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Warum Erdogan zögert: Die Angst der Türken vor dem "Islamischen Staat"

Warum Erdogan zögert  

Die Angst der Türken vor dem "Islamischen Staat"

13.10.2014, 21:52 Uhr | Von Hasnain Kazim, Spiegel Online

Warum Erdogan zögert: Die Angst der Türken vor dem "Islamischen Staat". Türkischer Panzer an der Grenze bei Kobane: Seit Tagen beobachtet die Türkei die Kämpfe in der Stadt im nördlichen Syrien ohne aktiv einzugreifen. (Quelle: dpa)

Türkischer Panzer an der Grenze bei Kobane: Seit Tagen beobachtet die Türkei die Kämpfe in der Stadt im nördlichen Syrien ohne aktiv einzugreifen. (Quelle: dpa)

Die Türkei zögert, gegen die Terrormiliz IS vorzugehen, auch aus Angst vor Rache-Akten im eigenen Land. Geheimdienste warnen: Es drohen Anschläge auf U-Bahnen, Hotels und Märkte.

Seit Wochen reden Politiker aus aller Welt auf die Türkei ein. Vor allem die USA versuchen, Ankara am Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zu beteiligen. Seit Wochen blocken die Türken ab. Nun meldete das US-Verteidigungsministerium einen ersten Erfolg: Die Staaten des Anti-IS-Bündnisses dürften türkische Militärstützpunkte nutzen, hieß es. Prompt widersprachen Regierungsvertreter in Ankara am Nachmittag und erklärten, es habe noch keine Einigung gegeben.

Die türkische Regierung tut sich schwer mit Zugeständnissen im Kampf gegen den IS. Anfang Oktober hatte sie noch erklärt, man werde nicht zulassen, dass die von Dschihadisten belagerte syrische Grenzstadt Kobane zerstört werde. Die Türkei ließ Panzer nahe dem Grenzübergang Mürsitpinar aufstellen. Dort stehen sie seitdem, ohne in das Kampfgeschehen in der bedrängten Stadt einzugreifen.

PKK droht der Türkei mit Krieg

Die Gefechte toben weiter, die verbliebenen etwa 3000 kurdischen Kämpfer mit ihren alten Gewehren und Panzerfäusten sind den permanent nachrückenden IS-Kämpfern mit gekaperten Hightech-Panzern, Maschinengewehren und Granatwerfern hoffnungslos unterlegen. Seit Tagen fordern Kurden Unterstützung durch die Türkei, lehnen aber den Plan einer türkisch kontrollierten Sicherheitszone ab, weil sie darin einen Angriff auf ihre Autonomiebemühungen sehen.

Die Türkei will den Kurden nicht helfen, weil sie deren Ziel von größerer Unabhängigkeit nicht fördern will. Obwohl seit Ende 2012 Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der verbotenen PKK laufen, sitzen die Vorbehalte tief. Kürzlich erst sagte Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, er sehe keinen Unterschied zwischen IS und PKK. Die PKK wiederum droht der Türkei mit Krieg.

Sorge vor Anschlägen in den Großstädten

Doch westliche Geheimdienste sehen noch einen weiteren Grund für die türkische Zurückhaltung gegenüber IS: die Sorge vor Terroranschlägen. "Das ist eine sehr konkrete, ernst zu nehmende Gefahr", sagt ein Beobachter aus Ankara. "IS hat den Türken unmissverständlich klargemacht, dass sie mit Angriffen auf türkischem Boden rechnen müssen, wenn sie sich in irgendeiner Weise aktiv am Kampf gegen IS beteiligen."

Übereinstimmend sagen Geheimdienstler mehrerer Länder, die Gefahr beschränke sich nicht nur auf das türkisch-syrische Grenzgebiet. "Am öffentlichkeitswirksamsten wären Anschläge in den Metropolen Istanbul, Ankara oder Izmir", sagt einer. "Wenn ein Sprengsatz auf dem Taksim-Platz oder in der U-Bahn von Istanbul explodiert, würde IS nicht nur einen enormen Schaden an Leib und Leben von unschuldigen Menschen anrichten. Es wäre auch ein großer Propagandaerfolg."

Gefährdet sind nach Ansicht eines Beobachters auch die Touristenorte. "Ein Anschlag auf eine Hotelanlage, der auch nur einen toten Ausländer zur Folge hat, und der Tourismus in der Türkei dürfte einbrechen." Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftssektoren des Landes. Schon deshalb ist die Regierung bemüht, jegliches Risiko zu minimieren und Zurückhaltung bei der Bekämpfung von IS zu üben.

Türkei "leichtes Ziel" für IS-Angreifer

Die Türkei sei ein "leichtes Ziel" für IS, da das Land die Dschihadisten jahrelang unterstützt habe, um den syrischen Machthaber Baschar al-Assad zu stürzen. "Die Türkei hat alle Gegner Assads gefördert, ohne zu differenzieren", sagt ein Geheimdienstler. "Nun rächt sich das gewaltig. Jetzt stehen die Extremisten an der Grenze und bedrohen die Türkei."

Auch wenn Ankara jegliche Unterstützung jegliche der Islamisten bestreitet, legen Recherchen nahe, dass IS-Kämpfer jahrelang über die Türkei nach Syrien reisen, Waffen, Munition, Lebensmittel und Medikamente ins Kampfgebiet bringen und sich bei Bedarf in türkischen Krankenhäusern behandeln lassen konnten. In türkischen Städten rekrutierten sie noch bis vor kurzem Nachwuchs und boten Anlaufstellen für Dschihadisten aus Europa und Amerika, die planlos in Istanbul landeten.

"Sie sind längst vor Ort"

"Jetzt haben sie überall im Land ihre Infrastruktur", sagt ein ausländischer Sicherheitsexperte "Mit anderen Worten: Sie sind längst vor Ort und können Anschläge vorbereiten, ohne aufzufallen." Sollte der 'Islamische Staat' der Türkei den Kampf ansagen, sei "mit allem" zu rechnen: mit "Angriffen von bewaffneten Kommandos, Selbstmordattentaten, Autobomben, Raketenangriffen und selbstgebastelten Straßenbomben". Potenzielle Ziele seien "öffentliche Verkehrsmittel und Plätze, auf denen sich viele Menschen aufhalten".

Eine weitere Gefahr seien Entführungen. "Wir sehen eine Gefahr, dass der IS Menschen auch auf der türkischen Seite im Grenzgebiet zu Syrien entführt", sagt ein Geheimdienstmitarbeiter. "IS-Leute sind nach unserer Erkenntnis auch auf türkischer Seite präsent und könnten dort Menschen als Geiseln nehmen und nach Syrien verschleppen." Gefährdet seien vor allem Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Journalisten.

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