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Wikileaks veröffentlicht geheime US-Militärdokumente zum Irak-Krieg

Blutbad in bisher nicht gekanntem Ausmaß

25.10.2010, 08:19 Uhr | dapd, AFP, dpa

Wikileaks veröffentlicht geheime US-Militärdokumente zum Irak-Krieg. Hausdurchsuchung im Irak: Wikileaks hat erneut Hunderttausende Dokumente über die Kriege der USA ins Netz gestellt. (Foto: dpa)

Hausdurchsuchung im Irak: Wikileaks hat erneut Hunderttausende Dokumente über die Kriege der USA ins Netz gestellt. (Foto: dpa)

Trotz vehementen Protests der US-Regierung hat die Internetplattform Wikileaks am Samstag fast 400.000 Geheimdokumente zum Irak-Krieg veröffentlicht. Die Dokumente belegen unter anderem Folterungen und Vergewaltigungen in irakischen Gefängnissen und die hohe Zahl ziviler Opfer. Die USA forderten Wikileaks auf, die Dokumente umgehend aus dem Netz zu nehmen. Die Seite war zeitweise nicht erreichbar.

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Die "New York Times", der "Spiegel", der britische "Guardian" und die französische "Le Monde" hatten die aus "einer Datenbank des Pentagon" stammenden Unterlagen aus der Zeit vom 1. Januar 2004 bis zum 31. Dezember 2009 im Vorhinein ausgewertet.

109.000 Iraker starben - die meisten waren Zivilisten

Die Unterlagen dokumentieren den blutigen Alltag des Kriegs und illustrieren die Hilflosigkeit der US-Truppen angesichts des zunehmenden Chaos im Irak. Wikileaks-Gründer Julian Assange sagte dem US-Nachrichtensender CNN, die Dokumente belegten ein "Blutbad" in bisher nicht gekanntem Ausmaß.

Einer internen Aufstellung der Armee zufolge wurden zwischen der Invasion 2003 und Ende 2009 insgesamt etwa 109.000 Iraker getötet, 63 Prozent von ihnen Zivilisten. Wikileaks wollte die Unterlagen am Samstagmorgen bei einer Pressekonferenz in London erläutern.

Irak schon wieder ein Folter-Staat - USA schauen weg

Aus ihnen geht zum Beispiel hervor, dass die US-Armee von der brutalen Folterung von Gefangenen durch irakische Sicherheitskräfte wusste, in manchen Fällen aber nicht einschritt. Ein irakischer Gefangener "wurde von der irakischen Polizei an zwei aufeinanderfolgenden Tagen mit einem Kabel geschlagen", heißt es etwa in einem Bericht aus dem Jahr 2008.

In anderen Berichten ist von Misshandlungen mit Metallrohren, Holzstangen und Strom die Rede. An Gefangenen seien Brandwunden, Knochenbrüche und Blutergüsse festgestellt worden. In zwei Fällen habe eine Obduktion ergeben, dass irakische Häftlinge zu Tode gefoltert wurden, schrieb der "Guardian". Die Polizei habe angegeben, einer der Männer habe Selbstmord begangen, der andere sei an einem Nierenleiden gestorben.

Hunderte an Straßensperren erschossen

Es sind die vielen Details, welche die Wirkung der Dokumente ausmachen: Die Unterlagen dokumentieren beispielsweise, dass an Straßensperren mit US-Soldaten hunderte irakische Zivilisten getötet worden sind, oft durch Missverständnisse. Ein Feldbericht etwa beschreibt, wie ein US-Soldat das Feuer auf ein Auto eröffnet, darin eine Mutter tötet und ihre drei Töchter verletzt. Die Familie hatte - offenbar von der Sonne geblendet - die Aufforderung zum Halten übersehen.

Kapitulationsbereite Iraker einfach liquidiert

Ein anderer Bericht dokumentiert, wie sich zwei irakische Aufständische den US-Soldaten in einem Hubschrauber ergeben wollten. Die Soldaten fragten beim Stützpunkt um Rat. Die Antwort: Festnahmen im Hubschrauber seien nicht möglich, die kapitulationsbereiten Iraker seien also "immer noch als Ziele" anzusehen. Sie wurden daraufhin kurzerhand erschossen.

Die wütende Reaktion der US-Regierung auf die Veröffentlichung der Unterlagen, die vermutlich durch eine undichte Stelle in der US-Armee an Wikileaks gelangten, macht deutlich, wie groß die Furcht vor der Sprengkraft solcher Enthüllungen ist. Völlig ungelöst ist die Frage, wie im digitalen Zeitalter Vertraulichkeit zu gewährleisten ist, wenn ein einzelner Mitarbeiter mit ein paar Mausklicks zehntausende Dokumente in die Öffentlichkeit tragen kann.

Pentagon klagt: "Wikileaks setzt Leben aufs Spiel"

Im Pentagon hatte seit Wochen ein 120 Mitarbeiter starker Sonderstab die Dokumente ausgewertet und mögliche Schäden untersucht. Das Pentagon stilisierte die Veröffentlichung zu einer moralischen Frage hoch - auch um Wikileaks als unmoralisch hinzustellen. Pentagon-Sprecher Dave Lapan bezeichnete Wikileaks als "ehrlose Institution". Sein Sprecher-Kollege Geoff Morrell sagte: "Durch die Veröffentlichung von derart sensiblen Informationen setzt Wikileaks weiterhin das Leben unserer Soldaten, ihrer Bündnispartner und der Iraker und Afghanen, die mit uns zusammenarbeiten, aufs Spiel."

Wikileaks hatte bereits im Juli 77.000 geheime US-Dokumente zur Lage in Afghanistan veröffentlicht und sich damit den Zorn der US-Regierung zugezogen. Laut dem "Guardian" stammen die Irak-Dokumente aus der selben Quelle. US-Außenministerin Hillary Clinton kritisierte solche Enthüllungen scharf. Es sei strengstens zu verurteilen, wenn durch solche Veröffentlichungen das Leben von Soldaten und Zivilisten aus den USA und seinen Partnerländern gefährdet werde, sagte Clinton in Washington.

Laut "Spiegel Online" erklärte die US-Regierung auf Anfrage, die knapp 400.000 Dokumente seien "im Prinzip Momentaufnahmen, die mal tragisch und mal belanglos sein können, aber kein Gesamtbild ergeben". Sie lieferten "kein neues Verständnis der Geschehnisse im Irak". Zudem kritisierte die US-Regierung, dass Wikileaks Menschen zur illegalen Weitergabe von Geheimdokumenten gebracht habe, die nun "leichtfertig mit der ganzen Welt" geteilt würden. Damit gefährde Wikileaks das Leben von US-Soldaten, Alliierten und Irakern. Die US-Regierung forderte Wikileaks auf, die Irak-Protokolle sofort von seiner Web-Seite zu entfernen.

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