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IS-Kalifat wankt: So rollen die Kurden Syriens Norden auf

IS-Kalifat wankt  

So rollen die Kurden Syriens Norden auf

17.06.2015, 15:40 Uhr | Özkan Canel Altintop, t-online.de

IS-Kalifat wankt: So rollen die Kurden Syriens Norden auf. Ist der Vormarsch der Kurden in Nordsyrien noch aufzuhalten? (Quelle: Reuters)

Ist der Vormarsch der Kurden in Nordsyrien noch aufzuhalten? (Quelle: Reuters)

Und schon wieder waren es die Kurden, die dem Islamischen Staat eine schwere Niederlage zugefügt haben: Erst die Schlacht von Kobane, jetzt Tell Abjad. Aber nicht nur diese beiden Städte sind inzwischen unter Kontrolle der Kurden. Im Norden Syriens haben sie weitere wichtige Gebiete erobert. Doch warum stellen sich die Kurden dem IS so entschieden entgegen?

Fest steht: Der Islamische Staat (IS) verliert im Norden Syriens mehr und mehr Nachschubrouten in die Türkei, dem wichtigsten Transitland für Dschihadisten. Fast alle Grenzübergänge werden aber inzwischen von den Kurden kontrolliert. Nur noch ein kleiner Teil im Nordwesten und Nordosten des Landes ist noch nicht unter ihrer Herrschaft.

Mit der vollständigen Einnahme Tell Abjads können die Kurden zugleich die von ihnen beherrschten Gebiete um die Stadt Kobane im Norden und die Stadt Kamischli im Nordosten des Landes vereinen. Türkischen und kurdischen Medienberichten zufolge ist das nächste Ziel die IS-Hauptstadt in Syrien, Ar-Rakka. Auch danach sollen die Eroberungen weitergehen.

Ankara fürchtet Kurdenstaat

Die Türkei steht dem kurdischen Siegeszug skeptisch gegenüber. Vize-Ministerpräsident Bülent Arinc warf den kurdischen Volksschutzeinheiten YPG vor, eine "Flüchtlingswelle" von Arabern und Turkmenen in der Region ausgelöst zu haben. Andere ranghohe Politiker sprechen sogar von ethnischen Säuberungen.

Die Türkei befürchtet, dass sich die eigene kurdische Bevölkerung abspalten will. Bei den jüngsten Wahlen hat die prokurdische Partei HDP den Einzug ins Parlament überraschend geschafft. Sie streben schon jetzt Regionalregierungen an. Ankara befürchtet, sie könnten sich mit den Nachbarn in Syrien oder Irak verbinden. Ein kurdischer De-Facto-Staat wäre die Folge.

Auch deshalb fordert Ankara seit Monaten eine Pufferzone in Nordsyrien, um einen kurdischen Staat direkt an der Grenze zu verhindern.

Kurdische Einheiten fügen der IS in Nordsyrien schwere Niederlagen zu.. (Quelle: dpa)Kurdische Einheiten fügen der IS in Nordsyrien schwere Niederlagen zu. (Quelle: dpa)

Misstrauen zwischen den Völkern groß

Zudem ist das Misstrauen zwischen Kurden, Arabern und Turkmenen (türkische Minderheit in Syrien) schon immer groß gewesen. Jahrzehntelang wurden die Kurden von allen Regimen unterdrückt. In Syrien galten sie immer als Bürger zweiter Klasse.

Gewalt zwischen Kurden und Arabern war an der Tagesordnung. Oft endeten die Auseinandersetzungen mit brutalen Einsätzen des syrischen Militärs. Forderungen der Kurden nach politischem und wirtschaftlichem Einfluss wurden stets abgelehnt.

Zudem ist der Giftgasangriff auf die Stadt Halabdscha durch die irakische Luftwaffe immer noch im Gedächtnis der Kurden. Tausende Menschen starben. Der damalige Präsident des Irak war Saddam Hussein. Ein Araber. Der Aufschrei durch Türken oder Araber blieb damals aus.

Kurden wollen Selbstbestimmung

Die Kurden wollen ihr Schicksal jetzt endlich selbst in die Hand nehmen. Sie glauben nicht an ein freies demokratisches Syrien.

Der Kampf gegen den Islamischen Staat hat die Kurden in Nordsyrien derweil zu einem wichtigen Verbündeten des Westens gemacht. Die Türkei schafft es nicht mehr, sie zu isolieren.

Ankara rüstet und bildet derweil gemäßigte syrische Rebellen und Turkmenen für den Kampf gegen IS-Dschihadisten und das Assad-Regime aus.  

Der türkischen Zeitung "Yeni Safak" zufolge kündigen turkmenische Einheiten jetzt Widerstand gegen ein "Autonomes Kurdistan" an: "Wenn die Kurden einen Staat gründen wollen, werden alle syrischen Einheiten gegen diese Bestrebungen kämpfen", zitiert die Zeitung Ömer Dede, einen ranghohen turkmenischen Kommandeur. "Wir haben zuerst gegen Assad gekämpft, dann gegen den IS und jetzt steht uns die PYD (die PYD ist der politische Arm der kurdischen Milizen Anm.d.R.) gegenüber", sagte Dede der Zeitung.

"Türkisches Vietnam?"

Doch eine kurdische Provinzregierung in Syrien gibt es schon. Bereits im Jahr 2014 wurde ein Syrisch-Kurdistan nach irakischem Vorbild durch die PYD ausgerufen.

Der renommierte Journalist Cengiz Candar stellte jüngst in einer Kolumne für die Zeitung "Radikal" die Frage: "Könnte Syrien ein türkisches Vietnam werden"?

Die entscheidende Schlacht ist noch nicht geschlagen - und niemand weiß wie es weitergeht.

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