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Gewalt und Plünderungen: Wer sind die Krawallmacher von London?

Gewalt und Plünderungen: Wer sind die Krawallmacher von London?

11.08.2011, 13:57 Uhr | t-online.de, dpa, AFP

Gewalt und Plünderungen: Wer sind die Krawallmacher von London?. Im großen Stil tragen Plünderer teils wertvolle Waren aus Londoner Geschäften (Foto: Reuters) (Quelle: Reuters)

Im großen Stil tragen Plünderer teils wertvolle Waren aus Londoner Geschäften (Foto: Reuters) (Quelle: Reuters)

Vier Nächte in Folge haben Tausende Randalierer die britische Hauptstadt in Atem gehalten, Geschäfte geplündert, Autos und Häuser angezündet. Im Akkord werden die festgenommenen Krawallmacher nun in London den Haftrichtern vorgeführt. Und es zeigt sich: Die Randalierer sind nicht nur die typischen bösen Jungs. Viele stammen aus der Mitte der Gesellschaft. Und sogar eine Millionärstochter saß auf der Anklagebank.

Fast ausschließlich männlich, überwiegend jung und dunkelhäutig sind die verhafteten Chaoten - aber sie stammen aus allen Schichten der Gesellschaft. Arbeitslose sind dabei wie Schüler, Studenten, Designer, Postboten, auch Friseure, Bademeister, Sozialarbeiter und sogar ein Lehrer. Der jüngste Plünderer ist ein elfjähriges Schulkind. Der Junge soll einen Mülleimer für 50 Pfund gestohlen haben.

Gerichtsverfahren rund um die Uhr

Das britische Boulevardblatt "The Sun" veröffentlichte den Name und Foto einer Millionärstochter, die wegen Plünderungen vor einem Londoner Gericht stand. Auch ihr Wohnhaus, eine Luxusvilla mit Tennisplatz und Sicherheitszaun, waren in der Zeitung abgedruckt.

Die 19-Jährige, so die Zeitung, habe hinter dem Steuer eines Wagens gesessen, dessen Kofferraum gefüllt war mit Fernsehern, Handys und anderen elektrischen Geräten, sowie Zigaretten und Alkohol im Wert von 5500 Pfund. Die junge Frau streite die Vorwürfe ab; ihre Eltern, die ein Marktforschungsinstitut betreiben, schweigen ebenfalls.

Die meisten Angeklagten plädieren auf nicht schuldig. Die ganze Nacht über wurden in Gerichten Urteile gesprochen. Allein in London sollten drei Gerichte durchgehend geöffnet bleiben. Etwa 15 Minuten nimmt sich das Gericht für jeden Fall Zeit. Anklage, Verteidigung, Sozialhelfer, Eltern und der Angeklagte werden gehört - dann entscheidet der Richter: Bleibt der Angeklagte in Untersuchungshaft? Oder wird er unter Auflagen - beispielsweise Hausarrest - bis zum Prozess freigelassen?

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Seit Beginn der Proteste wurden landesweit mehr als 1100 Randalierer festgenommen. Allein in London waren es nach Angaben von Scotland Yard 820, von denen 279 angezeigt wurden. Bereits am Mittwochabend waren in Manchester die ersten Randalierer verurteilt worden. Zwei Männer seien wegen ihrer Beteiligung an den Unruhen in der Nacht zu Mittwoch zu zehn und 16 Wochen Haft verurteilt worden, teilte die Polizei der drittgrößten Stadt Großbritanniens mit.

Auch im Eilverfahren mahlen die Mühlen der Justiz langsam. Es ist kurz vor Mitternacht. Seit zehn Stunden sitzt John Malick* (Namen geändert) im Westminster Magistrates' Court. Seine Ex-Frau habe ihn am Morgen angerufen, sagt er. "Unser Sohn Jay wurde gestern festgenommen." Was sie ihm vorwerfen, weiß John nicht. Sein Sohn ist 14 Jahre alt.

Er sei nach einer Verfolgungsjagd festgenommen worden, erfährt sein Vater John im Gericht. "Er ist über einen Zaun gesprungen und hat sich in einem Garten versteckt", heißt es in der Anklage. Der Anwalt schüttelt nur den Kopf: "Er war zur falschen Zeit am falschen Ort", sagt er kurz. Der 14-Jährige sei mit Freunden auf dem Rückweg vom Fußballtraining gewesen, das wegen der Krawalle abgesagt worden war. "Als sie dann von einem Polizisten angesprochen wurden, ist einer losgerannt - und Jay ist reflexartig hinterher."

Plünderer mit Skimütze und Handschuhen

David steht mit zwei Gerichtsdienern hinter der Glasscheibe, die den Stand der Angeklagten von Saal 6 des Magistrates' Courts trennen. Er ist gerade 16 Jahre alt geworden, hat mit sehr guten Noten seinen Realschulabschluss gemacht und will nun Abitur machen. "Er ist ein äußerst angenehmer junger Mann", sagt die Sozialarbeiterin. Die Eltern seien vor 20 Jahren aus Ghana eingewandert und beide berufstätig. "Die Verhältnisse sind geordnet. Die Prognose ist gut."

Ein Vorzeige-Migrant der zweiten Generation, findet die Rechtsanwältin. Das Gericht solle ihm seinen kleinen Ausrutscher verzeihen. Das sieht die Anklägerin anders. "Er wird mit Sicherheit wieder straffällig werden. Er ist eine Gefahr", ist sie überzeugt. Als die Polizei David im Ostlondoner Stadtteil Walthamstow nach einer wilden Verfolgungsjagd festnahm, war er mit einer Skimütze und Handschuhen vermummt. Zuvor hatte er einen Ziegelstein auf ein Polizeiauto geworfen.

"Jeder, der gewalttätig wurde, wird ins Gefängnis geschickt", hatte der britische Premierminister David Cameron verkündet. Das gilt im britischen Recht im Zweifel auch schon für 14-Jährige. Teile der Gesellschaft müssten endlich lernen, Verantwortung für ihre Handlungen zu übernehmen, forderte der Regierungschef - und in einem schmucklosen 70er-Jahre-Bau, nur einen Steinwurf von der berühmten Westminster Abbey entfernt, wird seither 24 Stunden am Tag der erste Schritt getan: die Anhörung beim Haftrichter.

Bürgerwehren schieben Wache

In vielen Stadtteilen Londons haben Anwohner spontane Bürgerwehren gebildet. Um Straßen und Geschäfte vor Randalierern zu schützen, patrouillieren sie nachts durch die Viertel. Auch im Internet wird Jagd auf die Plünderer gemacht. So hat beispielsweise der Blog Catchalooter die User einen Tag lang aufgerufen, Menschen auf Plünderungsfotos zu identifizieren und zu melden. Ähnliche Aktionen finden sich auch auf anderen Websites.

Großbritannien war seit Samstagabend von den schwersten Ausschreitungen seit rund 20 Jahren erschüttert worden. Auslöser war der Tod eines vierfachen Familienvaters bei einem Polizeieinsatz im Londoner Stadtteil Tottenham. Über die tiefer liegenden Gründe für die Gewalt in zahlreichen Städten wird seitdem heftig diskutiert.

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