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Irak-Krieg: Die unsichtbaren Wunden der Gewalt

Jahrzehnte voller Gewalt im Irak  

Die unsichtbaren Wunden des Krieges

18.05.2015, 19:20 Uhr | Maeva Bambuck, Paul Schemm, AP

Irak-Krieg: Die unsichtbaren Wunden der Gewalt. Iraker trauern um Angehörige, die bei einem Selbstmordattentat getötet wurden. Ein großer Teil der Bevölkerung ist traumatisiert. (Quelle: Reuters)

Iraker trauern um Angehörige, die bei einem Selbstmordattentat getötet wurden. Ein großer Teil der Bevölkerung ist traumatisiert. (Quelle: Reuters)

Jahrzehnte voller Kriege haben das Land gezeichnet - und ein Ende der Gewalt im Irak ist nicht in Sicht. Das hat bei vielen Menschen unsichtbare Wunden hinterlassen. Sie leiden an Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Angstzuständen - und es mangelt an Hilfe.

Zuerst atmen die Frauen zur Entspannung mehrere Male hintereinander tief ein. Dann sprechen sie über das Trauma, das sie erlitten haben, als Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat in ihrer Heimatstadt wüteten.

Muna Murad schildert, dass sie jedes Mal von Trauer überwältigt wird, wenn sie an ihren Schwager denkt. Die Extremisten töteten ihn vor ihren Augen. "Immer, wenn ich seine beiden Kinder mit meinen spielen sehe, habe ich Atemnöte", sagt die Frau, die wie alle in diesem Zimmer der religiösen Minderheit der Jesiden im Irak angehört.

Mit solchen Gruppentherapien versuchen internationale Organisationen wenigstens einigen der Hunderttausenden Iraker zu helfen, die vor dem IS geflohen sind und jetzt in einem der vielen im Norden verstreuten Flüchtlingslager wie Chamischko leben. Aber diese Bemühungen sind in einem Land, in dem eine große Zahl von Menschen traumatisiert ist und es fast keine Hilfseinrichtungen für sie gibt, nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Etwa Hälfte der Bevölkerung ist traumatisiert

Lange Jahre voller Konflikte mit schrecklichen Erlebnissen und Entwurzelung haben ihre Spuren hinterlassen: der irakisch-iranische Krieg der 1980er Jahre, der Golfkrieg von 1991, die US-geführte Invasion 2003 mit blutigen Auseinandersetzungen zwischen ethnischen und religiösen Gruppen. Und jetzt lassen die Brutalitäten des IS eine neue Generation traumatisierter Iraker erwachsen.

Emad Abdul-Rassak berät das Gesundheitsministerium in psychologischen Fragen. Er schätzt, dass 40 bis 50 Prozent der 33 Millionen Einwohner traumatisiert sind. Einige leiden unter schweren Persönlichkeitsveränderungen, Jähzorn, Aggressivität und Angstzuständen - in einem Land, in dem es gerade mal 130 zugelassene Psychiater gibt und insgesamt nur 2000 Betten in psychiatrischen Kliniken zur Verfügung stehen. Ein geplantes Spezialkrankenhaus in der südlichen Stadt Diwanija wird die erste neue Einrichtung seit 60 Jahren sein.

Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen helfen dabei, Therapiezentren in Hospitälern aufzubauen und Mediziner weiterzubilden, so dass sie zumindest einfache Beratungen durchführen können. Aber der Geldmangel erschwert diese Bemühungen. "Die Probleme haben sich angehäuft, aber die Politiker haben der psychischen Gesundheitsfürsorge keine Priorität eingeräumt", beklagt Abdul-Razzak.

"Meine Familie ist wie ein kranker Körper geworden"

Im Flüchtlingslager Baharka beschreibt Sunnitin Muntaha Salih Chalaf, was sie durchgemacht hat: 2006 begann sich ein in ihrem Wohnviertel in Mossul patrouillierender US-Soldat für sie zu interessieren. Er erkundigte sich bei Nachbarn nach ihr und tauchte sogar einmal in ihrem Haus auf, als ihr Mann nicht daheim war - ein unverzeihlicher Fehltritt in dieser zutiefst konservativen Gemeinde.

Gerüchte kursierten, dass sie eine außereheliche Affäre habe, Nachbarn nannten sie eine Prostituierte. Als sie ein Kind erwartete, wurde spekuliert, dass der Amerikaner der Vater sei. Ihr Mann zog dann mit der Familie in eine andere Stadt, aber zu diesem Zeitpunkt litt Chalaf bereits unter Depressionen und schweren Stimmungsschwankungen. Eines Tages entschied sie, dass sie sich von allem befreien müsse, um neu beginnen zu können: Sie setzte ihr Haus in Brand.

"Meine ganze Familie ist wie ein kranker Körper geworden, von mir infiziert, wegen meiner psychischen Störungen", sagt die 40-jährige Mutter von acht Kindern. Ihr Mann brachte die Familie schließlich nach Baharka, wo sie jetzt gruppentherapeutisch und mit Medikamenten behandelt wird. "Das hat mich als Mutter und Ehefrau gerettet. Ich treffe hier Leute, die mich unterstützen und mir Rat geben, wie ich mein Leben bewältigen kann."

Kinder und Frauen haben es schwerer

Das Zuhause zu verlieren zählt zu den größten Stressfaktoren, die zu psychischen Problemen beitragen können. Seit Januar 2014 sind mehr als 2,7 Millionen Iraker vor den IS-Milizen geflohen. Etwa ein Drittel von ihnen strömten in Lager in und nahe der nördlichen Kurdenregion. Neben der Gruppe Ärzte ohne Grenzen haben dort auch das UN-Kinderhilfswerk Unicef, das Internationale Rote Kreuz und andere Organisationen Programme laufen, um traumatisierten Menschen zuerst durch Beratung statt Medikamenten zu helfen.

Die Betreuung von Kindern, so die Gruppe Handicap International, ist am schwierigsten. Viele von ihnen sind einfach zu jung, um ihre Gefühle in Worte zu fassen und so ein Ventil zu finden. Die Jüngeren und auch Frauen hätten es schwerer, weil sie seltener als Männer aus dem Haus kämen. Damit fehlten ihnen Außenkontakte, die bei der Bewältigung von Problemen helfen könnten, so der Arzt. "Sie werden weniger in der Gesellschaft unterstützt."

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