem. Nach Aussagen der Industrie seien wesentliche Komponenten dafür bereits fertig - "nur die Ministerialbürokratie tut nichts", ergänzte Kujat.

"Taliban sind überlegen"

Der General, der zwischen 2000 und 2002 Deutschlands ranghöchster Soldat war, befürchtet weitere Anschläge auf die deutschen Soldaten in Nordafghanistan. "Die Taliban kennen das Gelände, sie sind überlegen. Das muss man doch irgendwie ausgleichen", kritisierte Kujat. Die Rebellen seien nach dem Luftangriff im September zunächst "geschwächt" gewesen. "Danach haben sie eine gewisse Zeit gebraucht, um sich in Szene zu setzen. Und genau das tun sie jetzt." In wenigen Wochen werde der nächste Anschlag dieser Art folgen, sagte Kujat.

Zu wenig Soldaten im Einsatz

Er kritisierte zudem, dass die deutschen Einsatzkräfte nicht in der notwendigen Zahl in Afghanistan stationiert seien. In der neuen Mandatsobergrenze von 4500 plus 500 Mann Reserve sieht er einen "Koalitionskompromiss, der nicht dem tatsächlichen operativen Bedarf entspricht". Nach dem jüngsten Bundestagsbeschluss erkenne er keine wirkliche neue Strategie. Mehr Ausbildung und weniger Kampftruppen, das sei der falsche Ansatz.

Guttenberg spricht von "Krieg"

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wies die Kritik an der deutschen Strategie zurück. Er widersprach der Ansicht, die Geschehnisse seien Ausdruck eines Scheiterns der neuen Afghanistan-Strategie der Bundesregierung. Die neue Strategie solle erst bis Sommer oder Herbst umgesetzt werden. Dabei solle die verstärkte öffentliche Präsenz von Soldaten in der Region mit der weiteren Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte kombiniert werden. Auch diese neue Strategie berge Risiken für die Soldaten. "Der Einsatz dort ist und bleibt gefährlich", sagte Guttenberg. Auch künftig müsse mit Toten oder Verwundeten gerechnet werden. Außerdem sprach der Verteidigungsminister von "Krieg" in Afghanistan. Juristisch sei "Krieg" eine Auseinandersetzung zwischen zwei Staaten, umgangssprachlich könne der Konflikt aber so bezeichnet werden.

Trauerfeier in Kundus

Derweil nahmen zwei Tage nach den blutigen Gefechten von Kundus die Bundeswehrsoldaten dort Abschied von ihren drei gefallenen Kameraden. Im Feldlager der nordafghanischen Provinz gaben sie am Sonntag den zwischen 25 und 35 Jahre alten Fallschirmjägern aus Niedersachsen die letzte Ehre. "Wir haben alle gehofft, dass wir diesen Tag niemals erleben müssen", sagte der ISAF-Kommandeur für Nordafghanistan, Brigadegeneral Frank Leidenberger. "Die Hoffnung wurde am 2. April jäh zerstört". Leidenberger gedachte auch der versehentlich von der Bundeswehr getöteten afghanischen Soldaten und entschuldigte sich bei deren Angehörigen. Erstmals räumte er ein, das sechs Afghanen getötet wurden. Bisher hatte die Bundeswehr von fünf Toten gesprochen.

"Wir werden gewinnen"

Leidenberger betonte, dass die Bundeswehr ihren Auftrag in Afghanistan unverändert fortsetzen werde. "Wir geben nicht klein bei, wir werden weiter kämpfen und wir werden gewinnen", sagte er. Ziel sei es, dass die Menschen in Afghanistan ohne Angst leben können. "Das wird uns auch gelingen, aber wir brauchen dafür Kraft und Stehvermögen und die Unterstützung der Heimat."

Niebel fordert mehr Rückhalt in der Bevölkerung

Entwicklungsminister Dirk Niebel sprach den Soldaten in Kundus die Anteilnahme der Bundesregierung aus. Niebel forderte mehr Rückhalt in der Bevölkerung für den Einsatz in Afghanistan. Das Gefecht zeige, wie gefährlich die Situation für die Soldaten dort sei. "Sie wünschen sich mehr Verständnis dafür, dass sie sich, manchmal auch präventiv, wehren müssen", sagte der FDP-Politiker der "Bild am Sonntag". Die Soldaten verstünden nicht, wenn sie sich dafür in der deutschen Öffentlichkeit rechtfertigen müssten oder sogar strafrechtlich verfolgt würden, betonte der Minister, der in Afghanistan Wiederaufbauprojekte besucht hatte, die mit deutscher Hilfe finanziert werden.

Särge mit toten Soldaten in Deutschland eingetroffen

Die Trauerfeier fand auf dem Appellplatz statt, von wo aus die Bundeswehrpatrouillen in den Einsatz fahren. Dort befindet sich auch ein Ehrenhain für alle im Einsatz gefallenen Bundeswehrsoldaten. Die Särge trafen dann am Sonntag gegen 17.30 Uhr mit dem Regierungsflugzeug auf dem Flugplatz in Köln-Wahn ein. An Bord waren Entwicklungsminister Dirk Niebel und seine Delegation, die von ihrem Afghanistan-Besuch zurückkehrten. Wie ein Sprecher der Bundeswehr weiter mitteilte, war auch Guttenberg von Koblenz aus nach Köln gekommen. Bundeswehrangehörige bildeten ein Ehrenspalier, als die drei Särge aus der Maschine getragen wurden.

Verletzte zurück in Deutschland

Die vier Soldaten, die bei dem Gefecht am Karfreitag schwer verletzt worden waren, sind unterdessen wieder in Deutschland. Eine Maschine mit den Verletzten an Bord landete am Samstagabend kurz vor 20 Uhr auf dem Militärflughafen Köln-Wahn. Die Männer wurden ins Bundeswehrkrankenhaus Koblenz gebracht. Die Soldaten hatten den Bau einer Brücke und eine Minenräumung vorbereitet, als aus den umliegenden Häusern das Feuer eröffnet wurde.

Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Ulla Popkenbonprix.deOTTOhappy-sizetchibo.deLIDLBabistadouglas.deBAUR

shopping-portal