US-Strategie im Irak  

Mit Illusionen gegen den IS

03.11.2014, 19:25 Uhr | Von Christoph Sydow, Spiegel Online

Mit Illusionen gegen den IS. Irakische Soldaten im Kampf gegen den IS: Die USA wollen mehr Ausbilder schicken  (Quelle: Reuters)

Irakische Soldaten im Kampf gegen den IS: Die USA wollen mehr Ausbilder schicken (Quelle: Reuters)

Mehr Waffen, bessere Ausbildung: Mit dieser Strategie soll die irakische Armee den "Islamischen Staat" vertreiben - sagen die USA. Doch der Plan ist unrealistisch.

Schon fünf Monate hat die irakische Regierung die zweitgrößte Stadt des Landes nicht mehr unter ihrer Kontrolle. Mossul wird seit Anfang Juni von der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) regiert. Damals lebten in der Stadt etwa drei Millionen Menschen, die Dschihadisten haben jedoch Hunderttausende in die Flucht getrieben, fast alle Jesiden und Christen sind aus Mossul geflohen.

Nun soll die US-Armee dem irakischen Militär dabei helfen, die Metropole zurückzuerobern. Wie die "New York Times" berichtet, will das Pentagon dafür drei neue Divisionen der irakischen Armee ausbilden - insgesamt mehr als 20.000 Soldaten. Unterstützt von den Luftangriffen der US-geführten Koalition gegen den IS sollen Bagdads Truppen im Frühjahr eine Offensive gegen die Dschihadisten starten. Washington will damit bis Ende 2015 dafür sorgen, dass die irakische Regierung wieder den Westen und Norden ihres Landes kontrolliert - einschließlich Mossul und der Grenze zum Nachbarland Syrien.

Rascher Erfolg unwahrscheinlich

Der Plan dürfte nur schwer umzusetzen sein: Derzeit sind weniger als 1500 Angehörige der US-Armee im Irak stationiert, unter ihnen 600 Militärberater, die in Bagdad und Arbil irakische Soldaten ausbilden. Für die vorgesehene Operation gegen den IS müsste Washington sein Militärkontingent im Irak deutlich aufstocken - auf etwa 3500 Kräfte. Außerdem haben sich nach Angaben des Pentagon Australien, Kanada und Norwegen bereiterklärt, Ausbilder zu schicken.

Doch trotz der verstärkten Anstrengungen des Westens ist ein rascher Erfolg gegen den IS unwahrscheinlich: Seit einem Jahrzehnt haben die USA die irakische Armee ausgebildet und aufgerüstet - trotzdem leisteten die Truppen beim Vormarsch der Dschihadisten in Mossul und anderen Orten kaum Widerstand. Humvees, Artilleriegeschütze und andere von Washington gelieferte Rüstungsgüter sind nun im Arsenal des IS gelandet.

Auch Bagdads Milizen verüben Kriegsverbrechen

Die Pentagon-Strategen sind sehr optimistisch, wenn sie darauf setzen, dass sie nun innerhalb weniger Monate etwas leisten können, was seit 2003 in zehn Jahren nicht geklappt hat. Vor allem, weil der IS nun Monate Zeit hat, um sich auf die angekündigte Militäroperation der Regierung vorzubereiten. Selbst mit Hilfe von Luftschlägen wird es äußert schwierig, die Dschihadisten aus der Millionenstadt Mossul zu vertreiben. Und eine Verstärkung der Bombenangriffe birgt die Gefahr steigender Opferzahlen unter den Zivilisten.

Die Offensive des IS im Irak ist zwar gebremst worden - aber das ist kaum das Verdienst der Regierungsarmee. Es sind die kurdischen Peschmerga-Kämpfer und von Iran unterstützte schiitische Milizen, die den sunnitischen Extremisten den erbittertsten Widerstand leisten. Doch besonders die schiitischen Freiwilligenverbände sind selbst für Kriegsverbrechen verantwortlich. Ihre Milizionäre haben mehrfach damit geprahlt, dass sie gefangengenommene IS-Kämpfer köpften - ganz so wie es die sunnitischen Dschihadisten mit ihren Opfern machen.

Uneinigkeit zwischen USA und Irak

Die USA fordern, dass die schiitischen Milizionäre in die staatliche Armee integriert werden. Doch die Führung in Bagdad sträubt sich: Präsident Fuad Masum will die Verbände bis zum Triumph über den IS eigenständig operieren lassen. Gleichzeitig sträubt sich die Regierung unter dem schiitischen Premierminister Haidar al-Abadi dagegen, sunnitische Stammeskämpfer in der Provinz Anbar aufzurüsten.

Lokale Würdenträger haben mehrfach erklärt, dass 5000 Männer bereitstünden, um die Dschihadisten aus der Region zu vertreiben. Nachdem IS-Terroristen Hunderte Mitglieder des Abu-Nimr-Stammes in Anbar massakriert und in Massengräbern verscharrt hatten, wächst dort offenbar die Bereitschaft zum Widerstand gegen den IS.

Bagdad hielt Versprechen nicht

Doch die Regierung in Bagdad zweifelt an der Loyalität der sunnitischen Stämme. Manche Familien, die oft mehrere hundert Mitglieder stellen, hatten sich in den vergangenen Monaten dem IS angeschlossen und den Dschihadisten damit den Vormarsch in Richtung Hauptstadt erleichtert. Viele irakische Sunniten fühlen sich von der schiitisch dominierten Führung in Bagdad vernachlässigt.

Besonders die Stammeskämpfer in Anbar haben schlechte Erfahrungen gemacht: Sie hatten 2007 und 2008 die Vorgängerorganisation des IS, al-Qaida im Irak, aus der Region vertrieben. Doch dann brach die Regierung ihr Versprechen, die Milizionäre in die Armee zu integrieren. Deshalb wandten sich viele wieder den radikalen Islamisten zu - mit dem Ergebnis, dass diese nun ein Drittel des Landes kontrollieren.

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